Anzeige

aus Heft 10/2010 Fünfzig Zeilen 8 Kommentare

Debatte

Ich sage: Guido, Thilo - Maul halten. Angesichts dieser Debattenkultur wirken Verschweigen, Aussitzen und Weiterwursteln wie rationale, humane und weise Alternativen.

Von Tobias Kniebe 



Das wirklich Perverseste, was man in der sogenannten deutschen Debattenkultur in letzter Zeit hören konnte, hat der Bundesbank-Vorstand und ehemalige Berliner SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin vor Kurzem einem SZ-Reporter gesagt. Es war keine ausländerfeindliche, rassistische oder beleidigende Bemerkung. Ausländerfeindliche, rassistische und beleidigende Bemerkungen sind harmloses Gequassel gegen das, was er wirklich gesagt hat.

Es ging um die Frage, woher Sarrazins viel zitierte, im Brustton der Faktizität vorgetragene Behauptung eigentlich kommt, dass siebzig Prozent der türkischen und neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung Berlins den Staat ablehnten und in großen Teilen weder integrationswillig noch integrationsfähig seien. Sarrazin gab zu, dass er keinerlei Statistiken dazu habe. Er gab zu, dass es solche Statistiken auch gar nicht gibt.
Anzeige

Bisher hat schlichtweg kein Meinungsforscher der türkischen und arabischen Bevölkerung Berlins diese Frage gestellt. Thilo Sarrazin behauptet also etwas, von dem er schlicht und einfach nichts weiß. Wenn man aber keine Zahl hat, erklärte Sarrazin dem Reporter weiter, muss »man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch«. Danke dafür. Hier zeigt das, was wir derzeit »Debatte« nennen, wenigstens einmal seine erschreckende Fratze.

Es geht darum, schwachsinnige, ideologische, gefährliche Pseudofakten in die Welt zu setzen und irgendjemand anderem die mühsame und kostspielige Arbeit zu überlassen, den Schwachsinn faktisch und wissenschaftlich zu widerlegen. Was natürlich unmöglich ist. Leute wie Sarrazin und Westerwelle können Pseudfoakten mit einer Geschwindigkeit in die Welt setzen, die jede Nachprüfung und Widerlegung unmöglich macht.

Wenn das als Strategie nicht komplett gewissenlos ist, weiß ich nicht, was dann.

Das Internet und der moderne News- und Fakten-Overkill verschärfen das Problem noch. Man muss aber eine persönliche Antwort darauf finden. Meine Antwort ist, dass ich jetzt erstens gar nichts mehr glaube und zweitens auch gar nichts mehr hören will. Halt!, rufen da die größten Schwachsinnsverbreiter.

Muss man dieses und jenes nicht mal sagen dürfen? Die Debatte in Gang bringen? Ist Drüberreden nicht besser als Nichtdrüberreden? Ich sage inzwischen: Nein. Ich sage: Guido, Thilo, Maul halten. Angesichts dieser Debattenkultur wirken Verschweigen, Aussitzen und Weiterwursteln wie rationale, humane und weise Alternativen. Herzlichen Glückwunsch!

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Mau Zi (0) Schon interessant, es wird auf die Debattenkultur verwiesen und dann gibt es folgende Aussagen in diesem Magazin: "Ich sage: Guido, Thilo, Maul halten." Wunderbare Debattenkultur, dass attestiere ich doch herzlich gerne.

