Es gab einmal eine Zeit, in der war der Rennsport nicht nur cool und fortschrittlich, er gehörte auch zur kulturellen Avantgarde. »Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake«, schrieb im Jahr 1909 der Italiener Filippo Tommaso Marinetti im Gründungsmanifest des Futurismus. Der Rennwagen wurde zum Sinnbild der Verwegenheit und Abenteuerlust, vor allem anderen aber das Sinnbild der Zukunft.
Später, in den Dreißiger- und Vierzigerjahren, mit der Entwicklung stärkerer Motoren, entstand der viel beschworene Rennfahrer-Mythos: Die damaligen Silberpfeile von Mercedes erzielten Leistungen, die in der Formel 1 erst wieder in den Siebziger-jahren üblich wurden, damals bastelte der Kraftfahrzeugschlosser Enzo Ferrari auch noch persönlich an seinen Motoren herum und die Fahrer trugen Ledermützen und Fliegerbrillen und hatten nach einem Rennen Ruß und den aufgeflogenen Dreck der Bahn im Gesicht.
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Der Sieger erhielt einen Lorbeerkranz, antikes Statussymbol eines Helden. Diese Helden hießen später Graham Hill, Jackie Stewart, Emerson Fittipaldi, Mario Andretti oder Niki Lauda, Namen, bei denen Rennsportfans nostalgisch werden. Und in den Achtzigerjahren Nelson Piquet oder Alain Prost. Und natürlich Ayrton Senna. Er starb am 1. Mai 1994, Brasiliens damaliger Präsident Itamar Franco ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Heute undenkbar.
Wann genau der Lorbeerkranz der Magnumflasche Champagner weichen musste, ist nicht klar, aber Sennas Unfalltod markiert in etwa die Zeitenwende. Bis dahin machte es zwar genauso viel Sinn, im Kreis zu fahren, wie heute, aber die Rennen waren ein Spektakel und sehr gefährlich. »Die Autos waren früher simple Gefährte, auf Geschwindigkeit ausgelegt, das Risiko nur selten kalkulierbar«, sagt zum Beispiel Niki Lauda.
In Amateurfilmaufnahmen eines französischen Zuschauers kann man sehen, wie Laudas Ferrari 312 T2 im Jahr 1976 auf der Nordschleife des Nürburgrings, die heute nach ihm benannt ist, plötzlich ausschert, gegen eine Felswand prallt, die Fahrbahn entlangschleudert und in Flammen aufgeht. Niki Lauda überlebte diesen Unfall schwer gezeichnet. Und dennoch: Es war diese Mischung aus Verwegenheit und Unkontrollierbarkeit, die Zuschauer fesselte.
Und Andretti oder Stewart waren nicht nur verdammt gute Autofahrer, sie waren Showstars. Stewart kleidete sich wie die Pop-Größen seiner Zeit, ließ seine Haare lang wachsen und hatte die breitesten Koteletten in der Geschichte des Rennsports. Und auch wenn das kein politisches Statement war, so war es wenigstens ein kulturelles. Sebastian Vettel, der nette junge Mann aus Heppenheim, trägt bei einem Wetten dass . . ?-Auftritt Jeans und T-Shirt unter einer Red-Bull-Baseballkappe.
Die Formel 1 war zu Stewarts Zeiten noch jener großartige und spannende Zirkus, von dem heute nur noch die Rede ist.
Nun soll Michael Schumacher, der mehr als doppelt so viele Titel gesammelt hat wie Jackie Stewart, aber leider nicht annähernd so charismatisch ist, die Zuschauer zurück an die Fernseher locken. Mit 41. Er startet für Mercedes. Natürlich schlägt ein solches Comeback Wellen. Natürlich werden die Menschen hinschauen, aber was sie zu sehen bekommen, ist nicht diese Mischung aus Verwegenheit und Abenteuerlust, wie sie sich etwa die Futuristen wünschten.
Was sie zu sehen bekommen, ist ein Rückblick auf das vergangene Jahrhundert: Die Macho-Witze von Branson und Fernandes sind da nur der Anfang. Die Formel 1 wird weiter von Ölkonzernen als Großsponsoren unterstützt, die Autos werben weiter für Bier und Whisky und der Tabakkonzern Philip Morris kämpft hinter den Kulissen immer noch darum, dass Ferrari sein wunderbar feuriges Rot dem matten Rot einer Marlboro-Schachtel anpasst.
