Schiebt die Frau dem Mann zuliebe den Kinderwunsch immer weiter hinaus, geht damit noch eine andere Gefahr einher: Die Frau rutscht in die Rolle der Befürworterin, der Mann wird zum Neinsager. Diese Rollen verfestigen sich. Mit einer neuen Partnerin fällt es dem Mann dann plötzlich leicht, Ja zum Kind zu sagen. Denn »ihm ist die Entscheidung nun abgenommen, mit wem er zusammenbleibt«, sagt Peter Kaiser von der Uni Vechta, »und zur Rettung seines Selbstbildes sagt er dann: Ich habe es genauso gewollt«.
Ich habe Briefe an Paul geschrieben und sie vergraben. Ich konnte keine Schwangeren mehr sehen, ich konnte nicht mal aufgeschnappte Satzfetzen ertragen wie: »Ach, ich werde ja immer so schnell schwanger!« Ich konnte keine Babys sehen. Ich war neidisch, ich war verbittert. Alles habe ich auf mich und meine Situation bezogen, sogar wenn mich ein Autofahrer angehupt hat: Ja, klar, dachte ich, du hupst, weil die andere schwanger geworden ist und nicht ich! Meine größte Angst aber ist bis heute, dass ich Paul mit einem Kind an der einen Hand und dem Kinderwagen in der anderen Hand um die Ecke biegen sehe.
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Das erste Jahr war unerträglich. Das zweite Jahr war schlimm. Fast kein Abend verging, an dem ich nicht geweint habe. Jetzt, drei Jahre später, geht es langsam aufwärts. Ich bin umgezogen, ich habe meinen Freundeskreis komplett ausgetauscht. Und doch kommen immer noch ohne jede Ankündigung Nächte, in denen ich aufwache und sterben möchte. Die Wut ist dann besonders groß, wenn mir einfällt, dass die andere mein Leben führt: Wieso darf sie das, wieso ich nicht? Bin ich selbst schuld, weil ich Paul durch mein ständiges Reden über ein Leben mit Kindern gut vorbereitet habe auf das Leben, wie er es jetzt führt? Erst seit ich mich tröste, dass das Leben dieser anderen Frau nur ein Abklatsch dessen ist, was Paul und ich miteinander geführt hätten, geht es mir besser.
Immer noch bin ich ganz begierig auf schlechte Nachrichten von der anderen. Erzählen mir Bekannte, dass sich das Paar mittlerweile schlecht versteht und sie schrecklich aussieht, freue ich mich. Jahrelang kannte ich ihre Handynummer auswendig, hatte ich sie eingespeichert, gelöscht, wieder gespeichert. Und jahrelang kannte ich auch die Geburtsdaten der Kinder.
Wie wird eine Frau mit so einer Katastrophe fertig? Anette Kersting, Professorin für Psychosomatische Medizin, sagt: »Es gibt kein anderes Mittel, als den Schmerz auszuhalten und ihn nicht wegzuschieben. Die, die das nicht bewältigen können, sind in Gefahr, darin stecken zu bleiben.« Sie hat Untersuchungen mit Frauen gemacht, die ein Kind verloren haben – dieser Schmerz ähnelt jenem der Frauen, die ein Kind wollten, aber keines bekamen. Oft hält er jahrelang und beeinträchtigt die Betroffenen in ihren Beziehungen und in ihrem Alltagsleben erheblich. In solchen Fällen spricht man von einem pathologischen Trauerfall.
»Wenn es aber angemessen läuft, wird der Schmerz über die Jahre hinweg weniger«, sagt sie. Tewes Wischmann, der Diplompsychologe, rät zur Trauerarbeit. »Man kann so einer Frau nur wünschen, dass sie gut eingebunden ist in ihrem sozialen Umfeld und sich nicht isoliert. Sonst entwickelt sich ganz schnell eine depressive Reaktion.«
Leider hasse ich auch die Kinder. Hilft nichts, zu lügen. Ich habe mir immer versucht einzureden, dass die Kinder nichts dafürkönnen. Können sie auch nicht. Aber für meine Gefühle kann ich auch nichts. Paul und ich haben keinen Kontakt mehr. Das heißt, ein Jahr nach der Trennung gab es noch mal ein komisches, sehr distanziertes Gespräch. Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Manchmal überlege ich mir, ob er noch an mich denkt. Und sie – ob sie auch manchmal an mich denkt?
Das Ganze hat nun viele Jahre gedauert und große Schmerzen bereitet. Aber endlich habe ich mich vor einigen Monaten wieder verliebt. Er ist Staatsanwalt, hat mir das Segeln beigebracht, ist liebevoll und großzügig: Ich bin sehr glücklich mit ihm. Bald werden wir zusammenziehen. Trotzdem – die Sache mit dem Kinderwunsch ist gegessen. Ich bin jetzt über vierzig. Das wird nichts mehr.
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Susanne Schneider kennt allein sieben Frauen, denen es so erging
wie der Frau in dieser Geschichte. Der extremste Fall: ein Mann, dessen Freundin jahrelang ein Kind wollte, verlässt sie für eine andere, die schon drei eigene Kinder hat und von ihm ganz schnell zum vierten Mal schwanger wird. Leider wollte die Verlassene ihren Fall nicht ausführlich erzählen, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen noch.
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02 Uhr 00
ganz genau. besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können - d.h. natürlich nicht nur das oben zitierte.
ja. seltsam, der artikel. als wenn es der frau schneider darum gegangen wäre, bei den männlichen lesern eine art schuldbombe zu zünden.
damit will ich auf keinen fall das leid der betroffenen schmälern. aber es ist auch mir zu wenig selbstreflexion in dem artikel. es wäre wirklich mehr als interessant, die "erwiderung" des mannes zu lesen. vielleicht lässt sich da ja was machen.... ?!
01 Uhr 50
19 Uhr 39
Wenn denn in der Beziehung wirklich alles so super-duper gewesen ist, dann stellt sich mir zunächst einmal die Frage, warum Paul mit einer anderen Frau ins Bett gegangen ist. Vielleicht hat Paul das ein bisschen anders gesehen, von wegen Traumpaar und so?
Ja, es ist eine wirklich traurige Geschichte. Aber was mir daran nicht gefällt, ist die Tatsache, dass hier leider alles nur aus der Sicht der Betroffenen geschildert wird. Paul erscheint in dieser Geschichte nur als das A....loch, das mit einer anderen im Bett war und sich dann abmeldet, als er ein Kind mit der anderen bekommt. Es gibt kein Nachdenken darüber, was Paul dazu gebracht hat, mit der anderen ins Bett zu gehen, was ihn dazu gebracht hat, zu der anderen Frau zu ziehen, mit ihr ein zweites Kind zu bekommen, warum Paul jahrelang kein Kind mit der Betroffenen haben wollte etc. pp.
Das ist mir alles zu einseitig.
12 Uhr 14
Vielleicht ist es aber auch ein deutsches Problem, dass Frauen über 35 als Risikogruppe abgestempelt werden. Ich lebe z.Zt. in Dänemark und hier ist es völlig entspannt, mit über 40 Kinder zu bekommen. Keiner versucht einem einzureden, wie problematisch das nun alles werden könnte.
Vielleicht klappts ja eben doch noch!