
Das viele Geld bläst die Langeweile des Landlebens aus ihren Köpfen, für einen Sommer. Dann kehrt die Normalität wieder zurück - und sie ist jetzt erst recht nicht mehr zu ertragen.
Die Coolen aus der Raucherecke stellen sich in der Pause nun neben uns. Sie bieten uns sogar Kippen an. Jeder will die Geschichte vom Haus hören und wissen, wo es steht. Sven, Felix und mich umgibt ein Nimbus, und wir lernen dieses Gefühl zu lieben.
Nach ein paar Wochen weiß die halbe Schule, was passiert ist. Überall kursieren die stinkenden blauen Scheine. Einen Monat nach dem großen Fund höre ich zum ersten Mal von Jungs aus einem Nachbarort, die in dem Haus waren. Ich kenne sie nur flüchtig. Sie finden angeblich 5000 Mark. Ein Bündel unter dem Teppich, ein anderes im Backofen.
Die Sache läuft langsam aus dem Ruder. Diejenigen, die sich anfangs nicht getraut haben, sind neidisch. Die halbe Dorfjugend steigt in das Haus ein, sie kommen von überall her auf der Suche nach Geld, sogar aus München sollen Leute angereist sein.
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Ich höre von zwei Leuten, die 14 000 Mark finden. Doch dann, so ab Mitte Juli, reißen die Geschichten ab. Das Haus ist leer, ausgeplündert. Immer öfter kommen Leute mit leeren Händen und dem Neid der Zuspätgekommenen zurück. Ich rechne die Beträge aller zusammen, von denen ich gehört habe, sie hätten etwas gefunden. Es waren mindestens 50 000 Mark im Haus.
»Hätten wir das Geld liegen lassen sollen? Wahrscheinlich hätten wir das«, sagt Felix. Er sitzt in einem Café in Garching, auch ein Vorort von München, sein fünfjähriger Sohn tobt um ihn herum. »Aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es heute täte.« Vor einigen Wochen stand in der Zeitung die Geschichte eines Installateurs, der 100 000 Euro unter einer Badewanne fand und das Geld abgab. »Wir waren 15«, sage ich. »Wir haben keine Sekunde daran gedacht, dass wir jemandem etwas wegnehmen.« Felix flog nach diesem Sommer noch von zwei anderen Schulen, lebte bei einer Pflegefamilie und in einem Pflegeheim. Er verbrachte mehrere Wochen im Jugendarrest.
»Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen wegen Sven«, sagt er. »Wir hätten ihn besuchen sollen.«
»Aber als es so weit war, hatten wir schon nichts mehr mit ihm zu tun«, sage ich.
Sven, wie er eine Gaspistole aus dem Fenster hält und das Magazin verballert. Sven, wie er in einer Sommernacht im Englischen Garten auf einer Parkbank aufwacht und uns anschreit. Sven, wie er auf der blauen Hochsprungmatte liegt, wach seit 36 Stunden, mit wirrem Blick, wie er grinst und schreit: »Das macht uns keiner nach. Mit 16 Jahren LSD – das macht uns keiner nach!«
Mitte August ist die Party vorbei. Das Bündel Scheine in der Schublade meines Schreibtischs, das nie kleiner zu werden schien, ist auf wenige Millimeter geschrumpft. Ich erschrecke und bin im nächsten Moment erleichtert. Mit den letzten 300 Mark gehe ich in die Dorfkirche und lege sie neben den Altar.
Sich an viel Geld zu gewöhnen geht schnell. Sich an wenig Geld zu gewöhnen dauert viel länger. Meinen Job als Zeitungsausträger hatte ich gekündigt, das heißt, ich hatte mich rausschmeißen lassen. Für 150 Mark im Monat wollte ich nicht mehr schuften. Jetzt ist das Geld weg, mein Job auch, und es wird Herbst.
Wir rauchen inzwischen täglich Gras. Felix verlässt das Haus nicht mehr ohne die Bong im Rucksack. Als das Geld zur Neige geht, schmieden er und Sven Pläne, wie sie als Dealer wieder schnell zu Geld kommen können: fünf Kilo zum Preis von zwei Mark das Gramm. Das Ganze dann für sieben Mark pro Gramm an die Zwischendealer – macht 35 000 Mark. Das klappt nicht, weil Sven in der Zwischenzeit täglich kifft und mit Geld nicht mehr umgehen kann. Wir alle können es nicht mehr.
