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aus Heft 26/2010 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Geben und geben lassen?

Seite 3

Von Marc Baumann, Christian Helten und Philipp Mattheis  Illustration: Dirk Schmidt





Eine Versuchsanordnung: 12 Uhr mittags, die Sonne schafft es fast auf 30 Grad, wir stehen am Stachus mit drei Paketen, zwei kleinen handlichen und einem großen, schweren. Wir bitten Einheimische und Touristen, das schwere Paket für uns zum Isartor zu tragen, »dauert so etwa 15 Minuten, wir nehmen die kleinen Pakete«. Was ist der Preis dafür, sich in der Mittagspause eine Viertelstunde in der Hitze abzuschleppen?
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»Für zehn Euro mach ich es«, sagt ein 17-Jähriger mit Ohrring. Ein Schüler trägt das schwere Paket 500 Meter für 50 Cent. Dann zwei Polizisten. Als wir fünf Euro anbieten, lachen sie, bei zehn auch, bei 20 sehen sie sich an und verneinen, »wir tragen ja Uniform«. Danach ein stämmiger Rentner. Fünf? »Nein.« Zehn? »Nein!« 20? »Haut ab!« Ein Tourist aus Miami läuft sofort mit der Kiste los. Geld? Will er nicht.

Kein Einzelfall: Man trifft erstaunlich oft Menschen, die erst einen Bestechungsversuch annehmen, aber das Geld danach nicht mehr wollen. Gerade wenn man sehr nett fragt. Darum treten wir unangenehmer auf, bestimmter im Ton, das Geld soll überzeugen, nicht die Höflichkeit beim Fragen. In der Schnellreinigung sagt eine Osteuropäerin auf unser unfreundliches »Geht das nicht schneller als bis übermorgen?« sehr nett »Klar, dann morgen früh«, dabei haben wir den Zwanziger noch gar nicht gezeigt.

Oder die Ärztin, der einer von uns frühmorgens 20 Euro für eine Krankschreibung bietet. »Lass mal stecken, das machen wir schon«, sagt sie, »wirst du gemobbt?«, davor könne man doch nicht weglaufen. Andere nehmen das Geld gern, wir müssen nicht einmal dabei sein: Der Zeitungszusteller bekommt einen Brief mit 20 Euro und der Bitte, die Tageszeitung in den fünften Stock zu tragen, am nächsten Tag und die Tage darauf liegt sie auf der Fußmatte.

Zeit, die Grenzen des Euro auszutesten, auf unserer Liste fehlen die Punkte der Rubrik: »strafbar«. Lassen sich Beamte bestechen? Vor drei Jahren hat einer von uns nachts eine rote Ampel überfahren. Zwei Polizisten hielten ihn an und schlugen vor, es bei einer Verwarnung von 20 Euro zu belassen, auf die Hand. Hinter ihrem Rücken leuchtete gelb das McDonald’s-M in die Nacht, sie sahen hungrig aus. Wir wollen sehen, ob das noch mal klappt.

Wir fahren mit den Rädern über jede rote Ampel, die sich anbietet, aber kein Streifenwagen hält an. Dafür lesen wir in der Zeitung folgende Meldung: Bei einer Verkehrskontrolle bot ein betrunkener Radfahrer Polizeibeamten 50 Euro an. Der 28-Jährige muss sich wegen versuchter Bestechung verantworten. Wir verzichten, zur Freude unserer Rechtsabteilung. Bleibt noch der andere Punkt: eine Schlägerei provozieren und 20 Euro bieten, damit man nicht verkloppt wird. Unsere dümmste Idee.

Ein Zufall erspart uns die Umsetzung. Ein Kollege wird abends Zeuge eines heftigen Streits, der mit einer gebrochenen Nase endet. Der Geschlagene schreit: »Gib mir 40 Euro oder ich zeige dich an!« Das reicht uns als Bestätigung: 20 Euro müssten eine gebrochene Nase verhindern können, es wäre eine gute Investition.

Letzte Frage: Was kann man für 20 Euro – unter der Hand – maximal herausschlagen? Wir fahren zur Technischen Universität und fragen den erstbesten Informatik-Studenten, ob er uns für einen Zwanziger teure Software besorgt. Tags drauf können wir die »Adobe Master Collection« abholen, Kaufpreis 3000 Euro.

