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aus Heft 09/2010 Politik Noch keine Kommentare

Der Hoffnungsträger

Dass Sigmar Gabriel zum Chef der SPD wurde, war vielleicht nur ein komischer Zufall. Aber immerhin hat er die Umfragewerte der Partei von 23 auf 22 Prozent verbessert. (Ja, Sie lesen richtig.)

Von Evelyn Roll  Foto: Konrad R. Müller



Sigmar Gabriel ist der 14. Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Und er ist der Erste, der sich einen Computer auf den Schreibtisch gestellt hat. Wie ein großer Junge – ein etwas schwergewichtiger großer Junge in weißem Erwachsenenhemd und Krawatte – klickt er sich in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus durch die Seiten seiner »Zwölf Thesen zur Erneuerung der SPD«, durch Charts und Tafeln und erklärt, dass die SPD sich in Zukunft mehr öffnen soll. Er nennt das die »atmende Partei«. Weil die SPD seit 1976 vor allem Mitglieder verloren hat, sagt er auch noch: »Bisher atmet die Partei allerdings nur aus.«

Und dann überprüft er mit einem erstaunlich intensiven und jeden Zweifel aufmerksam registrierenden Igelaugen-Blick, ob seine Besucherin den kleinen Scherz auch verstanden hat. Die Besucherin denkt an Franz Müntefering, an Matthias Platzeck und an Kurt Beck, die an diesem Schreibtisch schon gesessen haben. Denn natürlich ist die Frage: Wieso jetzt eigentlich Sigmar Gabriel? Das ewige Talent, längst abgeschrieben als unseriöser, sprunghafter, wenn auch außerordentlich politikbegabt unterhaltender Hansdampf, Fähnchen-in-den-Wind-Halter und grandioser Wahlverlierer.
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Aber vielleicht ist es ja gerade das. Der 27. September war für die seither ehemalige Volkspartei eine historisch einmalige Niederlage und Demütigung. 23 Prozent. Das ist eine existenzielle Niederlage. Das hätte die älteste Volkspartei Deutschlands auch final zerreißen können.

Sigmar Gabriel wusste schon vorher, wie es ist, existenziell zu verlieren. Er weiß, dass man so eine Niederlage annehmen muss, wenn man noch einmal neu anfangen möchte. Er hat die Spielregeln in seinem eigenen Leben gelernt: Man muss sich neu erfinden, sich bereithalten, auf die richtigen Freunde und Berater setzen. Es kann von ganz unten auch wieder nach oben gehen, nach ganz oben sogar, wie man sieht. Ausatmen. Einatmen.

Also hat er eine wichtige Erfahrung bereits hinter sich, die die SPD noch vor sich hat. Und die Geschichte vom Aufstieg, Abstieg und Wiederaufstieg des Sigmar Gabriel ist möglicherweise ein Lehrstück dafür, wie Politik funktioniert und dass man in diesem Geschäft niemals aufgeben sollte. Mit 39 Jahren war Sigmar Gabriel das herausragende Riesentalent der SPD, der Nachwuchsstar, jüngster Ministerpräsident aller Zeiten und designierter Schröder-Nachfolger. Dann, mit der niedersächsischen Landtagswahl im Februar 2003, kam der Absturz: von der absoluten Mehrheit in die absolute Opposition. Mit allem, was dazugehört, auch sehr viel Häme und Schadenfreude, vor allem in der eigenen Partei.

Er hat damals nicht mehr an sich geglaubt, ist krank geworden, Atemprobleme, der Stoffwechsel und die Seele, nichts mehr hat mitgespielt. Die Beziehung brach weg, die Bandscheibe auch. Eigentlich wollte er schon ganz raus aus der Politik, hat mit einem Freund diese Beratungsfirma gegründet, die dann auch noch einen 100 000-Euro-Vertrag von VW annahm, obwohl Gabriel dort als Ministerpräsident im Aufsichtsrat gesessen hatte. Das machte alles nur noch schlimmer. Gabriel muss sich gefühlt haben, wie die SPD sich seit dem 27. September fühlt.

Dann hat er sich einen Coach genommen, einen Krisenberater. Hat nachgedacht, sich zurückgenommen, an sich gearbeitet, Verbündete gesucht, Englisch gelernt und Betriebswirtschaft und noch einmal ganz neu angefangen. So kann es gehen in der Politik. Manchmal muss man nur abwarten, sich zurücknehmen, gut vorbereitet sein, um dann wie zufällig genau in der Kurve zu stehen, aus der andere gerade herausfliegen. Bei Sigmar Gabriel hat es so funktioniert. Von ganz unten nach ganz oben.

Warum sollte das der Partei nicht auch gelingen? Aber ob die Sozialdemokraten das überhaupt schon verstanden haben?

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