Anzeige

aus Heft 26/2010 Politik 6 Kommentare

Wir sind alle Schmidtisten

Wenn dieser Mann das Wort ergreift, hängen die Deutschen an seinen Lippen. Der Kult um Helmut Schmidt verrät viel über die Planlosigkeit und Zukunftsangst in diesem Land.

Von Georg Diez  Foto: dpa




Das Foto oben aus dem Jahr 1978, das ist so Helmut Schmidt, dass man fast lachen muss: Schmidt sitzt am Tisch, der Kanzler, der harte Hund, mit seinen etwas mädchenhaft zur Seite gekämmten Haaren; seine Gesichtszüge sind weich, er trägt eine dunkle Strickjacke und hält seine Pianistenhände gefaltet. Sein Blick ist nach unten gerichtet, auf das Schachspiel vor ihm. Ihm gegenüber Loki, seine Frau, mit ihren kurzen, dunklen Haaren und dem energischen, leicht herrischen Gesicht. Sie ist am Zug. Sie spielt mit Weiß.
Anzeige
Neben den beiden steht eine große Kanne Tee, ein Fernglas, eine Zuckerdose, ein Milchkännchen, ein leeres Weinglas und ein Whiskyglas, in dem noch etwas Flüssigkeit zu sein scheint. Es wird wohl Sonntag sein, denn das Foto war Teil einer Kampagne von Kanzler Schmidt, eines »Experiments«, so nannte er es selbst. Schmidt wollte den Deutschen einen »fernsehfreien Sonntag« vorschlagen, um das »zwischenmenschliche Gespräch« zu fördern.

Da war er, der Volkspädagoge Schmidt, der ewige Soldat, der störrische Sozialdemokrat, der stolze Kleinbürger, der seine Stadt vor der Flut retten will, das Land vor der menschlichen Kälte und das Bürgertum vor dem Untergang. Unterstützung kam damals von der Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann und vom heute umstrittenen Pädagogik-Professor Hartmut von Hentig, Kritik gab es vom Gewerkschaftsboss Heinz Oskar Vetter, der nicht wollte, dass Arbeitnehmer »in ihrer Freizeit bevormundet werden«, und von Inge Meysel, die sich in Bild über den »erhobenen Zeigefinger des Kanzlers« beschwerte.

Da war er, der widersprüchliche, der besserwisserische, der bockige Schmidt, der von seinen Genossen nie geliebt wurde, als er Kanzler war, und der heute so populär ist, dass seine Bücher wie von selbst auf der Bestsellerliste festkleben: Der Interviewband Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt mit Giovanni di Lorenzo, dem Zeit-Chefredakteur, der Gesprächsband Unser Jahrhundert mit dem Historiker Fritz Stern, seine Erinnerungen Außer Dienst – und im Herbst drohen die nächsten Bücher, diesmal über Schmidt und über Loki. Zu seinem 90. Geburtstag Ende 2008 wurde er gefeiert, als gelte es, die Bonner Republik noch einmal hochleben zu lassen. Und in diesen wüsten Wochen einer schwarz-gelben Taumel-koalition thront er über Merkel, Gabriel, Wulff und selbst Gauck wie eine Mischung aus Otto von Bismarck und dem Grantler aus der Muppet Show.

Was ist da also passiert? Wann hat das angefangen? Was hat es zu bedeuten, dass die Deutschen sich gerade auf ihn einigen können, den historisch so unglücklichen Zwischenkanzler, den Kanzler der Ölkrise, des RAF-Terrors, des Misstrauensvotums, eingeklemmt zwischen Willy Brandt, der die deutsche Einheit vorbereitete mit seiner Ostpolitik, und Helmut Kohl, der die Einheit vollendete – Geschichtsgrößen beide, zwischen denen der Krisenkanzler Schmidt eigentlich zu verschwinden droht?

Fehlt den Deutschen das Gespür für die Statur dieser beiden? Macht sie ihnen Angst? Ist es einfach so, dass Brandt tot ist und Kohl sehr krank? Oder wollen die Deutschen jemanden wie Schmidt, eben nicht den Emigranten Brandt und nicht den Europäer Kohl, sondern den Wehrmachtssoldaten Schmidt, der erst so spät vom Holocaust erfahren haben will? Den Pragmatiker, der doch so oft wie ein Pastor klingt, selbst wenn er sagt, er sei gar nicht religiös? Den Exkanzler, der sagt, er sei ein Kleinbürger, was aber so gar nicht stimmt und auch noch nie gestimmt hat?

Angenehm und auch etwas überraschend ist dabei, dass die Deutschen Helmut Schmidt seine Arroganz nicht übel nehmen, entweder weil sie sich manchmal ganz masochistisch gern an den Ohren ziehen lassen oder weil sie wissen, dass das, was Schmidt sagt, eh keine Konsequenzen mehr hat. Schmidt ist in gewisser Weise ein Orakel ohne Agenda, vernehmlich vor allem als Dauergrummeln, wie in der vergangenen Woche wieder, als er in einem Interview mit dem Magazin Cicero Angela Merkels Finanzpolitik als »Unfug« bezeichnete. Seine Stellung gleicht darin der des anderen grand old Grantlers unserer Tage, Marcel Reich-Ranicki, der so hochmütig ist wie Schmidt, der auch nie geliebt wurde, ganz im Gegenteil, und der jetzt erst, im hehren, aber auch harmlosen Alter verehrt und gefeiert wird.

