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aus Heft 21/2010 Reise Noch keine Kommentare

Kein schøner Land

Norwegen ist besser, moderner, lebenswerter als jeder andere Staat der Welt, sagen die Statistiken. Also das Paradies?

Von Torgrim Eggen  Fotos: Damian Heinisch, Corey Arnold, Gary John Norman

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Kann man über Norwegen schreiben, ohne auf die Wikinger einzugehen? Also bringen wir es gleich hinter uns: Da wäre zum Beispiel Walhall, die himmlische Wohnstätte des Gottes Odin in der nordischen Mythologie. Dorthin gelangt nur, wer in ehrenhaftem Kampf gefallen ist. In Walhall wird immerfort gekämpft, den ganzen Tag. Am Abend wartet das Festmahl: ein Eber. Er heißt »Sährimnir«, und das Gute an Sährimnir ist, dass er am Morgen nach dem Festmahl wieder aufersteht. Jeden Tag aufs Neue. Ein Jahrtausend nach der Christianisierung Norwegens ist dieser Mythos zur Wirklichkeit geworden.

Gemäß dem »Sährimnir-Prinzip« fließen heute vier Prozent des staatlichen Ölfonds in den Haushalt von Norwegen und stärken vor allem den Sozialstaat. Der Fonds gründet auf den Einnahmen, die der norwegische Staat seit den Sechzigerjahren aus der Öl- und Gasgewinnung bezieht. Im März dieses Jahres enthielt er rund 360 Milliarden Euro, das entspricht 74 600 Euro pro Einwohner. Das Geld wird weltweit angelegt, um ein Polster zu schaffen für die Zeit, in der Öl keine Rolle mehr spielen wird. Es ist eine Ewigkeitsmaschine, wie der Eber Sährimnir, der immer wieder aufersteht – jedenfalls solange die Weltwirtschaft nicht ärger gegen die Wand fährt als 2008. Damals büßte der Fonds 81 Milliarden Euro ein – zu viel Geld war im Ausland verspekuliert worden, etwa bei der US-Investmentbank Lehman Brothers.

Trotz dieser kleinen Delle belegt Norwegen auch im aktuellen Human Development Index der Vereinten Nationen wieder Platz eins, bereits zum fünften Mal hintereinander. In keinem Land der Welt ist das Gesamtpaket aus hoher Lebenserwartung, Bildungsniveau und Kaufkraft so bestechend. Ganz zu schweigen von der majestätischen Schönheit der Fjorde. Was macht dieses Land aus, das reich ist, ohne zu protzen, das dünn besiedelt ist, aber fortschrittlicher als der Rest der Welt, in dem sich niemand ernsthaft um seine Zukunft sorgen muss? Und dessen Vertreter beim letzten Eurovision Song Contest, Alexander Rybak, seine Konkurrenz düpierte und mit größerem Abstand den Grand Prix gewann als jeder Sieger vor ihm? Ist es wirklich nur das Öl?

Maria Reinertsen, Wirtschaftsjournalistin bei der Wochenzeitschrift Morgenbladet, hat vor Kurzem das Buch Die Glücksformel veröffentlicht. »Das Öl hilft«, sagt sie. »Es macht aus einem der besten Länder der Welt das beste überhaupt. Wir brauchen keine unangenehmen Entscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel Schweden oder Dänemark, wo Sparmaßnahmen zu schmerzhaften Einschnitten im sozialen Netz geführt haben.«

Darüber hinaus sieht Reinertsen die Ursache für das norwegische Erfolgsmodell in einer Art Allianz von Arm und Reich gegen die Mittelschicht, einer stillschweigenden Übereinkunft, die Mittelschicht am stärksten zu belasten, um die Abgaben für Unter- und Oberschicht gering zu halten. »Das führt im Ergebnis zu höheren Löhnen für die Unterschicht, was gut ist für den sozialen Frieden, und zu mehr Investitionsbereitschaft aufseiten der Reichen, was langfristig dem Wirtschaftswachstum dient. Der Schlüssel jedoch ist, dass der Staat in die Bereiche investiert, die bei internationalen Rankings eine hohe Punktzahl erbringen: Gesundheit, Ausbildung, Arbeitsmarkt. Dafür können wir nicht mit Palästen, Kriegszügen oder Universitäten von Weltrang prunken.«

Als Expansionsmacht kann Norwegen aber durchaus brillieren. Das Land ist heute dreimal so groß wie vor vierzig Jahren, und dafür war kein Krieg nötig. Bereits 1976 setzte Norwegen am grünen Tisch eine Erweiterung seines Wirtschaftsraums auf 200 Seemeilen jenseits der Küste durch – das Gebiet, das für seinen enormen Reichtum an Öl, Gas und Fischen bekannt ist. Im April dieses Jahres fanden die Verhandlungen mit Russland über die neue Grenze in der Barentssee ein Ende – sehr zur Zufriedenheit der norwegischen Delegation.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite, in welchen Bereichen die Norweger die Nase vorn haben und warum die Einwohner dennoch so gern nörgeln.)

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