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aus Heft 22/2010 Fünfzig Zeilen

Sparen

Georg Diez 

Bei dem Wort murren alle - aber dass Sparen auch etwas Positives sein kann, daran denkt kaum mehr Jemand.


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Sparen, sparen, alle reden zurzeit vom Sparen, als wüssten sie, was damit gemeint ist. Dabei gibt es ja zwei Arten des Sparens: das positiv besetzte, das mit Zinsen und so weiter verbunden ist, und das negativ besetzte, das vor allem Kürzen und Streichen bedeutet. Das meinte zum Beispiel Roland Koch, als er aus dem bis zum Blödwerden wiederholten Mantra »An der Bildung darf nicht gespart werden« einfach das »nicht« rausnahm und deutlich machte, dass ihm die Wähler von heute wichtiger sind als die Deutschen von morgen.

Er wandte sich damit erst gegen die alte kapitalistische Grundregel, wonach die Investition von heute der Gewinn von morgen ist, und verabschiedete sich gleich darauf in die Wirtschaft, um dort selbst viel Geld zu verdienen. An diesem Wochenende nun setzen sich die Regierungstischler von CDU und FDP zusammen, und auch ihr Begriff vom Sparen wird nicht der gleiche sein wie etwa in der guten alten und historisch verschuldeten Bundesrepublik. Sparen tendierte damals zwar durchaus zum Spießigen, war aber mehrheitlich positiv konnotiert. Sparen bedeutete Hausbau, Kinder, Studium, Aufstieg und war damit mit der offenen Zukunft verbunden.
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Sparen war eine Art demokratische Pflicht im Wiederaufbau-Deutschland, das dem Gestern des Kriegs entfliehen wollte. Schuld war historisch mit dem Dritten Reich verbunden und damit gesellschaftlich geächtet. Sparen bekam damit fast schon einen geschichtsphilosophischen Rang. Aber die Aufstiegsversprechen der Nachkriegszeit sind längst passé. Wir leben in einem anderen Land. Und wenn der Staat jetzt ganz zukunftsvergessen spart und gleichzeitig alle von der Inflation reden und das Geld also bald immer weniger wert sein wird - dann, ja dann bekommt plötzlich auch das Gegenteil des Sparens wieder einen Sinn: die Verschwendung und das Schuldenmachen.

In den 1970er- und 1980er-Jahren war Verschwendung eher die Strategie einer hedonistischen Avantgarde. Verschwendung war Subversion, war das radikale Heute, das sich einen Dreck ums Morgen scherte. Wenn man aber dieser Tage irgendwo eingeladen ist und ein Glas Wein in der Hand hält und unvorsichtigerweise aufs Thema Geld zu sprechen kommt, findet sich sicher jemand, der einem erklärt, wie gut und sinnvoll es gerade angesichts der drohenden Inflation ist, Schulden zu machen. Schulden zu machen ist geradezu zukunftsoffen. Schulden zu machen ist die private Antwort auf den staatlichen Sparzwang. Die Schuld, so scheint es, ist in der Krise gesellschaftlich und geschichtlich entschuldet worden.
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    Georg Diez
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    Fünfzig Zeilen

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