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aus Heft 10/2010 Sport 4 Kommentare

Immer nur im Kreis

Am Sonntag geht das Gerase wieder los. Ein Abgesang auf einen Sport, der einst für den Rausch der Zukunft stand - und heute nur noch von gestern ist.

Von René Hofmann und Alexandros Stefanidis 

Die Formel 1 galt einst als Spitze des Automobilsports. Inzwischen ist sie zu einem lieblos eingerichteten Museum verkommen
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Wenn an diesem Wochenende die Formel-1-Saison 2010 beginnt, werden zwei neue Teams am Start sein, die von Männern finanziert werden, die hauptsächlich mit Fluglinien ihr Geld verdienen: der Milliardär Richard Branson mit seinem Rennstall »Virgin Racing« und der Malaysier Tony Fernandes, der das legen-däre »Team Lotus« wiederbeleben will.

Branson und Fernandes steigen nicht selbst in ihre Rennwagen, wie es wagemutige Millionäre aus Abenteuerlust und Renneifer früher taten, sie lassen andere für sich fahren. Für sie ist die Formel 1 nur ein Spielplatz. Die beiden haben für diese Saison nämlich eine Wette laufen: Wessen Team am Saisonende weniger Punkte hat, muss einen Tag lang in der Fluglinie des anderen Getränke servieren – in einem Stewardessen-Kostüm, versteht sich. Kaum war der Pakt verabredet, ließ Fernandes eine Fotomontage basteln, die Branson in einem engen roten Röckchen zeigt.

Die Formel 1 galt einst als Spitze des Automobilsports. Inzwischen ist sie zu einem lieblos eingerichteten Museum verkommen: die Denkweise, das Frauenbild, die Technik – alles Relikte einer, zumindest in Zentraleuropa, längst vergangenen Zeit. Die Vermarktungsrechte der Show gehören inzwischen einer Private-Equity-Firma aus Luxemburg, die den bald 80-jährigen Bernie Ecclestone als Formel-1-Chef agieren lässt, obwohl der Brite ein sehr fragwürdiges Hitler-Bild hat (»Er hat die Dinge erledigt bekommen«) und eine ebenso fragwürdige Einstellung zur Demokratie (»Ich hasse Demokratie als politisches System. Sie hält dich einfach nur auf. Ich glaube, die Menschen brauchen jemanden, der für sie entscheidet«).

Die Formel 1 hat sich in den vergangenen Jahren angeblich der Welt geöffnet, neue Märkte erschlossen, sagt Ecclestone gern. Aber wer genau hinschaut, entdeckt in den neuen Formel-1-Austragungsorten wenige wirklich freie Länder: Seit 1999 startet die Formel 1 auch in der Wahlmonarchie Malaysia, seit 2004 im Königreich Bahrain und China, seit 2009 im Emirat Abu Dhabi. In Wahrheit hat sich die Formel 1 in Areale zurückgezogen, in denen es keine kritische Diskussion gibt, in denen Monarchen, Emire oder Diktatoren nur gern den Zirkus in der Stadt haben.

Zur Belustigung, zum Entertainment, als angeblichen Beleg ihrer Fortschrittlichkeit. Widerständen weicht die Formel 1 damit aus. In den USA, nicht nur für die europäischen Autofirmen der wichtigste Markt, wird es in diesem Jahr kein Rennen geben. Wie in den beiden vergangenen Jahren auch schon.

Dass sich die Konzerne Honda, Toyota und BMW aus der Serie zurückgezogen haben, ist nur konsequent. Für die mickrigen Erfolge, die sie einfuhren, verpulverten sie zu viel Geld. Aber wenn die Formel 1 wirklich noch eine internationale Bühne wäre, auf der man präsent sein muss, wenn es in der Formel 1 wirklich noch um die Weiterentwicklung der Motoren, um die Zukunft des Automobils gehen würde, wären sie sicher dabeigeblieben. Ein Modeschöpfer sagt ja auch nicht gleich alle Modenschauen ab, wenn eine Kollektion einmal nicht gut ankommt.

Nein: Honda, Toyota und BMW haben eingesehen, dass es auf der Rennstrecke nicht halb so viel zu gewinnen gibt, wie sie dort an Image verlieren können. Umweltschutz? Mit einem neuen Reglement hätte sich die Formel 1 spielend als Vorbote einer umweltfreundlicheren Autozukunft inszenieren können. Dafür hätte man nur das Motorengeheul an einigen Stellen dezimieren müssen. Statt um mehr PS hätte es um weniger Spritverbrauch gehen können.

Einen einzigen zaghaften Schritt in die Richtung gab es: Im vergangenen Jahr durften die Rennteams einen Teil der Energie, die beim Bremsen entsteht, speichern und beim Beschleunigen wieder freisetzen. Aber das grüne Feigenblatt wurde für diese Saison wieder abgeschafft. Hybridmotoren, nicht erst seit dem Niedergang von General Motors groß in Mode, waren dem Formel-1-Chef zu teuer. »Die Entwicklung würde Millionen verschlingen«, sagte Ecclestone.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Es gab einmal eine Zeit, in der war der Rennsport nicht nur cool und fortschrittlich, er gehörte auch zur kulturellen Avantgarde.)

