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aus Heft 24/2010 Stil leben 14 Kommentare

Seien Sie anspruchsvoll

Seite 2

Von Christine Zerwes  Fotos: Christopher Thomas


Der italienische, spanische oder französische Zeitungsverkäufer sieht die Straße als Bühne und kleidet sich selbstbewusst wie ein Adliger. Der Deutsche greift zu Jeans, Turnschuhen und Strickjacke – wie die Kollegen, da kann man nichts falsch machen. Als Ausgleich bindet er sich lustige Tiermotiv-Krawatten um den Hals und rasiert sich den Bart wie Kevin Kurányi. Später, wenn das Haar grau ist, schwenkt er auf Beigetöne um – die Uniform des Alters. Was für ein tristes Bild! Rentner in anderen Ländern sitzen in dunklen Hosen und hellblauen Hemden zusammen und spielen Karten.

Was läuft nur schief in Deutschland? »Mode ist der Triumph der Schönheit im Angesicht der Vergänglichkeit«, sagt Barbara Vinken, die Modeexpertin, »Mode ist nicht für die Dauer gemacht, sondern für den schönen Augenblick – das widerspricht dem deutschen Geist, der lieber längerfristig denkt.«
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Wer in einer deutschen Firma arbeitet, in der es keinen Dresscode gibt, und der mal in Sakko, Hemd und Krawatte zur Arbeit geht, den fragen die Kollegen: »Was hast du denn heute noch vor?« Sich einfach nur aus Freude elegant zu kleiden, herausstechen zu wollen, macht einen schnell verdächtig, ja, man wird für arrogant gehalten. Der deutsche Neid kriecht hier hervor – in welchem anderen Land wäre Gerhard Schröder als »Brioni-Kanzler« bezeichnet worden?

»In England, Frankreich oder Italien ist das Ästhetische, der Export des Selbstbildes über die Mode, ganz normaler Teil des Lebens«, sagt Barbara Vinken. In diesen Ländern akzeptiert und genießt man Mode als Stilmittel, mit dem man für sich wirbt, sich inszeniert, abgrenzt oder auch anpasst – und dabei nimmt man sich selbst nicht so ernst. Die Deutschen inszenieren sich auch: Im Internet, in sozialen Netzwerken werden ständig Lebensläufe und Fotos poliert, um das virtuelle Ego aufzupeppen. Nur das reale Erscheinungsbild behandelt man lieblos.

Viel Geld für Kleidung geben die Deutschen trotzdem aus, um die vierzig Milliarden Euro im Jahr. Aber mit Lust an der Mode oder gar mit
Exzentrik hat das nichts zu tun: Als sich der britische Modedesigner Alexander McQueen im Februar das Leben nahm, tauschten sich Leser in Internetforen darüber aus; auf der Internetseite der New York Times, des Figaro, der Herald Tribune: Sie trauerten, schrieben mit Bewunderung und Respekt über den Briten, der mit seinen exzentrischen Entwürfen gut 15 Jahre lang die Modeszene aufmischte und erfrischte. In deutschen Internetforen lauteten die Kommentare: »Wer braucht den Scheiß? Ein Spinner weniger! Das Zeug kann doch eh keiner anziehen« – McQueen war nicht immer tragbar und selten praktisch. Nach deutschen Kriterien also überflüssig.

Schluss mit protestantischer Lustfreiheit und eintöniger Alltagstauglichkeit in unseren Fußgängerzonen! Auch wir wollen mal von Eleganz und Exzentrik überrascht werden, das macht einfach gute Laune. Vielleicht wären dann auf dem Modeblog von Scott Schuman auch mal ein paar Fotos aus Deutschland zu sehen. Auf seiner letzten Berlin-Reise im April hat er nur eine einzige Frau entdeckt, die er für seine Seite fotografieren wollte.


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Wenn Sie wissen möchten, wie die Profis über dieses Thema denken: Hier gehts zum Interview mit Designerin Gabriele Strehle.


Kommentare

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Kommentar:

  • a m (0) Huiuiui, da fühlen sich einige Männer aber ziemlich auf den Schlips getreten!? Der Artikel trifft wohl doch voll ins Schwarze. =) Lieber mal umdenken als rumzicken!
  • Mac Radge (0) In England gut angezogene Leute? Sloane Street vielleicht, aber das wars auch schon.

    Viele haben keinen Geschmack bei Kleidung. Das gilt aber auch genauso für die Sorte einfallslos: Segelschuhe, Karohemd/Polo Shirt, 501/Kakihose, Burberry Wachsjacke