Die Zuschauer werden weiter die Grid-Girls sehen, die vor den Rennen in wenig Textil gepresst die Tafeln mit den Startnummern halten. Sie werden Rennstallboxen sehen, die aussehen wie der OP-Saal eines städtischen Krankenhauses, klinisch sauber und scheinbar keimfrei. Und daneben steht Bernie Ecclestone, der bald achtzig Jahre alte Mann, auf den nach wie vor die Charakterisierung »ehemaliger Gebrauchtwagenhändler« am besten passt.
Wer es wahnsinnig gut meint mit der Formel 1, wird sagen: Na ja, die Show ist halt ein wenig in die Jahre gekommen, wie Schumi. Wer aber einen vernünftigen Blick auf die Kulisse wirft, kann nur sagen: Formel 1? Das 20. Jahrhundert ist vorbei, Leute. Schaltet endlich die Maschinen ab.
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12 Uhr 20
Obwohl mit Sicherheit auch die Verfasser dieser Zeilen jeden Tag in ein Auto mit ESP,ABS und sonstigem Schnickschnack steigen,daß zum größten Teil zuerst in der F1 entwickelt wurde,wird die Königsklasse als Relikt einer vergangen Zeit gesehen.Das der allseits geforderte Sparzwang,der bei Teams wie Toyota und BMW wegen deren Ausstieges an andere Stelle wieder gelobt wird,an der fehelden Entwicklung Schuld ist,wird keine Silbe verschwendet.
Da werden die Stars wie Stuart,die aus einer Zeit stammen wo es wirklich nur um Machogetue ging,um bei jeder Party zu ermitteln ,wer der besoffenste war,in den Himmel gehoben.
Aha,mit Koteletten hat man also Charisma"Ganz interessante Theorie.
Die Autoren gehören woll auch zur berühmten Meinungsbesetzerszene,wenn es um M.Schumacher geht.
Ein A.Senna wurde hier von den Herren Schreibern noch vergessen.Das verwöhnte Diplomatenkind,daß schon als Fünfjähriger mit dem Chauffeur zum Kartfahren gebracht wurde.(M.Schumacher hat in diesem Alter die Mülltonnen mit den weggeworfen Reifen nach brauchbarem durchsucht)
A.Senna hatte aber auch Charisma.Ob es nun daran lag,weil er Brasilaner war und sein lispelndes Portugiesisch so kultmässig rüberkam,oder einfach weil er M.Schumacher mal in der Boxengasse geohrfeigt hatte.Das alles hat natürlich ein M.Schumacher nicht zu bieten.
Wenn der gewinnt war es Beschiss.Bei einem A.Senna ist es Legendentum.
Die Männer in unzähligen anderen Artikeln zu durchtrainierten Weicheiern machen,aber einenn Vettel kritisieren,weil er gerade so rumläuft wie es gefordert wird.
Machogetue anprangern,aber den früheren Rennfahrern die das verkörperten huldigen.
Lauter wirres Zeug eben.
Und noch etwas zu meinem Vorposter.
Hoffentlich regiert das limbische System noch lange,denn sonst ist die Welt an Langeweile nicht mehr zu überbieten.
15 Uhr 28
Wie bei allen über mehrere Jahre ritualisierten und bestimmten Formen folgenden inszenierten Großspektakeln wird es aber geraume Zeit dauern, ehe die Formel 1 sich grundlegend verändert oder ganz verschwindet. Solche Spektakel zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie nicht den Verstand ansprechen, sondern das Gefühl: Rausch, Begeisterung, Ekstase, Machtphantasien, die Illusion, die Umwelt (auch: Technik) unter Kontrolle zu haben und gleichzeitig das gefährliche Spiel mit den Grenzen. Und über die Medienpräsenz die Möglichkeit, dass Massen an Zuschauern daran teilhaben können, ohne selbst etwas zu riskieren. Solange das limbische System die Vernunft dominiert, wird es solche Phänomene immer geben, und wenn es nicht in der Formel 1 ausgelebt wird, dann durch etwas anderes.
15 Uhr 05
Und zwar die technische Vorreiterrolle und der Entwicklungsantrieb. Würde man diesen in der Formel 1 in die richtige Richtung lenken, könnte die Autoindustrie da sehr von profitieren!
10 Uhr 56