    Des weiteren folgende Frage eines Nutzers in Bezug auf die Kernaussage des Textes, die meint: "Es geht darum, schwachsinnige, ideologische, gefährliche Pseudofakten in die Welt zu setzen und irgendjemand anderem die mühsame und kostspielige Arbeit zu überlassen, den Schwachsinn faktisch und wissenschaftlich zu widerlegen." DIE FRAGE nach der Quelle DIESES ARTIKELS des Nutzers Lars Trebing (1) "Wo kann man denn das Interview nachlesen?" ist im übrigen immer noch nicht beantwortet, nach über einer Woche. Ich attestiere wieder gern, hervorragende Debattenkultur auch hier. Herzlichen Dank.
  • Gottfried Burkhardt (0) Nehmen wir einmal als Arbeitshypothese an, dass Herr Sarrazin tatsächlich ein Rassist ist. Als solcher wird man nicht geboren,denn es gibt gottlob kein entsprechendes Rassisten-Gen. Man kann sich aber im Laufe des Lebens zu einem Rassisten entwickeln. Regelmäßig dauert das seine Zeit, es sei denn, die Erleuchtung kommt aus "heiterem" Himmel, wie bei Konstanin I. vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahre 312. Diese Variante ist bei Herrn Sarrazin nicht anzunehmen.
    Er ist seit 1973 (!) SPD - Miglied und seitdem mit großer Beharrlichkeit auf der Karriereleiter aufgestiegen. Ohne Förderer geht das nicht. Es fragt sich, wie ein Rassist es zum Vorstandsmitglied der Bundesbank bringen konnte. Offensichtlich sind niemanden die "schädlichen Neigungen" des Herrn Sarrazin aufgefallen.Waren diejenigen, die ihn auf den Schild gehoben haben blind, oder haben sie geflissentlich weggeschaut? Sollte die Arbeitshypothese zutreffen, wird man denjenigen, die Herrn Sarazzin nach oben gehievt haben, eine Mitschuld am jetzigen Dilemma zuweisen müssen.
  • Ingrid Barth (0) P.. Bullshitting funktioniert immer, nach dem Motto, schüre Ängste mit Behauptungen-und rechne damit,daß die seriösen Gegenbeweise Zeit brauchen-in dieser Zeit kannst du sogar den Irak überfallen, (ein Beispiel nur....)

    Ihr Maul werden solche Burschen und harten Kerls wohl nicht halten....es geht um knallharte Interessen.Und wenn ich mir das ängstliche Geeiere der etablierten Parteien zu Sarrazin ansehe.....na ja, auch die SPD hat Angst vor Wählerverlust.
    Mehr ist es wirklich garnicht-aber sie vertreten uns nicht mehr-das ist längst klar erkennbar-und das macht ihnen am meisten Angst. In der Vergangenheit hatte man aber nicht so Angst, sogar einen Sozialwissenschaftler einfach aus der Partei auszuschliessen.
    Ich nehme dies so zur Kenntnis. Mithin der Erbärmlichkeit und Nullpositionierung.
  • Ingrid Barth (0) Es ist seit vielen Jahren in dieser Republik so: erstmal Hetztiraden starten mit unbewiesenen Unterstellungen, Diffamierungen samt Lügen-wer erinnert sich noch an die "Florida-Rolf"-Hetzkampagne der Bildzeitung, der Gerhard Schröder brav populistisch folgte? Dies war doch auch in seinem Sinne-was brachte es uns?
    Danach war das Mediengespenst des angeblich faulen Sozialschmarotzers geboren-eine Lügenwelt wurde erschaffen-wer es glaubt, bleibt weiter dämlich.
    Der mediale Dreckbewurf geht weiter-es gibt keine Minderheit, die nicht diffamiert wird. Der ewige Sündenbock eben....änderte sich irgendetwas im Wesentlichen? Im Grunde werden nur Emotionen geschürt, mehr nicht und an niedrigste Instinkte, Ängste appelliert.
    Danke für diesen Beitrag und es ist wirklich schon lange nicht mehr auszuhalten.
  • Lars Trebing (1) Wo kann man denn das Interview nachlesen?
  • Burkhard Henze (0) Herr Sarrazin ist eben ein Populist der sein Buch möglichst gut platzieren und verkaufen möchte.Auch so eine Werbung ist Werbung und wird die Verkaufszahlen des Buches nur nach oben treiben.
  • Marwin Rüffer (1) Danke. Es ist nicht auszuhalten.