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aus Heft 19/2010 Religion 7 Kommentare

Heile, heile Segen?

Seite 3

Von Christian Nürnberger 





Draußen fällt ein Schaf nach dem anderen in den Brunnen, und drinnen im Tempel streiten Laien und Kleriker über das richtige Abendmahlsverständnis wie einst die Pharisäer mit Jesus über die rechte Sabbatheiligung. Draußen marschieren die Industriestandort-Kommandanten und hauen die Welt in Scherben, drinnen will der Bischof seinen Schäflein weismachen, das Überleben der Kirche hänge vom Zölibat ab. Und Frauen sollen untauglich fürs Priesteramt sein, nur weil das vor Jahrhunderten ein paar alte Patriarchen so beschlossen haben.
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Theologen streiten heute bei fast jedem Jesuswort darüber, ob es sich um ein echtes Wort oder nur um eine »Gemeindebildung« handelt, sie sprechen bei zentralen biblischen Geschichten ganz ungeniert von Märchen, Sagen, Legenden, Mythen, die ganze kirchliche Dogmatik steht also auf tönernen Füßen, und diese Füße stehen in sumpfigem Gelände, aber der Papst und seine Gelehrten ziehen aus diesem Sumpf eher-ne Gesetze für die Ewigkeit und tun so, als seien ihre dogmatischen Blüten mit harten Tatsachen verwurzelt. Es sind aber nur Ableitungen aus zeitbedingten Interpretationen von Interpretationen längst vergangener Fakten, die wir nicht mehr kennen.

Der heutige Papst hat, als er noch der junge Professor Ratzinger war, in seiner Einführung ins Christentum eine Geschichte des französischen Schriftstellers Paul Claudel zitiert. Darin betet ein schiffbrüchiger Jesuitenmissionar, auf dem Balken eines gesunkenen Schiffes im Meer treibend: »Herr, ich danke dir, dass du mich so gefesselt hast. Zuweilen geschah mir, dass ich deine Gebote mühsam fand …Doch heute kann ich enger nicht mehr an dich angebunden sein, als ich es bin, und mag ich auch meine Glieder eines um das andere durchgehen, keines kann sich auch nur ein wenig von dir entfernen. Und so bin ich wirklich ans Kreuz geheftet, das Kreuz aber, an dem ich hänge, ist an nichts mehr geheftet. Es treibt auf dem Meere.«

Der junge Ratzinger sah darin die Situation des Glaubenden von heute. Nur ein über dem Nichts schwankender loser Balken scheint ihn noch zu halten.

Der alte Ratzinger versucht heute, diesem Treibgut des Glaubens als Leuchtturm und Fels in der Brandung zu erscheinen. Aber das Treibgut durchschaut das Leuchtturm-Gebaren des Papstes als Pose und hat nun endgültig das Gefühl: Der schwimmt ja selbst mit verrostetem Kompass durch die Welt und mit ihm seine ganze katholische Kirche.
Daher wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für die längst fällige Erneuerung beider Kirchen gekommen.

Die Korrektur der Unterleibsgeschichten wäre noch keine wirkliche Erneuerung, sondern nur deren Voraussetzung. Erst wenn die katholische Kirche aufhörte, ihre Energie für ihre lächerlichen Kämpfe gegen Pille, Kondom und Frauen zu verschleißen, könnte sie anfangen, sich gemeinsam mit den evangelischen Mindergläubigen im Aufbau einer Alternative zum wertevernichtenden Kapitalismus zu erneuern. Erst dann wüchse den Kirchen die Kraft zu für den eigentlichen Auftrag, »Volk Gottes« zu sein und als solches der Welt vorzuleben, wie man leben muss, damit das Leben aller gelingt.

