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aus Heft 25/2010 Gesellschaft/Leben 11 Kommentare

Mauern ohne Ende

Im Kloster Ettal wurden über Jahrzehnte Schüler misshandelt, missbraucht, gequält. Vor vier Monaten kündigten die Mönche an, alle Fälle aufzuklären, doch die Wahrheit sieht anders aus.

Von Bastian Obermayer und Rainer Stadler  Fotos: Robert Voit; dpa

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Seine Vergangenheit am Internat von Kloster Ettal holt Roman Hofer* am Morgen des 5. März 1999 ein, auf der Bundesstraße B 20 zwischen Straubing und Landau in Niederbayern. Als er den Verkehr im Rückspiegel beobachtet, kann er plötzlich seine Augen nicht mehr kontrollieren, sie rollen zur Seite, sein Puls beginnt zu rasen, er fängt an, heftig zu schwitzen. Auf der Rückbank sitzt sein sechsjähriger Sohn.

»Was passiert mit ihm, wenn ich jetzt sterbe?«, schießt es Roman Hofer durch den Kopf. Er schafft es noch bis zum nächsten Parkplatz und ruft dort den Notarzt. Im Krankenhaus wird er gefragt, ob er schon mal einen Herzinfarkt hatte. »Herzinfarkt, mit 35?«, entgegnet Hofer irritiert, »ich bin Langstreckenläufer, ich trainiere fast jeden Tag!« Nach fünf Tagen EKG und Betablockern wird er entlassen, ohne Diagnose, aber mit dem Rat, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Der hört sich seine Symptome an, dann fragt er: »Junge, wer hat dich in deiner Kindheit ermordet?«

Wenn die Psyche eines Menschen von dem überwältigt wird, was ihm das Leben angetan hat, sendet sie Warnsignale an den Körper, so erklärt es ihm der Therapeut. Roman Hofer wurde zwischen seinem 12. und 17. Lebensjahr am Kloster Ettal vom Erzieher Pater Magnus mindestens fünfzigmal missbraucht; »Sexualverkehr in allen Varianten«, so beschreibt es Hofer. Nur die Küsse des Geistlichen konnte er abwehren. Zum Missbrauch durch Pater Magnus kamen die Prügel des Paters Gabriel, der ihn in der sechsten Klasse regelmäßig wegen schlechter Noten schlug, mit der flachen Hand und voller Wucht auf den nackten Hintern des damals Zwölfjährigen.

Nach seinem Zusammenbruch auf der Bundesstraße fängt Roman Hofer eine Therapie an, langsam gewinnt er wieder die Kontrolle über sich, die Schweißausbrüche werden weniger. Zurück bleiben tiefe Selbstzweifel - und Hass: Fast jedes Jahr denkt er an Ostern darüber nach, den Festgottesdienst in der Ettaler Klosterkirche zu stürmen und »rauszuschreien, was für Schweine hier am Werk sind«. Als Ende Februar 2010 die Zeitungen berichten, im Internat von Kloster Ettal seien Schüler von Geistlichen sexuell missbraucht worden, kann er es kaum fassen. Zum ersten Mal wird ihm klar, dass er nicht das einzige Opfer war.

Die Klosterleitung scheint schnell und vorbildlich zu reagieren: Der Abt und der Schulleiter treten zurück, obschon die beiden kein direkter Vorwurf trifft. Es wer- den Entschuldigungen verlesen, Ansprechpartner für ehemalige Schüler benannt und ein externer, unabhängiger Sonderermittler eingesetzt, der die Verbrechen schonungslos aufklären soll. Am 5. März 2010 tritt der Sonderermittler, der Münchner Anwalt Thomas Pfister, vor die Presse, auf den Tag genau elf Jahre nach Roman Hofers Zusammenbruch, und erklärt, im Kloster Ettal seien zwischen 1960 und 1990 mindestens hundert Schüler von zehn Patres systematisch misshandelt und missbraucht worden.

Ausgerechnet Ettal, die bayerische Eliteschmiede, durch die unter anderem Ex-Ministerpräsident Max Streibl, der frühere Adidas-Chef Horst Dassler, Theaterintendant Christian Stückl und der oberste Wittelsbacher Herzog Franz gingen. Sonderermittler Pfister liest 40 Minuten lang vor laufenden Fernsehkameras Leidensberichte von früheren Internatsschülern vor. Eine ähnlich detaillierte Offenlegung von Opfervorwürfen hat es bis dahin weder an der Odenwaldschule gegeben noch an anderen Internaten, die seit Anfang dieses Jahres von dem Missbrauchsskandal erschüttert werden.

In derselben Pressekonferenz gesteht ein Pater unter Tränen, selbst ebenfalls »Kinder brutal misshandelt und gedemütigt« zu haben - ein Auftritt, der vermutlich in keinem Fernseh-Jahresrückblick 2010 fehlen wird. Bei Roman Hofer keimt 26 Jahre nach seinem Abitur im Kloster Ettal die Hoffnung, ihm könnte nach all den schrecklichen Erlebnissen nun endlich so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren.

