aus Heft 18/2010 Gesellschaft/Leben 4 Kommentare
Ohne Worte
Einst waren Werber beneidete Freigeister. Hochbezahlte Künstler. Popstars. Heute hat die Werbung ein Problem - und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um die geschwundene Symbolkraft eines ganzen Berufsbildes.
Von Max Fellmann Fotos: Josef Schulz /VG Bild-Kunst
Sprachlos: Es ist lang her, dass Werbung fast so etwas wie Kunst war.
Soll man mit den wilden Geschichten anfangen? Mit den drei Düsseldorfer Werbern, die sich damals extra ihre Harleys mit dem Laster nach Cannes fahren ließen, um beim Werbefilmfestival einen dicken Auftritt hinzulegen? Oder soll man mit Frédéric Beigbeder anfangen, dem französischen Ex-Werber, der sagt, wer in der Werbung arbeitet, bekomme sein Gehalt eigentlich als Schmerzensgeld?
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Vielleicht muss man in der Gegenwart anfangen. Der Werbung geht es schlecht, und wenn man verstehen will, warum, dann beginnt man am besten mit dem Fall Springer & Jacoby. Die Hamburger Agentur S & J war jahrelang der Inbegriff der kreativen Ideenschmiede, unzählige preisgekrönte Kampagnen (TUI, Telekom, Mercedes), immer neue Ideen und Überraschungen. Und dann: pleite. Seit Jahren hatte sich die Agentur mit Mühe über die Runden gequält, aber als vor wenigen Wochen tatsächlich Schluss war, hielt die gesamte Werbebranche die Luft an.
Denn es war ja nur der vorerst lauteste Knall in einer Serie von Explosionen. Young & Rubicam waren mal fast 400 Leute, jetzt 60, überall werden Gehälter gekürzt, Angestellte auf Kurzarbeit gesetzt, mehr als die Hälfte der deutschen Agenturen hat im Jahr 2009 Mitarbeiter entlassen, das Branchenblatt Werben & Verkaufen (W & V) meldete allein letztes Jahr 15 größere Pleiten. Der Gesamtverband Kommunikationsagenturen (GWA) hat errechnet, dass der Branche in den letzten zwölf Monaten ein Drittel ihrer Gewinne weggebrochen ist.
Was ist da los? Liegt es nur an der Wirtschaftskrise? Fehlt das Spielgeld? Nein, es gibt tiefere Gründe. Dieses ganze eigenartige Business geht in seinem Innersten kaputt. Man kann das Strukturwandel nennen. Man kann auch einfach sagen: Werbung ist nicht mehr gleich Werbung.
Feico Derschow kennt das Geschäft seit vierzig Jahren. Der gebürtige Holländer war in hohen Positionen bei den großen Agenturen, bei GGK, bei Eiler & Riemel, McCann, Saatchi & Saatchi. Jetzt ist er Mitte sechzig, berät nur noch einen befreundeten Weinhändler und schaut sich die Branche aus entspannter Entfernung an. Er schlägt ein Treffen in »Schumann’s Bar« vor, natürlich, aber die Bar hat vormittags zu, man sitzt ihm also in einer altmodischen Konditorei in der Nähe der Münchner Oper gegenüber. Passt zum Zustand der Branche.
Derschow sieht aus wie ein älterer Kunstlehrer, schüttere graue Haare, rostbraune Cordhose, grünes Sakko, weißes iPhone. »Wir sind ja selber schuld«, sagt er und lacht. »Die ganze Branche hat verschlafen, dass neue Zeiten anbrechen.« Er sagt, der grundlegende Wandel dieses Berufs habe schon begonnen, als man noch dachte, alles sei wunderbar, in den Achtzigerjahren. »Als ich anfing, 1971, waren die Agenturen klein, Kreativdirektor und Agenturchef waren oft ein und derselbe. Aber dann entstanden neue Hierarchien. Und bei den Kunden war es genauso. Schließlich sprachen nicht mehr Kreative und Unternehmer miteinander, sondern auf beiden Seiten nur noch mittleres Management. Ab da ging es bergab.«
(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Werbung in den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts ihre Hochzeit erlebte, und wie es dann bergab ging.)
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