
Die grausame Praxis hatte am Ende jedoch einen Zweck: Suizide zu ächten und dadurch zu verhindern. So ist der Werther-Effekt auch ein Dilemma der Mediengesellschaft, zwischen dem Interesse an möglichst schaurigen Details eines Suizids und der Gefahr, durch diese Berichterstattung erst weitere Menschen zur Selbsttötung zu verleiten. Aus diesem Grund ist es nahezu unmöglich, exakte Zahlen über die Nachahmer zu bekommen. Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht sie erst in weitem Abstand zum Ereignis, nach zwei Jahren. Und die Bahn, die genau weiß, wie viele Menschen sich in den kritischen Wochen nach dem 10. November auf den Schienen das Leben genommen haben, hält die Zahlen unter Verschluss. »Wir wollen nicht weiteren Stoff für Berichterstattung liefern«, heißt es dort.
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Karl-Heinz Ladwig, der die Zahlen kennt, aber nicht nennt, leitet für die Deutsche Bahn ein Präventionsprogramm. Er hat mehrere Studien begleitet, die zeigen, wer sich auf den Gleisen umbringt: Fast zwei Drittel sind Männer, die meisten zwischen 24 und 35 Jahren. Auf Bahnhöfen gibt es mehr »Springer«, also Menschen, die sich im letzten Moment vor den Zug schmeißen. Auf freier Strecke kommt es häufiger vor, dass die Person dem Zug entgegengeht oder sich auf die Schienen legt. Diese »Geher« oder »Liegenden«, vermutet man, haben sich schon länger für das Sterben entschieden, die »Springer« handeln dagegen öfter im Affekt.
Insgesamt werden rund acht Prozent aller Suizide in Deutschland auf den Gleisen verübt, durchschnittlich zwischen zwei und drei pro Tag. Ladwig schult deshalb das Bahnhofspersonal, auf Menschen zu achten, die Familienfotos in der Hand halten oder ihr Gepäck auf den Boden stellen, obwohl der Zug gerade einfährt – alles Anzeichen für einen Suizid. »Wenn man solche Personen erkennt und anspricht, springen die nicht«, sagt er. Andere Länder, wie Japan, haben an U-Bahnsteigen große Spiegel montiert, damit sich die Menschen selbst anschauen müssen, wenn sie auf die Gleise steigen. Und eine Untersuchung Ladwigs hat gezeigt: Die Zahl an Suiziden verringert sich enorm, wenn man den Zugang zu sogenannten Hotspots, also Orten an Bahnlinien, an denen sich überdurchschnittlich viele Menschen das Leben nehmen, durch einen einfachen Zaun oder eine Hecke erschwert. Manchmal reicht dazu sogar ein »Durchgang Verboten«-Schild.
Es gibt auch Beispiele, die zeigen, wie man nach dem Suizid eines Prominenten dem Werther-Effekt vorbeugen kann, der Leipziger Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl schreibt davon in einem Aufsatz. Nachdem sich 1994 der Sänger der Band Nirvana, Kurt Cobain, mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen hatte, kamen die Fans bei einer öffentlichen Trauerfeier zusammen, auf der auch eine Tonbandaufzeichnung von Cobains Witwe, Courtney Love, abgespielt wurde. Love, die schon damals selbst als Musikerin berühmt war, weinte zunächst und beklagte den Tod ihres Mannes, fing dann aber an, ihn zu beschimpfen und zu verfluchen, weil er sich so habe gehen lassen.
»Diese Ambivalenz verhinderte einen Romantisierungseffekt und machte allen Anwesenden deutlich, dass Cobains Tod etwas Schreckliches ist«, schreibt Hegerl. Natürlich kann man Robert Enke nicht mit dem drogenkranken Kurt Cobain vergleichen. Als aber im November 40 000 Menschen im Stadion seines Vereins Hannover 96 von ihm Abschied nahmen, übertrugen fünf Fernsehsender gleichzeitig. Und in der Bild-Zeitung war am nächsten Tag zu lesen, dass der schlichte Sarg Enkes viele Gäste an den Sarg von Johannes Paul II erinnert hatte.
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Auf der Journalistenschule lernt man als Erstes, in einem Artikel immer die W-Fragen zu beantworten: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Daran kann sich Christoph Cadenbach noch gut erinnern. Bei der Berichterstattung über einen Suizid können diese Details, die natürlich auch der Leser erwartet, jedoch gefährlich sein, weil sie Nachahmer finden könnten. Ein Widerspruch, der nur schwer aufzulösen ist.
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15 Uhr 11
"Nachdem sich Enke im vergangenen November das Leben nahm, habe es eine »drastische« Steigerung der Suizide in Deutschland gegeben, sagt der Leipziger Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl. Von viermal so vielen Toten allein Mitte November ist die Rede."
Verlässliche Zahlen gibt es nämlich noch gar nicht, wie im Text weiter hinten auch bemerkt wird:
"Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht sie erst in weitem Abstand zum Ereignis, nach zwei Jahren."
Die Bahn gibt auch keine Auskunft, heißt es weiter. Und der Leipziger Professor legt nicht offen, woher er seine Vermutungne über den "drastischen" Anstieg nimmt.
Saubere Recherche kann man das ja wohl nicht nennen.