(Wie schwierig es ist, so etwas wie Gerechtigkeit zu finden, und wie das Kloster dabei nicht wirklich mithilft, lesen Sie auf der nächsten Seite.)

Kommentare

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Kommentar:

  • Wolfgang Wetzer (0) Danke für die Recherche und den Artikel. Leider bestätigt er die eher schlimmeren Befürchtungen, aber gerade deshalb ist der Artikel so wichtig.

    Die Vertuscher und Bewahrer möchten das Thema zwar weg von der Oberfläche haben, aber genau das darf nicht passieren. Leider passiert aber genau das, dadurch das die Probleme innerhalb der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit schon fast auf die Causa Mixa begrenzt sind.

    Also danke dafür, das sie das Thema nicht vergessen haben!
  • Reinhard Ettel (0) Danke für diesen Artikel.
    Allerdings muß ich von vornherein sagen, daß er nur dokumentiert, was zu erwarten war. Aber gerade deshalb ist er so wichtig.
    Er vermittelt vor allen Dingen, daß es einfach unmöglich ist, diesen Einrichtungen selbst die Aufklärungsarbeit zu überlassen.
    Aber er zeigt auch das ewige Dilemma, dem Opfer sexueller Übergriffe in jeglicher Form immer wieder ausgesetzt sind. Nämlich dieses immer wieder auftauchende " selbst schuld" und die daraus resultierende Solidarisierung mit den Tätern.
    Mich bewegt aber noch ein ganz anderes Problem, das in vielen Berichten über die Mißbrauchsfällen in Internaten immer wieder einmal auftauchte, nämlich der Umgang der Eltern Betroffener mit diesen Vorfällen. Angefangen vom bloßen Unglauben gegenüber den Erklärungen der Kinder bis hin zum erklärten Verzicht auf eine Anzeigenerstattung. Damit haben sie sich zu Mittätern bei allen weiteren Handlungen gemacht und die Täter auch noch moralisch unterstützt.
    Ein letztlich entscheidender Punkt ist für mich die Tatsache, daß die katholische Kirche in ihrer Entscheidung, ob eine Anzeige erstattet wird, frei von jeglicher Bindung an geltendes Recht ist. Dadurch war eine wirksame Bekämpfung solcher Delikte in kirchlichen Einrichtungen doch wesentlich beeinträchtigt wenn nicht gar ausgeschlossen.
    Unterm Strich wird eines wieder deutlich, diesem Staat sind ganz offensichtlich die Täter wichtiger als die Opfer, denen es am Ende ganz allein überlassen ist, mit den Folgen der Tat fertig zu werden.
  • Dave Blair (0) @Frau Dipl. Theol. Wachsmann:

    "zur Nettiquette gehört auch, dass Leugner hier im Forum in die Schranken gewiesen werden, mit Rücksicht auf die Opfer,..."

    Da bin ich anderer Meinung. Es stimmt zwar schon, dass Opfer mit Leugnung, Verharmlosung, Abwertung konfrontiert werden - dann aber am Ehesten und am Schmerzvollsten von Menschen, die ihnen am Nächsten liegen. Der Grund: Opfer selbst üben sich solange es geht in Leugnung, Verdrängung und Verharmlosung, ganz einfach weil das Leben auch weitergehen muss - Normalität als Lügengebäude zum Selbstschutz. Offenbart sich ein Opfer, reißt es auf einmal das Lügengebäude herunter, zwingt es gerade nahe stehende Menschen in eine unmögliche Lage in der man aus Unverständnis, Überforderung und Hilflosigkeit einfach das Dümmste sagt, was einem spontan einfällt. Dem Ansprechpartner kann man keinen Vorwurf daraus machen, aber die Folgen können für das Opfer verheerend sein.

    Was im Forum passiert, ist ein Schatten davon... es ist eine öffentliche Auseinandersetzung, bei der "Skeptiker" und Opfer anonym sich gegenüber stehen können, wobei die persönliche Komponente fehlt, daher auch die persönliche Schärfe - man kann ohne persönliches Nachspiel einfach die Kiste ausschalten und weggehen, mit Familie und Freunden geht das nicht - davor gibt's in Opfersprache keinen "sicheren Ort". Anonyme Foren stellen mE die harmloseste und unverfänglichste Möglichkeit für Opfer und Mitbetroffene - ggf auch Täter dar, mit einem schweren Problem umzugehen.
  • Annemarie Wachsmann (0) Lieber Herr Rainer Stadler. Auch hier möchte ich erklären. Das Verhältnis zum Geld ,das in Klöstern üblich ist und natürlich die Finanznot haben Sprüche wie "Geld heilt die Wunden nicht" zur Folge. Das müssen die Opfer entscheiden, was heilt.Andererseits sind die Medien mit verantwortlich für den Rückzug der Täter..wer möchte schon a la Mixa in die Öffentlichkeit?Es sind auch die Opfer gefragt, sich zu melden und wie ich an einem anderen Ort schrieb, zur Nettiquette gehört auch, dass Leugner hier im Forum in die Schranken gewiesen werden, mit Rücksicht auf die Opfer, die vielleicht die Kommentare lesen.Wir regen uns über die Leugner im Klerus auf, hätten die gerne mit bestraft.Dann auch über die im Forum.MfG A.W. Dipl. Theol, aber fern von Kirche.
  • Annemarie Wachsmann (0) Vielen Dank für diesen Bericht.Es müssen dann die Opfer auf die Barrikaden gehen. Es ist auch die Unfähigkeit der Klöster, sich auseinanderzusetzen. Man geht innerhalb der Klöster schlecht miteinander um. Probleme werden aufgeopfert und weggebetet..magisches Denken ist das meines Erachtens. Ausserdem weiß ich von einer Sendung im BR, dass gegenwärtige Eltern dieser Schule massiv Aufklärung verhindern wollen, damit ihre Kinder nicht ausgelacht werden, wenn sie mit einem Ettaler Abizeugnis ankommen. Das hat mit Christentum nichts mehr zu tun. Na ja, die Kirche geht auf unterschiedliche Weisen unter..nicht allein durch Austritte.Da lobe ich mir die Jesuiten mit ihren Einzelkämpfern..
  • Dave Blair (0) Ich glaube kaum, dass die katholische Kirche dran schuld ist, dass diejenigen Mönche so sind, wie sie sind - dass waren vermutlich schon kranke Existenzen, die sich die Kirche sozusagen als Zuflucht ausgesucht haben.

