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aus Heft 34/2007 Sport Noch keine Kommentare

Spritzensport Fußball

Seite 4

Von Thomas Kistner (Text); Hubertus Hamm (Fotos) 




Wie ist das also mit dem unbändigen deutschen Kampfgeist, der so legendär ist wie die italienische Dominanz im Europacup der Neunzigerjahre? Letztere wurde von der Justiz als Pharmabetrug entlarvt: Zwischen 1994 und 1998 holte Juventus Turin drei Meistertitel, den Weltpokal und drei Finalteilnahmen in der Champions League – eine eindrucksvolle Bilanz, die laut Strafurteil durch mit »kriminellem Plan« verabreichte Dopingstoffe zustande kam. Im Prozess gegen Juve-Manager Giraudo und Klubarzt Agricola sagte Gutachterin Lanterno: »Es gab Abnormalitäten, wie bei Didier Deschamps, der im Juni 1996 einen Hämatokritwert von 51 Prozent aufwies, zwölf Prozent mehr als ein Jahr zuvor!«
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Systematisch gedopt wurde in den Neunzigern auch bei Olympique Marseille, Ex-Profi Tony Cascarino berichtete in Buchform darüber. Kollege Jean-Jacques Eydelie beschrieb Blutdoping beim FC Sion von 1997 bis 1999. Im Jahr 2004 wunderte sich Arsène Wenger, der Coach von Arsenal London: »Einige Spieler, die zu uns wechselten, wiesen eine abnorm hohe Anzahl roter Blutkörperchen auf« – weshalb er glaube, »dass manche Klubs Spieler ohne ihr Wissen dopen«. Auf Nichtwissen haben sich auch überführte Weltklasse-Doper wie Stam, Davids oder Guardiola stets berufen. Für andere gilt, was der Bruder eines französischen Erstligaklub-Chefs dem Sportsoziologen Gerhard Treutlein verriet: »Weißt du, warum französische Fußballer in der zweiten Halbzeit besser spielen als in der ersten? Weil die Dopingtests in der Halbzeit stattfinden!«

Deutschland. Frankreich. Italien. England. Und Spanien? Als Zidane von Turin nach Madrid wechselte, freute er sich, dass Juves »Kreatin-Kuren« vorbei seien. Doch offenbar blühten ihm bei Real neue Anwendungen. All das, was der berüchtigte Dopingdoktor Eufemiano Fuentes für den Königsverein angeblich aufgelistet und die französische Zeitung Le Monde publiziert hat: In exakten Dosen und Zyklen, identisch mit den Medikationsplänen, die er für Dutzende Radprofis um Jan Ullrich erstellt hatte. Doch während die Radsportdokumente bei Razzien in Fuentes’ Madrider Wohnungen sichergestellt wurden, sorgten mysteriöse Kräfte hoch über Spaniens Ermittlungsbehörden dafür, dass die Fußballakten in Fuentes’ Stammdomizil in Gran Canaria unberührt blieben. Selbst das Madrider Material wurde bis heute nicht richtig untersucht: Fünf sichergestellte Laptops warten noch auf die Auswertung.

Dabei sagt Fuentes selbst, dass er Fußballstars betreute – »teils direkt, teils über die Klubärzte« – und dass ihn Klubs wie der FC Barcelona umgarnt hätten. Der Radprofi Jesús Manzano bezeugt, er habe Real-Stars bei Fuentes ein- und ausgehen sehen. Der Hexer gibt zwar kein Doping zu. Aber warum sonst sollte sich die Creme der iberischen Fußballklubs, neben Real angeblich der FC Barcelona, Betis Sevilla und Valencia, um einen Gynäkologen reißen? Auf Druck von Spielerfrauen?

Die Klubs bestreiten alle vehement, mit dem Blutexperten kooperiert zu haben. Barcelona hat Le Monde deshalb auf Rufschädigung verklagt. Autor Stéphane Mandard nimmt es gelassen. Beim Anwalt, sagt er, liegen Fuentes’ Dopingpläne für den Fußball, und falls es zum Prozess kommt, werden eben erstmals auch spanische Richter die Dokumente zu Gesicht kriegen. Sie weisen laut Le Monde dieselbe Handschrift und Zeichensprache auf wie die Papiere, die der kanarische Medico für das verseuchte Radteam Liberty Seguros und andere erstellte; vom Kreis, der anabole Steroide symbolisierte, bis zum Kürzel IG für Insulin-Wachstumshormone. Glaubt man den Papieren, hat Fuentes in der Saison 2005/06 für Barcelonas Champions-League-Programm gearbeitet. Barca triumphierte.

Als Le Monde Fuentes zum Fußball befragte, wich der aus: »Man hat mich dreimal mit dem Tode bedroht, wenn ich konkrete Dinge erzähle. Es wird kein viertes Mal geben.« Umso schlimmer, dass bisher kein spanischer Ermittler die Papiere sehen wollte. Was übrigens Fuentes nicht verwundert: »Es gibt Sportarten, gegen die kommt man nicht an, weil sie eine enorme Justizmaschine aufbauen können. Die kann sogar jene um den Job bringen, die den Sport regieren.« So scheint in der größten Dopingaffäre des Spitzensports die abstruse Macht des Fußballs auf. Seit Monaten rätseln Justiz und Sportwelt, warum der Madrider Staatsanwalt plötzlich Ermittlungen einstellte, die weit gediehen waren – zu weit? Die Todesangst des Doktor Fuentes, die Ignoranz des Staatsanwaltes gegenüber Zeugen und Arzneiplänen: Der Verdacht, dass manches von oben gesteuert wird, liegt nahe in einer fußballverrückten Nation, deren Vereine das Prädikat »Königlich« im Namen tragen.

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