13 Uhr 57
Wo waren diese Journalisten und ihre Chefredakteure, die jetzt Artikel wie den Cadenbach-Artikel fordern oder wenigstens tolerieren, als über Enkes Tod in allen unnötigen Einzelheiten berichtet wurde? "begründetes Informationsbedürfnis" der Leser? Glaubt Ihr Journalisten an dieses Märchen, um abends gut einschlafen zu können? Da war überhaupt nichts begründet - sondern Prominententode verkaufen sich lediglich gut. Und "die Medien" sind sich nicht zu schade, jeden Trieb ihrer Leser - einschließlich Neugierde und Sensationslust an Promitoden - zu befriedigen, wenn sie damit Geld verdienen. Mag sein, daß auch noch der ein oder andere Journalist ehrlich betroffen war und glaubte, das Artikelschreiben helfe ihm (oder wem sonst?) damit, mit Enkes Tod zurechtzukommen... aber das war's dann auch.
Was sie damit auslösen - bei Menschen, die sich tatsächlich töten, und ihren Angehörigen oder auch nur jenen, die kurz davorstehen - darüber machen sich "die Medien" keinerlei Gedanken, wenn sie es noch ändern könnten (sprich: wenn sie über diese Tode berichten). Wenn sie hingegen mit den "Nachrichten" Geld verdienen können, daß nun vermutlich die Selbstmorde angestiegen sind - dann, ja, *dann* ist plötzlich auch dieser Gedanke erlaubt.
Ekelhaft.
Achja, und über die mangelnden inhaltliche "Richtigkeit" des Artikels haben schon andere Kommentatoren genug geschrieben. Darüber, wie man über Selbstmorde sinnvollerweise sprechen kann, erfährt man ebenfalls nichts. Wie auch, der Autor hat offenbar selbst keine Ahnung, nur die Aufgabe, dazu einen Artikel zu fabrizieren. Wenn der aber schon geschrieben werden sollte... warum dann nicht wenigstens jemand schreiben lassen, der etwas vom Thema versteht? Und das muß nicht ein Professor sein (der kennt die Forschung, ja), das kann sogar ein Praktiker sein, etwa Mitarbeiter einer Selbstmord-Hotline oder entsprechender Organisationen. Mag sein, daß der Artikelinhalt dann nicht so abstrakt-medienjammerig und stattdessen ehrlich kritisch ausgefallen wäre. Aber die entsprechenden Teile hätte man ja immer noch zensieren können...
19 Uhr 04
Was ist denn mit der aufsehenerregenden Berichterstattung über die "Amokläufer"? Wochenlange Fassungslosigkeit über die Tat, öffentliches Rätseln über die tragischen Gründe, die einen jungen Menschen dazu treiben, so etwas zu tun - schon der Begriff "Amoklauf" hat Theaterbühnenqualität. Wie attraktiv ist diese Handlungsalternative für junge Männer geworden, deren gefühlte Ausweglosigkeit dann wenigstens in einem heldenhaften Ende mündet (wir könnten inzwischen ein öffentliches Ratequiz draus machen: Wo und wann kommt der nächste?).
14 Uhr 46
Die Berichterstattung war sicherlich bitter, aber der pathetische Artikel von Caldenbach ("niemand spricht darüber") profitiert ja weiterhin von der Faszination der Mediengesellschaft, die den selbstgewählten Abtritt eines ihrer Protagonisten nicht fassen kann.
14 Uhr 10
Der Suizid von Robert Enke – so wie jeder andere schlimme Vorfall, ein Geschehen, ein tragischer Unfall, ein Ereignis – hat ein ganz bestimmtes Menschenleben gekostet, das unwiederbringlich ist. Wenn ein Journalist nicht den entsprechenden Ton finden kann, um solche Geschehnisse entsprechend in der Tragik des Einzelfalls zu vermitteln, durch Fernsehen, Radio, Kamera – was auch immer, dann hat er den Beruf verfehlt.
Die Angst vor Nachahmungstätern, die durch das Lesen oder das Hören von medialer Darstellung zu ähnlichen Taten angeregt wird, ist lächerlich und klingt zynisch. Auf dieser einen Erde hier, haben es Rundfunk und Fernsehen mit universal Menschlichen zu tun: es sind Menschen für die sie berichten und der Gegenstand ihres Berichts sind Lebensräume und Inhalte, die Menschen interessieren. Doch die Reporter in Deutschland fühlen sich eher einer kalten Objektivität verpflichtet, die es gar nicht gibt, wobei sie sich fast lieber das Herz herausreißen und sich verkünsteln; manchmal wird es dabei unerträglich rührselig bis hin zum Kitsch, dann wieder extrem sachlich und nüchtern! Ich würde mir wünschen, dass wir in Deutschland auch endlich dazu übergehen, die eigene Anteilnahme und Gefühle des Journalisten angemessen zu Wort kommen zu lassen und dass man ohne
zurechtgelegtes Formalgequatsche auskäme, was authentischer wirkt. Dabei könnte man zum Beispiel dieses merkwürdige Strickmuster der Journalistenschule, des wer, was, wann usw. geschickt stilistisch verpacken. usw...
18 Uhr 01
17 Uhr 43
11 Uhr 15
Leider hat diese Studie keinerlei wissenschaftlichen Wert, so dass auch die dahinterstehende Behauptung, die mediale Darstellung eines - hier fiktiven - Selbstmordes hätte Auswirkungen auf die Suizidrate der Bevölkerung - nicht gehalten werden kann. Was die Studien von Phillips angeht, ist er selbst der These abgerückt, dass fiktive Selbstmorde Nachahmungstäter finden, was die Berichterstattung über reale Suizide angeht, bleibt er aber bei seiner Behauptung. Insofern könnte es tatsächlich einen Enke-Effekt gegeben haben, ein Werther-Effekt ist aber - trotz immer wieder anderslautender Berichte - bisher noch keinesfalls nachgewiesen, genauso wie andere mediale Einflüsse auf abweichendes Verhalten, wie sie immer wieder gerne vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen und v.a. seinem Leiter als bewiesen behauptet werden.
09 Uhr 51