    Die Kirche hat sich aber insofern schuldig gemacht, dass sie einen de facto rechtsfreien Raum für solche Menschen geschaffen hat. Auch die Eltern tragen viel dazu bei - bestimmt nicht immer, aber oft sind Eltern, die ihr Kind aufs Internat schicken, selbst obrigkeitshörig, stellen Autoritätspersonen vor die Kinder und auch sich selbst. So hat das Kind von vorn herein schlechte Chancen auf eine normale Kindheit, es ist im wahrsten Sinne das geborene Opfer.

    Dass die Untaten hauptsächlich vor den 1990ern passiert sind, kann ich gut glauben - in den 80ern fing schon ein Umdenken an, das zu einem wesentlich gesünderen Umfeld geführt hat - nicht nur in deutschen Internaten.

    Trotzdem: mein Kind würde ich niemals auf ein Internat schicken.
  • Normann Hepp (0) Simon Bickels GERECHTIGKEITSEMPFINDEN kann ich nicht teilen: den Geschädigten steht außer persönlicher Entschuldigung ordentliches Schmerzensgeld und Ersatz von Therapiekosten zu.
    Aber auch der PAPST müsste sich bei den Mönchen entschuldigen, dass die Kirche sie als junge unreife Menschen zu einem inhumanen asexuellen und harten Leben in rein männlicher Gesellschaft verführt hat. Perverses Schlagen und sex. Missbrauch werden dadurch gefördert.
    HERZLICHEN DANK den JOURNALISTEN: sie haben Licht ins Dunkel gebracht. Viele andere Altettaler sehen die Fakten ebenso. Danke!
  • Thomas Naujokat (0)
    Thomas Naujokat (0) sagte:
    @Simon Bickel
    Es ist unglaublich, in welchen vielfältigen Masken die Verdrängung der Wahrheit und die erneute Demütigung der Opfer öffentlich auftritt. Die Sprache des Herrn Bickel ist so ohne jede Empathie, ja aggressiv und denunzierend ("Geldsegen wird verbraucht"), "ach Gottchen, geschlagen wurde doch überall". Die Ideen, diese Kloster zu schließen bzw. eine "saubere" Kampagne zur Entschädigung zu starten, gefallen mir gut.
  • Thomas Naujokat (0) @Simon Bickel
    Es ist unglaublich, in welchen vielfältigen Masken die Verdrängung der Wahrheit und die erneute Demütigung der Opfer öffentlich auftritt. Die Sprache des Herrn Bickel ist so ohne jede Empathie, ja aggressiv und denunzierend ("Geldsegen wird verbraucht"), "ach Gottchen, geschlagen wurde doch überall". Die Ideen, diese Kloster zu schließen bzw. eine "saubere" Kampagne zur Entschädigung zu starten, gefällt mir gut.
  • Rainer Stadler (1) Lieber Herr Bickel,
    als einer der beiden Autoren dieser Geschichte muss ich Ihnen in zwei Punkten widersprechen: Eine Entschädigung heilt vielleicht nicht kaputte Seelen, die meisten Opfer von Gewalt und Missbrauch, mit denen wir gesprochen haben, würden aber zumindest Genugtuung empfinden, wenn das Kloster auf diese Weise seine Schuld anerkennt. Auf dieses Bekenntnis warten viele Opfer seit Jahrzehnten.
    Schläge waren zu dieser Zeit sicher verbreitet, nicht jedoch der Sadismus, mit dem einige Pater im Kloster Ettal ans Werk gingen. Die betroffenen Ex-Schüler können sehr gut unterschieden zwischen einer Ohrfeige und systematischer Qual und Erniedrigung. Insofern verharmlost der Verweis auf den damaligen Zeitgeist das, was tatsächlich am Kloster Ettal passiert ist.
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