Das Personal, das man dafür bräuchte, gibt es in Rom nicht, auch nicht in
den bischöflichen Ordinariaten, und in den Gemeinden ist es dünn gesät. Daher wird wahrscheinlich nichts geschehen. Allenfalls eine zähe, über Jahre sich hinziehende neue Zölibatsdebatte wird es geben, und die gut organisierten Machtklüngel werden dem Kirchenvolk ihren erbitterten Widerstand entgegensetzen, so lange, bis kein Volk mehr da ist – es sei denn, das Volk rebelliert endlich.

Aber vermutlich sind die meisten potenziellen Rebellen schon ausgetreten und hinterlassen eine Ruine. Vielleicht sprießt daraus irgendwann mal, in Jahrhunderten, eine neue Kirche – falls dann noch Menschen leben. Mehr Hoffnung gibt es zurzeit leider nicht.


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Gäbe es die Rote Liste aussterbender Arten auch für Menschen – Christian Nürnberger, 59, stünde drauf: Er ist seit 25 Jahren mit derselben Frau verheiratet, seit 40 Jahren in der SPD, genauso alt ist sein Bart, aber am ältesten ist seine Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche, 2011 werden es 60 Jahre.

Kommentare

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Kommentar:

  • Ansgar Wilhelmi (0) Bravo, Pfui, Bäh! Ihre erste Seite habe ich genossen, ab der zweiten dann überlesen, dann dann kam nur das alte Lied: die Mehrheit ist gut, die Basis, schlecht sind nur die Oberen. Nein - Kapitalismus, Wert-Losigkeit etc. das ist die Mehrheit, die Basis, das was die Twitterer auf den Kirchentagen wollen - auch wenn sie gerne die Nase noch etwas höher tragen. Der Fisch stinkt genauso vom Schwanz her.
  • Peter Schmitz (0) Nochmals Bravo! Bravo! Bravo! Dies ist mit Abstand der beste Beitrag zur aktuellen Situation! In tiefempfundener christlicher Solidarität wünsche ich Ihnen weiterhin diesen Mut zu einem wahren Wort!
  • Paul Avram (0) Herr Nürnberger, Sie stellen hier genau die richtigen Fragen. Respekt!
    Und eigentlich wissen Sie auch warum Sie dieses "gelebte Wertesystem" niemals innerhalb dieser Institution finden werden. Die Antworten geben Sie selbst:
    1. Sie haben Ihre Suche von vorneherein schon auf die "beiden Kirchen" beschränkt. Damit haben Sie bereits das Ergebnis vorgegeben. Sie können in der Wüste noch so intensiv nach Schnee suchen, Sie werden keins finden. Genau diese zwei Kirchen konkurrieren seit vielen Jahrhunderten mit den weltlichen Machthabern um... eben Macht. Da gingen sie auch gerne über Leichen, wenn es sein musste (welche Werte??).
    2. Sie "lassen sich Ihre Naivität nicht kaputtmachen". Sie lassen sich also gerne und sehenden Auges in die Irre führen. Na, dann haben Sie es auch nicht anders verdient. Ihre Aufregung dient offensichtlich nur dem Business. Sie suchen ja garnicht. Auch OK.

    Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich diese beiden Barrieren überschritten habe und tatsächlich eine wahre und wertvolle Christengemeinschaft gefunden habe, die nicht nur an der Oberfläche kratzt. Übrigens die einzige weltweit, die den Namen Gottes nicht vorsätzlich versteckt.
    Gotes Segen für Ihre weitere Suche!
  • Swaantje Janke (1) Mir hat dieser naive Aufschrei des Herrn Nürnberger sehr gefallen.
    Verzeihen sie Herr Nürnberger.
    Ich mochte Papst Paul II. auch, weil er für den Frieden eintrat. Ansonsten und innerhalb der Kirche, stelle ich mir die Frage: waren die denn je moralisch ? Das kenne ich aus Geschichtsbüchern ganz anders. Moral verkünden, willige, demütige Gefolgschaften haben, das ist Sinn der Übung. Wohl dem der glaubt. Wohl dem, der sich moralisch verhält.
    Das sind doch eher die Evangelen, die ja auch einen wesentlich geringeren Anteil an Pädophilen haben.
    Auch frage ich mich: Wann war Kapitalismus je menschlich ?
    Vor dem 1. Weltkrieg nicht, vor dem 2. auch nicht !
    In den 20 Wirtschaftswunderjahren nach dem Krieg, als alles neu produziert werden musste, als es noch als Konkurrenz den Sozialismus gab ( drastische Änderung des Kapitalismus in den 90zigern...sicher kein Zufall) waren es sicher goldene Jahre.

