Kaisers Klassik-Kunde 05. April 2010 2 Kommentare
Folge 47: Vibrationsalarm
Joachim Kaiser, der einflussreichste deutsche Musikkritiker, beantwortet in seiner Video-Kolumne Fragen der Leser. Diesmal: Warum ist das Vibrato inzwischen bei vielen Dirigenten verpönt?
Von Joachim Kaiser
Der große Mann des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung geht online: Joachim Kaiser öffnet sein Klavierzimmer und beantwortet in seiner Video-Kolumne Fragen der Leser des SZ-Magazins zu klassischer Musik.
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10 Uhr 32
Nach meinem Kenntnisstand sollte man zuallererst zwischen dem Vibrato zur Erzeugung eines bestimmten Affekts und dem zur Klangerzeugung unterscheiden. Ersteres war die Anwendung im Barock bis zur Frühklassik, wo das Vibrato natürlich nicht verpönt war. Aber eben nicht zur Dauerklangerzeugung, sondern um dem einzelnen Ton einen bestimmten Ausdruck zu verleihen.
Die spätere Entwicklung, gegen deren Vorläufer sich wohl schon Leopold Mozart in seiner häufig zitierten Schule wandte, verwendet dagegen das Vibrato, um den großen Geigenklang zu erzeugen, um den großen Ausdruck des romantischen und des romantisierten klassischen und barocken Repertoires zu realisieren.
Und dies ist das Vermächtnis, das wohl in allen Geigenschulen und Geigenlehrern des 19. und 20. Jhd. auf uns gekommen ist. Denn die klassische Ausbildung ging und geht wohl noch immer so, dass man den »großen Bogen« spielt, um einen möglichst gleichmäßigen Ton im Auf- und Abstrich zu finden. Und als Krönung der geigerischen Entwicklung setzt man dann das Vibrato drauf. Entsprechend fassungslos steht man als traditionell geschulter Geiger dann auch vor der Anforderung Barockmusik in barocker Manier zu spielen, wo prinzipiell jede Note der Tendenz nach als Glockenton gespielt wird, also stark anschwellend und dann ausklingend. Ob mit oder ohne Vibrato hängt dann vom musikalischen Zusammenhang ab.
Ich denke, es reicht also nicht, die großen Geiger zu befragen, um ein endgültiges Urteil über das Vibrato zu erhalten. Die haben ohnehin dedizierte Meinungen, je nach Epoche und – nebenbei ein ganzes Arsenal an verschiedenen Vibratos.
Was die Anwendung im Orchesterrepertoire betrifft: Natürlich klingt Musik in karajanisierter Form – also mit hoch entwickeltem Dauervibrato – schön. Das intensivere Musikerlebnis habe ich aber inzwischen bei Orchestern, die das Vibrato nur sparsam einsetzen (von vollständigen Verzicht kann eh keine Rede sein). Aus dem Grund, weil die Strukturen der Musik nicht mehr in der Klangwolke des Orchesters versinken, sondern deutlich und deutlicher zu hören sind. Man entdeckt altbekanntes Repertoire ganz neu.
Und ob man eine Aufnahme von Vivaldis »Vier Jahreszeiten« mit den breiten vibratösen Bögen der Karajanepoche oder die schlanke, rhythmisierte Version etwa eines Giuliano Carmignola schöner findet, ob die bombastische Matthäus-Passion eines Karl Richters oder die minimalisierte vibratoarme Form eines Sigiswald Kuijken. All dies mögen auch Geschmacksfragen sein. Mehr Musikstrukturen – und ich finde damit auch mehr Musikerlebnis – erhört man sich sicher in den historisch informierten Versionen.
Übrigens habe ich noch keine ausführliche Untersuchung gefunden, inwiefern die Entwicklung des Dauervibratos im Orchester im 20 Jhd. den Anforderungen der Schallplatte rsp. CD geschuldet ist. Ist nur ein Verdacht, aber wäre eine interessante Diskussion.
Eine Literaturempfehlung meinerseits: Wer sich als Geiger oder Hörer mit dem Thema Vibrato im Barock beschäftigen möchte, dem sei das sehr gut lesbare Werk von Greta Moens-Haenen, »Das Vibrato in der Musik des Barock: Ein Handbuch zur Aufführungspraxis für Instrumentalisten und Vokalisten« (1988, zweite Auflage 2004) ans Herz gelegt.
11 Uhr 54