aus Heft 19/2010 Religion 4 Kommentare
"Es wäre eine Katastrophe, wenn die Kirche ihre Grundsätze über Bord werfen würde"
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Von Matthias Drobinski und Tobias Haberl (Interview) Fotos: Andreas Mühe
Alle kritisieren den Papst. Sie nicht.
Nein, im Gegenteil, ich bewundere den Papst. Er hat die schwerste aller Aufgaben, den innerkirchlichen Zerfall ohne Befehl und Diktat zu beenden und eine neue Harmonie herzustellen. Die Medien sind auf vermeintliche Pannen fixiert, aber die berühren einen Nachrichtenredakteur, nicht den Papst. Ein Papst darf sich gar nicht für solche Aufgeregtheiten interessieren. Ihm geht es nicht um die schnelle Nachricht, die Sensation, den Knalleffekt, ihm geht es darum, mit unendlicher Geduld einen Baum zu pflanzen, dessen Früchte er selbst nie sehen wird.
Viele sagen, er sei zu unpolitisch und weltfremd.
Johannes Paul hatte es viel leichter. Er hatte einen klaren Gegner: das kommunistische Regime. Die libertäre Konsumgesellschaft mit ihrer schleichenden Tendenz zu einem gesellschaftlichen Totalitarismus ist doch ein viel schwierigerer Feind. Dazu muss Papst Benedikt an alle katholischen Christen der Welt denken, zum Beispiel in China, wo gerade ein gigantisches Versöhnungswerk stattfindet, die Aufhebung der Trennung der maoistisch kontrollierten Kirche und der Untergrundkirche mit ihren Märtyrern, eine riesige Belastungsprobe für beide Seiten. Wir denken immer, Deutschland sei der Nabel der Welt. Das ist aber nicht so.
Was uns bei den Recherchen überrascht hat: Ihr Vater war Protestant. Stimmt, er war ein sehr unbürgerlicher Mensch und hat mich stets dazu ermutigt, allein zu stehen. Vielleicht ist das ein Stück Protestantismus in mir, aber es ist ein umgekehrter Protestantismus: Luther richtete sich gegen eine mächtige Institution. Ich fordere in einer formlosen Kirche die Institution zurück.
Kritiker halten Sie deswegen für reaktionär. Man könnte Sie auch als radikalen Individualisten bezeichnen, immerhin fordern Sie als Einzelner die Institution zurück und treten damit auf paradoxe Weise für die Individualisierung des Religiösen ein.
So wenige sind das gar nicht mehr, die unzufrieden mit der formlosen Kirche sind. Wir dürfen auch nicht den Irrtum begehen, unsere Gegenwart für das Letztgültige zu halten. Die einzige Gewissheit, die es gibt, heißt: Alle Verhältnisse werden sich radikal ändern. Deshalb ist es so gefährlich für die Kirche, nur die Gegenwart im Blick zu haben. Ich sage sogar: Das, was der Gegenwart besonders missfällt, ist wahrscheinlich das Zukunftsträchtigste.
Sie sind ein Anhänger der tridentinischen Messe. Erinnern Sie sich an Ihre erste Alte Messe?
Das war bei einem Priester in Hattersheim, einem hässlichen Vorort von Frankfurt, in einer muffigen und trostlosen Umgebung. Er hieß Pfarrer Hans Milch, ein gewaltiger Kanzeldonnerer, ein wilder, ungebärdiger, origineller Mann, der vom Bischof entlassen worden war und sich ein Missionshüttchen in diesem schauerlichen Hattersheim gebaut hatte. Verteidiger des Alten Ritus werden ja gern des Ästhetizismus verdächtigt. Aber in dieser von jeder Schönheit weit entfernten Umgebung lernte ich, dass die Liturgie sich ihre Kathedrale baut.
Meinen Sie den Pfarrer Milch, der mit der Piusbruderschaft sympathisierte?