Kommentare

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  • Frank Mechler (0) Es greift in Deutschland immer mehr ein Trend um sich.Menschen die nicht im geringsten mit einer Sache zu tun haben,schreiben allerlei wirres Zeug.
    Obwohl mit Sicherheit auch die Verfasser dieser Zeilen jeden Tag in ein Auto mit ESP,ABS und sonstigem Schnickschnack steigen,daß zum größten Teil zuerst in der F1 entwickelt wurde,wird die Königsklasse als Relikt einer vergangen Zeit gesehen.Das der allseits geforderte Sparzwang,der bei Teams wie Toyota und BMW wegen deren Ausstieges an andere Stelle wieder gelobt wird,an der fehelden Entwicklung Schuld ist,wird keine Silbe verschwendet.

    Da werden die Stars wie Stuart,die aus einer Zeit stammen wo es wirklich nur um Machogetue ging,um bei jeder Party zu ermitteln ,wer der besoffenste war,in den Himmel gehoben.
    Aha,mit Koteletten hat man also Charisma"Ganz interessante Theorie.
    Die Autoren gehören woll auch zur berühmten Meinungsbesetzerszene,wenn es um M.Schumacher geht.
    Ein A.Senna wurde hier von den Herren Schreibern noch vergessen.Das verwöhnte Diplomatenkind,daß schon als Fünfjähriger mit dem Chauffeur zum Kartfahren gebracht wurde.(M.Schumacher hat in diesem Alter die Mülltonnen mit den weggeworfen Reifen nach brauchbarem durchsucht)
    A.Senna hatte aber auch Charisma.Ob es nun daran lag,weil er Brasilaner war und sein lispelndes Portugiesisch so kultmässig rüberkam,oder einfach weil er M.Schumacher mal in der Boxengasse geohrfeigt hatte.Das alles hat natürlich ein M.Schumacher nicht zu bieten.
    Wenn der gewinnt war es Beschiss.Bei einem A.Senna ist es Legendentum.
    Die Männer in unzähligen anderen Artikeln zu durchtrainierten Weicheiern machen,aber einenn Vettel kritisieren,weil er gerade so rumläuft wie es gefordert wird.
    Machogetue anprangern,aber den früheren Rennfahrern die das verkörperten huldigen.
    Lauter wirres Zeug eben.

    Und noch etwas zu meinem Vorposter.
    Hoffentlich regiert das limbische System noch lange,denn sonst ist die Welt an Langeweile nicht mehr zu überbieten.
  • Eva Chen (0) Ich teile die Meinung der Autoren des Textes: mir würde ohne die Formel 1 absolut nichts fehlen und ich finde, es gibt viele Formen der Volksbelustigung, die umweltschonender, billiger und weniger gefährlich sind.
    Wie bei allen über mehrere Jahre ritualisierten und bestimmten Formen folgenden inszenierten Großspektakeln wird es aber geraume Zeit dauern, ehe die Formel 1 sich grundlegend verändert oder ganz verschwindet. Solche Spektakel zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie nicht den Verstand ansprechen, sondern das Gefühl: Rausch, Begeisterung, Ekstase, Machtphantasien, die Illusion, die Umwelt (auch: Technik) unter Kontrolle zu haben und gleichzeitig das gefährliche Spiel mit den Grenzen. Und über die Medienpräsenz die Möglichkeit, dass Massen an Zuschauern daran teilhaben können, ohne selbst etwas zu riskieren. Solange das limbische System die Vernunft dominiert, wird es solche Phänomene immer geben, und wenn es nicht in der Formel 1 ausgelebt wird, dann durch etwas anderes.
  • Sebastian Fritzemeier (0) Grundsätzlich teile ich die Meinung meines Vorredners, jedoch leuchtet mir ein Aspekt des Kommentars sehr wohl ein:

    Und zwar die technische Vorreiterrolle und der Entwicklungsantrieb. Würde man diesen in der Formel 1 in die richtige Richtung lenken, könnte die Autoindustrie da sehr von profitieren!
  • Otto E. Fuss (2) Seit ca. 50 Jahren interessiere ich mich für Motorsport und die Formel 1 und werde es wohl auch weiterhin tun. Es hat sich sehr viel verändert in diesem Sport; das Einzige, was sich wohl nie ändern wird, sind (überflüssige) Kommentare von Journalisten die mit Motorsport nichts „am Hut“ haben. Ich kann ja verstehen, dass sich Leute nicht für die Formel 1 interessieren, aber dann sollten sie doch bitte Kommentare über Fahrräder oder Federball schreiben. Was haben z.B. die dummen Äußerungen eines Herrn Ecclestone oder die Politik eines Landes in dem Rennen veranstaltet werden mit dem Sport als solchen zu tun? Gar nichts – also, was soll das? Selbstverständlich ist auch beim Motorsport sachliche Kritik angebracht, aber Formel 1 Rennen sind immer noch ein „großartiger und spannender“ Zirkus und haben auf der ganzen Welt sehr viele Fans. Schaltet lieber entsprechende Journalisten anstatt der Maschinen ab.