aus Heft 08/2010 Mode & Accessoires Noch keine Kommentare
"Ich war in allem ein Außenseiter"
Seine Rolle in dem Film Die Blechtrommel machte David Bennent weltberühmt. Ein Gespräch über Kleinwüchsigkeit und Einkäufe in der Kinderabteilung.
Von Christine Mortag und Roswitha Hecke (Fotos)
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SZ-Magazin: Hatten Sie eine so schöne Kindheit, wie dieses Foto von Ihnen im Strampelanzug nahelegt?
David Bennent: Den Strampelanzug hat meine Mutter gestrickt, sie hat alle unsere Sachen selbst gemacht. Als ich ein paar Monate alt war, beschlossen meine Eltern, von Lausanne nach Mykonos zu ziehen. Für meine Schwester Anne und mich war das toll. Den ganzen Tag am Strand rumhängen, der Vater fing Fische, die wir dann aßen.
Und jetzt kommt das große "Aber"?
Die absolute Freiheit kann ganz schön anstrengend sein. Vor allem mit diesen Eltern, die mit der Zivilisation nichts zu tun haben wollten. Wir lebten autonom, beinahe anarchistisch.
Was heißt das?
Mein Vater hatte die Einstellung: Wenn mir was nicht passt, gehe ich. Und ihm passte vieles nicht. Dann packte er die Koffer und wir wurden durchs Leben gezogen, lebten mal bei Freunden, bei meiner Großmutter in Lausanne, im Hotel. Selbst bei meiner Geburt war er stur: Ich hatte eine Wachstumsstörung, war zu klein und zu schwach, die Ärzte sagten, ich würde die nächste Woche nicht überleben. Trotzdem nahm mein Vater mich aus dem Brutkasten und mit nach Hause. Er meinte, wenn ich schon sterbe, dann wenigstens nicht im
Krankenhaus.
Nehmen Sie ihm das übel?
Ach, so ist er bis heute. Meine Mutter hatte kürzlich einen Schlaganfall, und mein Vater verweigert jede professionelle Hilfe. Er meint, er wüsste am besten, was ihr guttut. Einerseits verstehe ich ihn, andererseits bin ich in großer Sorge, ob es wieder gut geht. Er ist ja jetzt schon 88.
Wie hat Sie Ihre Erziehung geprägt?
Wir Kinder konnten machen, was wir wollten, und wurden immer unterstützt. Aber wir mussten früh Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen. Damit war ich oft überfordert. Als ich mich in der Schule nicht wohlfühlte, sagte mein Vater: »Geh halt nicht mehr hin.« Weglaufen ist einfach, schwieriger ist es, die Konsequenzen zu tragen.In der Schule waren Sie dann ja auch nur sporadisch, oder? Insgesamt vielleicht drei Jahre. Hauptsächlich wurden wir von unserer Mutter unterrichtet. Sie hatte eine Genehmigung dazu, und in der Schweiz gibt es ja keine Schulpflicht. In Deutschland gab es Ärger, die Nachbarn zeigten uns beim Jugendamt an. Das war auch wieder so ein Ding meiner Eltern: Ich kann zwar lesen, schreiben, rechnen, habe aber keinen Schulabschluss. Das schränkte meine beruflichen Möglichkeiten sehr ein. Astronaut hätte ich nicht werden können.
Mit zwölf spielten Sie in der Blechtrommel. War danach nicht sowieso klar, dass Sie Schauspieler werden?
Quatsch. Damals wollte ich Jockey werden, wozu ich bei meiner körperlichen Konstitution ja bestens geeignet wäre.
Warum wurde nichts daraus?
Mit 17 war ich in München auf einem Gymnasium und litt fürchterlich, weil ich nicht mitkam. In den Osterferien besuchte ich meine Schwester in Paris, die dort auf der Schauspielschule bei Patrice Chéreau war. Ich ging öfter mit und eines Tages fragte er mich, ob ich in seiner Inszenierung von Jean Genets Stück Die Wände mitspielen wolle.
Kurz danach erhielten Sie ein Angebot der legendären Comédie Française.
Unglaublich, nicht wahr? Als erster Deutsch-sprachiger und mit 17! Ich blieb dann bei der Schauspielerei und am Theater, weil ich mich da gut aufgehoben fühlte.
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