Bei beiden wird immer wieder betont, dass sie ja »sagen, was sie denken«, was heute wohl tatsächlich eine Seltenheit geworden ist. Bei beiden wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sie mit klaren, einfachen Sätzen und Urteilen hantieren, was in einer komplexen und von Feigheit verstellten Welt wohl befreiend wirkt. Man könnte es die Freiheit des Alters nennen, die immer auch eine Narrenfreiheit ist, und wirklich hat der ganze Schmidtismus etwas von der Suche nach einem Großvater.

Es sind eben vor allem die Enkel, die Schmidt für sich entdeckt haben, die sich für Schmidt begeistern – in der Politik haben sich diese Enkel nie formiert oder einen Namen gegeben, es gab immer nur die Enkel Willy Brandts: Aber eine Ironie der Geschichte ist es nun, dass die Rückkehr des Helmut Schmidt ins öffentliche Bewusstsein ausgerechnet zu der Zeit begann, als der Brandt-Enkel Gerhard Schröder 1998 ins Kanzleramt einzog.

Schröder war dabei nicht nur phänotypisch eine Art Schmidt ohne Zigarette. Er war wie Schmidt aus dem Norden, er war wie Schmidt mehr und mehr mit seiner Partei über Kreuz, einer Partei, die nun damit leben muss, dass ihre zwei letzten Kanzler für sie derart zu rechts waren, dass links von der SPD zwei neue Parteien entstanden: Helmut Schmidts Vehemenz in Sachen NATO-Doppelbeschluss führte zur Gründung der Grünen 1980, Gerhard Schröders Konsequenz bei der Agenda 2010 führte zum Aufschwung der Linken. Schmidt war dabei, mehr als Schröder, nicht nur eine Antifigur zu werden, sondern auch eine Lachfigur, so wie ihn etwa Loriot zeigte, Zähne bleckend, Lippen leckend, wie er mit philosophischem Ernst und dem ganzen Gewicht von Hegels Weltgeist auf den Schultern die Probleme mit seiner Wasserrechnung erklärt.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wozu sich der Altkanzler bis heute nicht gern äußert und warum er in einem polotikverdrossenen Deutschland die Menschen an das erinnert, was sie von Angela Merkel nicht bekommen.)
  • Seite 1: Wir sind alle Schmidtisten
  • Seite 2

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Gerd Weghorn (1) Hallo Herr Diez,

    auch von mir ein Kompliment für Form und Inhalt Ihrer biographischen Arbeit. Besonders denkanregend finde ich Ihren Schlusssatz: "Die Sehnsucht nach Helmut Schmidt ist die Sehnsucht nach Politik", den ich mit folgendem Denkanstoß kommentieren möchte: meinen Sie nicht auch, dass "Politik" durch "Führung" ersetzt werden müsste, um die "Sehnsucht der Deutschen" auf den Begriff zu bringen?!

    Führung hat ja etwas zu tun mit den - hier: "politischen" - Fachkompetenzen zur Analyse/Diagnose und zur Synthese/Prognose
    von Lagen und Situationen sowie mit dem Mut zur Entscheidung für eine bestimmte Strategie und Taktik, eingeschlossen der Kraft, die Verantwortung für eine Fehlentscheidung zu tragen - ohne allerdings zwanghaft zurückzutreten/retirieren!

    Frau Käßmann z. B. hat dieser Maxime von Führungs- und Kampfkompetenz nicht entsprochen - und auch H. Schmidt hatte die Absicht geäußert, im Falle eines Misslingens der Landshut-Erstürmung zurückzutreten!

    Wer nichts tut, der macht auch keine Fehler (außer den des Nichtstuns), weshalb man in Deutschland denjenigen ehren sollte, der handelt und aus seinen Fehlern lernt!
  • achim lindlar (0) lieber herr diez,

    vielen vielen dank für diesen artikel! für mich ein grosser genuss, ich bin tief beeindruckt.
    scharfsinnig beobachet, hervorragend geschrieben und die tatsächlich (für uns ca. 40 jährigen) richtigen schlüsse gezogen. chapeau!
    die kindheit in den 70ern und die politische reife in den frühen 80ern erlebt zu haben kann ich natürlich vollkommen unterstreichen dass es sehr sehr wohl eine bonner republik gab und berliner republik gibt. hier macht vielleicht die übertreibung anschaulich aber muss politik nicht auch immer platz lassen für grosse gefühle?

