aus Heft 08/2010 Die Gewissensfrage 6 Kommentare
Die Gewissensfrage
"Zur Geburt unseres dritten Sohnes bekamen wir einen Gutschein eines Spielwarenladens über 40 Euro. Durch unsere beiden älteren Söhne ist der Bedarf an Babyspielzeug allerdings gedeckt - während unser Ältester immer wieder neues braucht. Dürfen wir unserem ahnungslosen Säugling das Geschenk vorenthalten und stattdessen etwas kaufen, was ihm später gebraucht vererbt werden wird?" Peter S., Landshut
Von Dr. Dr. Rainer Erlinger und Marc Herold (Illustration)
Was hat das Baby davon, wenn Sie es nicht machen? Statt auf den Haufen des vorhandenen Spielzeugs noch ein neu gekauftes obenauf zu legen, wird der Gutschein quasi eingetauscht und es bleibt in der Familie. Der Säugling wird das vermutlich nie erfahren; zudem erküren Kinder ohnehin oft die eigenartigsten und schäbigsten Geschenke zum Lieblingsspielzeug.
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Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl. Warum? Joanne K. Rowling, eine Meisterin auf der Klaviatur unbewusster Wünsche, Aversionen und kindlicher Empfindungen, schildert gleich auf den ersten Seiten des ersten Harry Potter-Bandes, wie dieser die abgelegte Kleidung seines Cousins Dudley tragen muss. Damit illustriert sie plastisch und nachfühlbar die Geringschätzung und Demütigungen, die er im Hause seiner Verwandten erfährt. Es geht um Fragen wie Wert der Person und Individualität, die gerade auch zwischen Geschwistern eine große Rolle spielen.
Dazu muss man nicht in die Diskussion einsteigen, was ein Säugling nun tatsächlich registriert, ob er es spürt, wenn die Eltern ihm etwas Besonderes, nur für ihn Erworbenes geben. Ich bin der Meinung, dass man es ihm unabhängig davon schuldet.
Auch in einer Ethik, wie ich sie vertrete, die sich am Verhältnis zwischen den Menschen orientiert, kann es nicht nur darum gehen, was die Beteiligten tatsächlich bemerken. Sonst wäre eine dreiste Lüge moralisch unbedenklich, wenn sie nur geschickt genug vorgebracht wird.
Es geht um den Respekt, den man dem anderen zollt. Damit meine ich nicht, dass Kinder zu kleinen Prinzen herangezogen werden sollen, für die das Beste und Neueste gerade gut genug ist. Das ist etwas anderes als Respekt, der sich mehr in einer Haltung als in Verwöhnen ausdrückt. Und diese Haltung ist hier betroffen. Sie machen vermutlich nichts falsch im engeren, strengen Sinne, wenn Sie die Spielzeugrochade durchführen, aber ich halte sie - vielleicht drückt man es so am besten aus - für moralisch unsensibel.
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Literatur:
Joan K. Rowling, Harry Potter and the Philosopher's Stone, Bloomsbury, London 2000, S. 27
Zu einer psychologischen Typologie der Geschwisterfolge: Karl König, Brüder und Schwestern - Geburtenfolge als Schicksal, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, 1995
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14 Uhr 08
Ja, wenn man "ebenbürtig" mit Konsumieren gleichsetzt, mag das stimmen. Da müsste ich ja als Drittgeborener Depressionen und Minderwertigekeitskomplexe deswegen mit mir herumschleppen. Ich musste quasi alles "übernehmen"...
Ich persönlich sehe in meinem Bekanntenkreis nur eins: dass die Menge an Spielzeug und "Zeug" im Allgemeinen umgekehrt proportional zur Zeit ist, die die Eltern mit ihren Kindern verbringen...
16 Uhr 38
Mein Vorschlag: Die Eltern/Oma/sonstwer kauft den Gutschein dem Kleinen ab und schenkt ihn dem großen der zufällig etwas braucht zum Geburtstag/Weihnachten/.... Damit ist erstmal das Problem mit dem Gutschein gelöst und die 40€ packt man dann dem Kleinen aufs Konto oder schenkt ihm etwas wenn Bedarf ist.
10 Uhr 31
Man kann übrigens auch später von dem Geld etwas kaufen, nicht jedes Geld muss immer sofort ausgegeben werden, auch wenn uns das immer mehr schmackhaft gemacht wird.
09 Uhr 12
00 Uhr 27
Dingen haften stets Spuren der Vorbesitzer an - und seien es bloß Erinnerungen oder Emotionen. Ein Familienerbstück wird gerade dadurch so wertvoll, dass es einen Bezug zu den Vorfahren hat, z.B. die Großmutter es schon sehr mochte. Oft verpflichtet solch ein Familienerbstück auch - man kann es nicht einfach versetzen, wenn es einem nicht mehr gefällt. Mindestens die übrigen Mitglieder der Familie, die auch einen Bezug zu dem Ding haben, würden einen schon daran hindern oder später abstrafen.
Kaum anders ist es bei von den Geschwistern herabgereichten Sachen. Sie sind nie originäres Eigentum des jüngsten Kindes, an ihnen hängen die Spuren der Älteren. Selbst das besterhaltenste Spielzeug kann so niemals so sehr dem Jüngsten gehören, wie das dem Erstgeborenen neu gekaufte.
Sicher muss man deswegen nicht jedem Kind alles neu kaufen. Aber ein paar neugekaufte Sachen verdient jedes Kind - so wie auch jedes Kind ein paar alte Sachen mal weggeben sollte.
Im übrigen kann man dadurch auch Streit unter sentimentalen erwachsenen Geschwistern vermeiden, die alle ausgerechnet das Spielzeug ihren Kindern geben wollen, das einmal allen gehörte. Und jede Maßnahme, die dazu geeignet ist, erwachsene Leute davor zu bewahren, sich um Spielzeug zu streiten, ist doch eigentlich eine gute ;-)
21 Uhr 14