    Die Jäger und Angler, die im Tierschutzverein sind.
  • Rüdiger Blaumann (0) Seien Sie anspruchsvoll...
    Diese Überschrift redet dem Hedonismus das Wort.
    Männer sollten diese Anspruchshaltung der dümmeren Hälfte der Mode- Frauen überlassen, statt über diese lärmende Anspruchshaltung tuntig zu werden.
    Nichts gegen tolle Männerkleidung, ich liebe es, gut gekleidet zu sein, aber nicht über diesen klebrigen Weg, der hier vorgeschlagen wird!
    Frauen, Finger weg aus Männerangelegenheiten! Mischt Euch nicht überall ein!
  • Ape Onaut (0) Meiner Meinung nach existiert in Italien und in Frankreich eine neue Art des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms, die nicht mit einer Hyperaktivität einhergeht wie nicht ansteckende bekannte ADHS.
    Hier handelt es sich um eine erkrankte Gruppe, die mit ihrem eigenen ich nicht zu frieden ist und versucht mit modischen Mitteln Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
    Vorsicht! Besonders Agressiv veralten sich die Patienten bei Sprüchen wie:
    "Ich bin nichts, ich kann nichts, gib mir schöne modische Kleidung!"
    Also, steht Ruhe bewahren!
    In Kritk stehen die Selbsthilfegruppen (wie z.B. Germanys next Topmodel) dieser Erkrankten, denn in diesen wird nicht explizit die ihre Krankheit als wirkliche Krankheit erkannt, sondern die Patienten steigern sich gegenseitig in einen Wahnzustand, der auf Nicht-Iinfizierte übergeifen kann.
    Danke
  • Rüdiger Blaumann (0) Man kann als Mann nicht gleichzeitig weltbester Ingenieuer und männliche Modepuppe sein!
    Entweder oder!
    Ingenieure wollen nicht modisch sein, aber durchaus gut angezogen. Hier versagen aber die Modedesigner komplett:
    Sie bieten dem Mann keine zeitgemäße Kleidung an, die seinem Lebensgefühl entspricht.
    Die weiblichen oder oft schwulen Modefritzen wollen den Ingenieur verkleiden, aus ihm etwas anderes machen, als er ist.
    Sie können ihn nicht leiden, diesen Ingenieuer ! Was für ein Irrsinn!
    FAZIT:
    Die Designer sollen nicht ihr Gegenüber beschimpfen, sondern endlich DIENEN!
    LERNT DEMUT UND DIENEN! Dann komt tolles Design dabei heraus!
  • Bernhard Streit (0)
    Knud Möller (1) sagte:
    Ich glaube nicht, dass das irgendetwas mit unterwerfen zu tun hat. Es ging eher darum, dass man sich in Deutschland im Zweifelsfalle eher praktisch als schick/auffällig/sexy/modisch oder was auch immer anzieht.


    Das stimmt schon, und es stimmt auch, dass man gewisse Reaktionen provoziert, wenn man mehr Wert auf sein Äußeres legt. Da hat die Autorin etwas bemerkt, was ja stimmt.

    Nur die Schlussfolgerung finde ich etwas ... naja, dünne. Man könnte ja mal analysieren, warum sich Leute schick anziehen, im Sinne wie es im Artikel genannt wurde ("Mal mit Anzug ins Büro, obwohl casual okay ist"). Was steckt denn wirklich dahinter? Wollte man zuspitzen, könnte man Lady Bitch Ray zitieren: "Das Prinzip außen hui, innen fui"...

    Ist natürlich überzogen, aber könnte man ja mal als Denkanstoß nehmen...ausgenommen natürlich die, die Anzug tragen, um ja nicht aufzufallen...
  • Knud Möller (1)
    Bernhard Streit (0) sagte:
    Da scheint es also gar nicht darum zu gehen, dass Leute schick aussehen, sondern dass sie sich einem bestimmen vorgefertigten Geschmack unterwerfen.


    Ich glaube nicht, dass das irgendetwas mit unterwerfen zu tun hat. Es ging eher darum, dass man sich in Deutschland im Zweifelsfalle eher praktisch als schick/auffällig/sexy/modisch oder was auch immer anzieht. Das trifft allerdings auf viele Länder zu, und ist natürlich sowie so eher eine allgemeine Beobachtung als ein Naturgesetz. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich aber auf jeden Fall sagen, dass man sich (mich eingeschlossen), während meiner Studienzeit in Köln 1995-2003, abends beim Rausgehen oft genauso kleidete wie tagsüber in der Uni. Das ist in anderen Ländern oft nicht so, z.B. hier in Irland, wo ich jetzt wohne.
  • Bernhard Streit (0) Sorry, aber den Artikel finde ich ehrlich gesagt selten dämlich.

    "Außerdem habe er kaum Frauen mit hohen Schuhen gesehen."

    Da scheint es also gar nicht darum zu gehen, dass Leute schick aussehen, sondern dass sie sich einem bestimmen vorgefertigten Geschmack unterwerfen. Was hat das denn mit Individualität zu tun?

    Abgesehen davon hätte man sich den belehrenden Ton sparen können.
  • Knud Möller (1) Schöner Artikel, im großen und ganzen Stimme ich dem zu. Es ist allerdings nicht so, dass man nicht auch in anderen Ländern verwundert angeschaut wird, wenn man mal im Anzug ins Büro kommt, in dem normalerweise Jeans und T-Shirt getragen werden.
    Warum gab es keinen Link zum "Modeblog von Scott Schuman"? Der Blog heißt "The Sartorialist" (http://thesartorialist.blogspot.com/), die Mode darin ist von Scott bei zufälligen Begegnungen auf der Straße fotografiert (allerdings oft am Rande von Modeveranstaltungen), zu 95% absolut tragbar, nicht "schwul". Auch tragen die weiblichen Motive durchaus nicht nur High-Heels!
  • Rüdiger Blaumann (0) 2. Teil Deutsche sind zudem guterweise Metaphysiker!!! In GB wird das seit 1000 Jahren zu verweigern versucht (Kelten, Normannen), was aber lächerlich ist.
    (Damit war GB in der Kunst meist sonderbar.)
    Das Innere ist also wichtiger als die Oberfläche.
    Deutsche und viele Amis (Mehrzahl deutschsprachiger Herkunft) haben sich der einer primären Oberflächenkultur oder Symbolkultur engl. Prägung glücklicherwiese bislang verweigert!
    So werden deutsche Autos eben nicht eingekleidet, sondern auch von innen heraus und nicht nur umgekehrt entwickelt und gestaltet. Gestaltung ist eben viel mehr als das symbolorientierte engl. Wort Design! Gestaltung hat Tiefe.
    Wird deutsche Kultur noch selbstbewusster, mischt sie ähnlich im Bereich der Autos auch die männl. Art der Kleidung auf - Art - um nicht von Mode zu sprechen.
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