Milch hatte geniale Züge, aber er war zu expressionistisch für meinen Geschmack. Seine Predigten sprengten die Liturgie.
Die Inhalte waren Ihnen egal?
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah.
An diesem Wochenende findet der Ökumenische Kirchentag in München statt. Werden Sie da sein?
Mit Sicherheit nicht. Ich muss nicht frohsinnigen Menschen mit Sektenlächeln über den Weg laufen. Das sind Reichsparteitage des organisierten Christentums – entsetzlich!
Was ist so schaurig daran?
Der Heerschau-Gedanke. Der sentimentale Ökumenismus. Das Wir-Gefühl. In der Religion geht es um den Einzelnen, um sein persönliches Verhältnis zu Gott. Ich finde diese Berauschung in der Menge furchtbar. Die liturgische Tradition atmet den Geist der Nüchternheit, fast einer Frostigkeit. Sie dient nicht der Seelenmassage.
Was meinen Sie mit Seelenmassage?
Dass die Kirche nichts von einem Wellnessausflug haben darf. Das Christentum ist nicht leicht konsumierbar. Im Gegenteil: Die Religion tritt dem Menschen als etwas Fremdes entgegen, als das ganz Andere. Sie fordert ihn auf, seinen Platz zu verlassen, sich zu ihr zu begeben, ihre Fremdartigkeit und Tiefe zu ergründen. Religion muss auf die Menschen erst einmal fremd und schwierig wirken. Die schreckliche Vereinfachung führt zu großen Illusionen und am Ende zum religiösen Kater.
Sie muss immer der Gegenentwurf zum Zeitgeist sein?
Das ist ihr kostbarster Besitz. Die Kirche ist immer Gegengesellschaft. Sie ist immer der Spalt in der Mauer der totalen Gegenwart. Das bindet mich an die Kirche und macht sie für mich notwendig bis zu meinem Tod.
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Was passiert mit Ihnen, wenn Sie zwei, drei Wochen keine Messe besuchen können? Dann weiß ich, dass ich falsch lebe.
Was fehlt Ihnen dann?
Mir fehlt, zu dieser objektiven Ikone hinzugetreten zu sein. Mir fehlt, einmal von mir abgesehen zu haben und mich in den Bannstrahl der Wirklichkeit begeben zu haben, in eine Welt, die nicht nach meinen Gesetzen abläuft.
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Matthias Drobinski, 45, und Tobias Haberl, 34, hatten viel von und über Martin Mosebach gelesen, bevor sie ihn zum Interview trafen. Sie lernten dann einen Menschen kennen, der vorsichtig spricht und entschieden formuliert. "Ihn für einen Reaktionär zu halten trifft es nicht", finden beide. "Mosebach ist kaum fassbar, konservativ, liberal und anarchisch zugleich. Ein Individualist, der gegen den Individualismus ankämpft. Das ist sein persönlicher Kreuzweg."
Martin Mosebach wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren. Bevor er Schriftsteller wurde, studierte er Jura. Vor allem wegen seines Buches Häresie der Formlosigkeit (2007), in dem er die Rückkehr zum Römischen Messritus fordert, wird er in der Presse als politischer und religiöser Reaktionär bezeichnet. "Nur wer auf Knien glaubt, kann glauben", heißt es dort. Seitdem polarisiert Mosebach das deutsche Feuilleton wie kaum ein zweiter Autor. 2007 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Zurzeit ist er Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin.
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08 Uhr 05
01 Uhr 13
Zustimmung.
Danke, Herr Mosebach.
18 Uhr 28
18 Uhr 25
Ich habe auch kein Problem mit der Unerfüllbarkeit - das ist doch ein Kerngedanke des Christentums (s. Römer 3:23 und 11:32, s.a. Römer 11:33-36) und kommt ja dem Menschen in seiner Beschränktheit entgegen. Aber ums Erfüllen, also ums Tun, geht es im Christentum letztlich gar nicht, sondern ums Sein - ums Kind-Gottes-Sein.
MfG