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aus Heft 25/2010 Gesellschaft/Leben

Mauern ohne Ende

Seite 3

Bastian Obermayer und Rainer Stadler  Fotos: Robert Voit; dpa

Aus Sicht vieler ehemaliger Schüler ist die Krisenbewältigung des Klosters gescheitert. Sie fühlen sich hingehalten und behandelt wie Schulbuben. Der Ausdruck vom zweiten Missbrauch macht die Runde. Den meisten Opfern geht es nicht nur um ihr eigenes Schicksal, sie empört, wie von Seiten des Klosters und seiner Unterstützer die Vorfälle aus der Vergangenheit kleingeredet werden. Und wie wenig tatsächlich passiert.

Roman Hofer, den wieder Schweißausbrüche und Magenprobleme plagen, seit der Fall Ettal publik wurde, will sich selbst ein Bild machen. Er fährt im Mai nach Ettal, um mit dem früheren Abt Barnabas über seine Schadensersatzforderungen zu sprechen. Nach der Zeit in Ettal litt Hofer lange unter Kontaktphobie, er stotterte, wenn er Frauen traf, er scheiterte immer wieder beruflich, er kam nicht von Ettal los. Jetzt will er entschädigt werden dafür, dass die Mönche an ihm ihren Sadismus und ihre sexuellen Perversionen auslebten. In Los Angeles zahlte die katholische Kirche Missbrauchsopfern durchschnittlich 1,3 Millionen Dollar, hat Hofer gelesen. »Wieso soll mein Leben der Kirche weniger wert sein?«, fragt er Pater Barnabas. Der Abt bleibt eine konkrete Antwort schuldig.
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Ende Mai, das Kloster lehnt die dritte Gesprächsanfrage des SZ-Magazins ab. Erst war es der Visitator, der noch nicht gesprochen hatte, dann der Schulbetrieb, der nicht gestört werden sollte, und nun sind Pfingstferien und die Patres »nicht greifbar«, sagt der Sprecher. Dafür melden sich immer mehr ehemalige Internatsschüler, es hat sich herumgesprochen, dass das SZ-Magazin an einem Beitrag über das Kloster Ettal recherchiert. Die meisten Ex-Schüler haben sich bislang zurückgehalten und sich nicht öffentlich geäußert; sie wollten dem Kloster Zeit geben. Nun ist ihre Geduld am Ende, jetzt wollen sie reden.

Es sind erwachsene Männer, zwischen 40 und 60 Jahren, die stockend aus ihrer Jugend erzählen, über Stunden hinweg, viele wütend, manche weinend. Fast alle waren in Therapie, manche haben es bis heute nicht fertiggebracht, mit ihren Frauen über den Missbrauch zu sprechen. Und nun sind sie entsetzt, wie man sich in Ettal aus der Verantwortung stehlen will.

Selbst ehemalige Schüler, die nicht missbraucht oder geschlagen wurden, empört das sture Beharren im Kloster auf der Feststellung, Fälle von Missbrauch und Gewalt habe es am Kloster nur vereinzelt gegeben. Ihre Schilderungen belegen das Gegenteil: wie sehr der Klosteralltag für viele Schüler von Angst und Schrecken geprägt war. Bis in kleinste Details gleichen sich dabei die Eindrücke der Ex-Ettaler, egal ob sie die Internatspforte 1965 oder 1985 zum ersten Mal durchschritten: ein Schlafsaal, den sich 40 Schüler teilen, Holzbett, Nachtkästchen, kein Poster, kein Kuscheltier. Keine Möglichkeit, allein zu sein.

Waschbecken mit schmiedeeisernen Armaturen. Die ersten Monate kein Kontakt zu den Eltern. Morgens Schule, dann Mittagessen, zwei Stunden Sport, Musik oder Freizeit, dann Lernen, Abendessen, noch mal Lernen, eine Stunde Freizeit, Bett. Am Samstag Schule, am Sonntag Gottesdienst, danach eine Stunde Briefe schrei- ben an die Eltern, die vor dem Absenden der Präfekt liest. Und Schläge. Schläge wegen schlechter Noten, Schläge, wenn der Teller nicht leer gegessen wird, Schläge, wenn abends im Schlafsaal geredet wird, nachdem das Licht aus ist.

Pater Laurentius schlägt mit seinem Gürtel, Pater Gabriel mit der flachen Hand, Pater Godehard schlägt mit allem, was wehtut, und sei es sein Gipsarm, Pater Johannes mit dem Kleiderbügel, Pater Edelbert mit dem Stock. Abends läuft Pater Magnus durch die Schlafsäle und greift nach dem Gutenachtsagen jedem Jungen, der sich nicht wehrt, in die Schlafanzughose. Die einzige Möglichkeit, den Kummer mit den Eltern zu teilen: ein Telefonhäuschen, das abends eine Stunde lang benutzt werden darf. Jeden Abend bildet sich eine Schlange davor, und während der Erste noch wählt, klopfen die anderen schon ungeduldig ans Fenster.

»Es war ein satanischer Ort, ich war nirgends sicher«, sagt Alfons Maier, der 1965 ins Klosterinternat kam und die schlimmste Zeit dort miterlebte, die Sechziger- und Siebzigerjahre, als fast alle Mönche zuschlugen. Seine Bilanz: sieben Jahre Ettal, fünf Jahre Therapie, viele Jahre schwere Depressionen. Pater Godehard hielt ihn an einem Arm zum Fenster hinaus, im zweiten Stock, und lachte nur, während Maier dachte, er müsse sterben. Der pädophile Pater Magnus würgte ihn in der Schwimmhalle mit dem Handtuch so lange, bis er ohnmächtig wurde, und als er aufwachte, lag der Pater, nur mit der Badehose bekleidet, über ihm. Besonders der spätere Abt Edelbert hat ihn schwer misshandelt, Pater Gabriel schlug ihn.

»Ich war allein, ich hatte niemanden, der mir half«, sagt er, und die Mundwinkel zucken. Von Mitschülern war keine Solidarität zu erwarten: Sie duckten sich weg, um nicht selbst den Zorn eines wild gewordenen Paters auf sich zu ziehen. Und die Eltern? Maier lächelt. »Sie haben mir nicht geglaubt. Es waren ja Mönche, die uns misshandelten - das hat keiner geglaubt.«

Wie in jedem Schreckensregime gibt es auch am Kloster Ettal Privilegierte: Meist sind es Schüler aus einflussreichen, wohlhabenden Familien, die schon in dritter oder vierter Generation ihre Kinder auf die Klosterschule schicken. Gebrochen werden vor allem die Schüler, die wenig Selbstbewusstsein haben und aus einfachen Verhältnissen stammen, was für die prügelnden Mönche bedeutet: Aus dem Elternhaus ist nicht viel Widerstand zu erwarten. Der pädophile Pater Magnus greift sich vor allem Schüler heraus, denen eine Vaterfigur im Leben fehlt, Waisen oder Scheidungskinder - auch das hat System.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Leitung der Kloster Ettal versucht, mit der Schuld umzugehen und was die Missbrauchsopfer jetzt fordern.)

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