Es wird Winter, und wir leben in der Vergangenheit. Bei jedem Klingeln an der Haustür fürchte ich die Polizei. Täglich habe ich Angst, im Briefkasten eine Vorladung zu finden. Ich male mir aus, wie mein Leben den Bach runtergeht, wenn wir erwischt werden. Wie alles auffliegt, wir zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden, wie alles, was ich mir für mein späteres Leben vorgestellt habe, Führerschein, Abitur, Studium, zerplatzt. Ich denke an die toten Schwestern, an den Schutthaufen im Keller, an die kantige Handschrift der Briefe. Ich hasse das Geld, rede mir ein, es sei verflucht gewesen. Wir waren 15 – seit einem Jahr fielen wir unter das Jugendstrafrecht. Sozialstunden, vielleicht ein sechswöchiger Aufenthalt im Jugendknast Neudeck, Entschädigung – so ähnlich hätte wohl das Strafmaß gelautet, hätte man uns erwischt. Doch wir wurden nicht erwischt. Die Strafe traf uns anders, sie nistete sich langsam in uns ein und entfaltete ihr Gift nach und nach.
Zwei Jahre später auf einem Dorffest, ich bin angetrunken. Einer der Fußballspieler kommt und sagt lachend: »Sven sitzt dort hinten auf dem Zaun und erkennt uns nicht mehr!« Sven erkrankt an einer Psychose, ausgelöst durch Drogen, und kommt in die Psychiatrie.
Die folgenden fünf Sommer messe ich immer wieder an diesem einen Sommer. Doch der Rausch von damals kommt nicht zurück. 1997 mache ich den Führerschein, 1998 das Abitur und ziehe in die Stadt.
Felix holt mit 23 das Abitur nach, er wird Vater, studiert Physik und verdient sein Geld, indem er Schülern Nachhilfe in Mathe gibt. Sein Sohn turnt auf ihm herum, während wir über das Haus reden. Was aus Sven geworden ist, wissen wir nicht. Ich sehe ihn vor mir in seinen weiten Hosen, die Baseballkappe weit ins Gesicht gezogen, der Blick gelangweilt, als ich im März 2010 noch einmal in die Straße einbiege, in der das Haus einst stand.
Der Nachbar ist ein freundlicher Mann um die 60. »Es war unerträglich«, sagt er. Seine Frau sagt: »Die alten Schwestern haben jeden beschimpft, den sie auf der Straße trafen. Eine hat dem ehemaligen Bürgermeister ein Holzscheit über den Kopf gezogen. Wir haben die Straßenseite gewechselt, wenn wir sie sahen.« Die Kinder hätten Angst vor ihnen gehabt. Am schlimmsten sei es gewesen, wenn man Besuch hatte. Sofort hätten die Beschimpfungen aus dem Nachbargrundstück begonnen: »Verfluuucht. Mörrrder!« Zwei der Schwestern hätten die dritte eine Zeit lang im oberen Stockwerk eingesperrt – ohne Toilette. Den Nachttopf habe die dann vom Balkon in den Garten gekippt.
Ein anderer Nachbar sagt, die letzte der drei Schwestern sei irgendwann in ein Heim oder in die Psychiatrie gebracht worden. Krank seien sie eben gewesen, alle drei, psychisch krank. Sie stammten aus dem Sudetenland, und wer weiß, sagt er, was sie bei der Vertreibung erlebt haben. Später habe die Gemeinde dann das Haus verkauft, um die Kosten für den Heimaufenthalt zu decken. Der Bürgermeister bestätigt die Erzählungen. Drei Schwestern lebten dort. Eine starb 1986, die andere 1989. Die dritte Schwester wurde 1993 in ein Pflegeheim gebracht. Wann sie verstorben ist, weiß er nicht. 1999 wurde das Haus abgerissen.
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Philipp Mattheis, 31, fand Jahre nach der Geschichte mit dem leer stehenden Haus noch zweimal fremdes Geld: einmal 200 Euro in der S-Bahn und ein anderes Mal in einer Kneipe einen Geldbeutel mit insgesamt 800 Euro, auf dem Zigarettenautomaten. Beide Male gab er den Fund ab, im Fundbüro, beziehungsweise an der Theke. "Ich habe nicht überlegen müssen, es war klar, dass ich es nicht behalten konnte", sagt er.
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