    Ich glaube, dass die gebeutelten Massen endlich auf die Straße gehen müssen, friedlich wie einst mit Gandhi und ihre Rechte und Moral einfordern. Sonst wird das nie etwas !
    Wie sagt Heinz Rudolf Kunze so schön: "Gewogen und zu leicht befunden". Eine Masse, ob sie nun gläubig ist oder nicht, die sich alles gefallen lässt, sollte sich über die Verachtung die ihr entgegen gebracht wird von oben nicht wundern!
  • Sara Teichmann (0) Aus der Ich-Perspektive
    Die oberen Vertreter der Kirche begreifen nicht, dass sie sich mit ihren Heilsversprechungen selbst diskreditieren. Die Art und Weise, wie sie uns „Gott“ verkaufen, stößt ab. Dogmatik und Besessenheit, dass nur sie den Weg zu Gott kennen und wir in Angst und Sünde gar nicht anders können, reicht nicht. Denn eingenebelt, kann man nicht klar sehen. Rationale Begründungen für Glauben und Debatten über den gesunden Zweifel öffentlich zu führen, halten sie nicht für nötig. Ratzinger&Co. halten die Menschen für dumm, obwohl unsere Intelligenzen als ‚Elite’ Entscheidungen von weltpolitischer Tragweite treffen, meinen sie immer noch in Glaubensfragen den einzelnen Menschen zu „gängeln.“ Das ist Machtgebaren durch Vorenthalten von Wissen. Nur wenn die Kirche in ihrem Anspruch bescheidener aufträte und von ihren vertretenen Kirchenlehren, Unfehlbarkeitsdogma und Absolutheitsansprüchen abrückte, kann sie Bedeutung erhalten. Das macht sie nicht! Aber „wir“ – jeder einzelne ist Kirche – (ich bin schon seit 1993 ausgetreten, trotzdem habe ich im Phil. Studium zum ‚eigenen Schaden einen Dualismus’ vertreten. Pustekuchen, sie helfen nicht!)
  • Axel Hersch (1) Die erste Steigerungsform von banal lautet SZ Magazin.
  • Maximilian Eberl (0) Bravo! Bravo! Bravo!

    Es zerreisst mich, wenn bezahlte und beamtete Theologen heute noch darüber streiten, ob Jesus in der Hostie real präsent ist, während draußen die Gesellschaft in Stücke fliegt.

    Wenn ein Papst seine Kirche als rechtsradikale Polittruppe missbraucht und Evangelikale mit den Taliban um den Fanatismuspokal konkurrieren.

    Sie sind ein würdiger Freund und Helfer des Mannes aus Galiläa.

    Gerade wer selber Vater ist und viel mit Kindern arbeitet, der weiß, wie sehr heute ein lebendiger und gelebter und lebensfähiger Glaube Not tut. Der weiß, wie wichtig für Kinder ein Papst ist. Aber eben nicht dieser Papst.

    Die Schriftstellerin Hilde Domin hatte in manchen Situationen ihres gefährdeten Lebens nur eine Rose als Stütze. Aber so eine Rose stützt besser und zuverlässiger als alle Stahlbetonkonstruktionen von irgendwelchen Bohrinseln.

    Gott schütze Sie und helfe Ihnen, lieber Herr Nürnberger!!