    & wen interessieren da schon die schachzüge auf dem brett?!? also bitte frau huepper... verzeihen sie also mir den allzu naheliegenden kommentar dass auch korinthen ins auge gehen können.

    ein herzlicher gruss aus münchen nach münchen von einem nicht wirklich grossen bewunderer helmut schmidts.
  • Ulf B (1) Ulf Busch
    Sehr geehrter Herr Diez,
    als Journalist können Sie ja schreiben, was Sie wollen. Ich muss nicht damit einverstanden sein. Aber, eine BONNER REPUBLIK gab es nie, genausowenig, wie es eine BERLINER REPUBLIK. gibt. So weit ich mich erinnern kann, heißt unser Staat immer noch BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND. Nur der jeweilige Regierungssitz hat sich geändert.
  • Reinhard Ettel (0) Planlosigkeit und Zukunftsangst als Schlüssel zum Kult um Helmut Schmidt. Das macht mich schon traurig, ist es doch ein Zeichen dafür, daß die Menschen in diesem Land sich letztlich den Regierenden völlig ausgeliefert und ausschließlich ihnen ihr Schicksal überlassen haben. Das ist angesichts der gegenwärtigen Regierung schon tragisch. Man hat sich den Metztger selbst gewählt, der einem nun den Garaus macht. Und man Kann Helmut Schmidt in seiner Einschätzung der gegenwärtigen Regierung aber auch der Spitze seiner Partei doch nicht ernsthaft widersprechen.Der Neuanfang, den die SPD nach dem Debakel bei der letzten Bundestagswahl gebraucht hätte, wurde nicht verschlafen, er wurde einfach nicht in Angriff genommen. Daß das Land eine Alternative braucht, war der SPD schlichtweg gleichgültig.
    Noch ein Wort am Rande an den Autor: Lieber Herr Diez, tun Sie mir uns sich einen Gefallen und schreiben Sie nie wieder, Helmut Kohl habe die deutsche Einheit vollendet. Es ist schlichtweg gelogen.
    Er mag die territoriale Teilung beendet haben, dem stimme ich zu. Aber eine Vollendung der Teilung sähe mit Sicherheit anders aus. Dieses Volk ist noch lange nicht das eine Volk. Solange noch immer dieses: der Westen zahlt für den Osten , an den verschiedensten Stellen auftaucht und Politiker auch noch in dieses Horn stoßen, sind unvollendete Werke in der Musik vollendeter als deutsche Einheit.
  • Huepper Dagmar (1) Schach dem Schmidt-Kult - jaja, Diez und seine Dönekes! Und die sind überaus treffend geraten, lieber Autor. Nur um einen Punkt drücken Sie sich herum: Ehepaar Schmidt als Schachspieler. Das Bild (Mai 1978?) verrät von den Partnern mehr als nur deskriptive Küchenpsychologie (HS: "weiche Gesichtszüge"; LS: "leicht herrisches Gesicht"). Auf dem Brett steht eine reale Stellung, die jeder geübte Schachspieler rekonstruieren kann. Beispiel gefällig?! LS - HS: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Le2 Sf6 4. d3 h6 5. a3 d6 6. 0-0 g5 7. h3 Sh7 8. Sc3 (LS läßt gerade den gezogenen Springer los). Die Eröffnung ist von Weiß passiv gespielt worden (so eine Art Ungarisch im Anzuge), gleichsam ein sorgsames Hausmutterschach, das LS schon jetzt etwas sorgenvoll und eingeschüchtert blicken läßt. Die Biologin hat ihre Figuren brav "evolutioniert" (Entwickeln ist Christenpflicht), aber ohne echten Plan. HS hat zwar versäumt, den Läufer auf f8 aktiver zu stellen (5...Lc5!), ist dann aber mit dem Bauernzug nach g5 zur Attacke übergegangen (nach voreiliger Rochade von Weiß und dem Fehler h3). Forsch gespielt, aber nicht besonders gut, eher schnoddrig als schneidig - HS war auch im Schach offenbar anfällig für Überheblichkeit; die Stellung hat er bereits leicht überzogen (wenn Weiß das Zentrum mit d4 aufbricht). Kleinbürgerschach (klar einfach, ohne Komplexität)?! HS hat den Angriff auf den gegnerischen König angedeutet (8... g4!?), könnte später die lange Rochade (0-0-0) im Sinn haben. Danach entstünden erhebliche Spannungen - hoffentlich nur auf dem Brett; dort scheute der Krisenkanzler reichlich optimistisch kein Risiko. Das konnte auch ins Auge gehen.
  • Jörg Heinrich (2) Sehr interessant, Herr Diez, aber ein wesentliches Moment des gegenwärtigen Schmidt-Kults lassen Sie unerwähnt: Helmut Schmidt war der letzte Politiker, der sich in seinen jeweiligen Rollen als Staatsdiener verstand, und als Bundeskanzler als leitenden Angestellten der Bundesrepublik Deutschland. Das unterschied und unterscheidet ihn deutlich von nahezu allen Politikern, die danach kamen. Deren Machtgier, Eitelkeit und Geltungsdrang ist dem Wahlvolk mittlerweile unerträglich geworden und es traut diesen Leuten alles Mögliche zu, aber nur wenig Gutes. Deshalb sehnt es sich nach integren Leuten, wie Schmidt einer ist und als Kanzler war.