Aber unsere Bestechungsversuche scheitern auch. Etwa beim Schiedsrichter unserer Freizeitfußballmannschaft. Trotz des in der Pause zugeraunten »20 Euro für einen Elfmeter« und eines dramatischen Sturzes im Strafraum lässt der Schiedsrichter weiterspielen. Der Berater im Apple-Store will ein streikendes iPhone nicht umtauschen, obwohl die Garantie erst kürzlich abgelaufen ist, auch nicht für 20, 40, 60 Euro. Wir scheitern bei fast allen Innenstadt-Nachtapotheken, die weder Viagra noch die Pille danach noch Valium für 20 Euro plus Kaufpreis ohne Rezept hergeben.

Der S-Bahn-Kontrolleur versteht nicht, was wir von ihm wollen, als wir ihm 20 Euro hinhalten. »Ihre Fahrkarten, bitte!« – »Ja, hier.« – »Nein, die Fahrkarten!« Und am Flughafen erlebt einer von uns »den peinlichsten Moment seit Langem«, wie er in einer SMS schreibt. Flug LH 4608 nach Brüssel: Er betritt als Letzter den Flieger. Zwei Flugbegleiterinnen am Eingang. »Haben Sie in der Businessclass noch was frei?« – »Sie können zurück zum Schalter und gegen Aufpreis wechseln.« – »Ich gebe Ihnen 20 Euro.« – »Nein!« Er geht zu seinem Platz. Hinter ihm hört er eine der beiden lachen, die andere sagt etwas, was entrüstet klingt.

Unbeeindruckt von unserem Geld bleiben auch die Einlasskontrolleure bei Konzerten von Elton John in der Olympiahalle und Green Day im Reitstadion in Riem. Man darf dem Zwanziger nicht die alleinige Schuld geben. Der Geldschein ist wie ein Werkzeug, nur wenn man es richtig ansetzt, funktioniert es. Green Day spielen bereits, die Ordner weisen uns ab. Dann fällt uns ein besserer Weg ein: Wir kaufen einem Sicherheitsmann, der gerade heimgehen will, eine neongelbe Securityweste ab und einer läuft mit anderen Westenträgern in den Innenraum. So also.

Wir sind längst frei von Schamgefühl. Bei einer Premiere an den Münchner Kammerspielen wollen wir unsere Durchschnittskarten für Reihe 15 gegen die besten Sitze in der ersten Reihe tauschen. Der Saal ist voll besetzt, viele kriegen unsere scheiternden Tauschversuche mit, manche tuscheln, uns egal, für 20 Euro steht der Herr rechts außen auf und nimmt 14 Reihen weiter hinten Platz. Und wir bestechen nicht mehr nur beruflich: Als sich die Warteschlange samstags bei Saturn durch das halbe Geschäft zieht, laufen wir an allen vorbei, schieben dem vordersten Wartenden 20 Euro zu, legen die Ware aufs Band, zahlen und gehen. Das ist gar kein Test, wir hatten es nur eilig.

Einer von uns kauft beim Kreisverwaltungsreferat die aufgerufene Wartenummer für 20 Euro ab, abends in einer Disco bekommt der Türsteher einen Schein, damit wir zu fünft als Gruppe reindürfen. Als es beim Heimweg von der Arbeit regnet, bieten wir den wartenden Autofahrern an der Ampel einen Zwanziger, damit Sie uns heimfahren, der siebte Wagen fährt gern den Umweg.

Es ist an der Zeit aufzuhören. Sich wieder hinten anzustellen. Der Euro hat sich bewährt, die Bürger glauben noch an ihn, wir haben mehr dafür bekommen, als wir gedacht hätten. Nicht bei jedem Versuch, aber oft genug. Wenn man den Euro milliardenweise in griechische Staatsanleihen steckt, mag er wertlos wirken, aber beim Griechen um die Ecke singen Koch und Kellner für 20 Euro ein Geburtstagsständchen.


Kommentare

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  • J Meyer (0) Ein sehr interessanter Artikel. Ich bin jedoch überrascht von der Verwendung des Begriffs "Bestechung". Ist es Bestechung, wenn ich jemanden dafür bezahle, dass er ein Paket für mich trägt?