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aus Heft 30/2010 Deutschland

Mein erster Ossi

Susanne Frömel  Foto und Illustration: cyan

Jeder zweite Westdeutsche hält Ostdeutsche für "Jammerlappen". Aber von wegen: Unsere Autorin traf nach 16 Jahren den ersten "Ossi", den sie je kennengelernt hatte, wieder - und der ist hochzufrieden: Er arbeitet für Quentin Tarantino.


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Ich weiß noch, dass mir auffiel, wie dünn er war. Kein Wunder, dachte ich, er hat bestimmt nicht viel zu essen. Ich war in Bonn aufgewachsen und hatte eine zweisprachige Schule besucht. Da der Unterricht, auch im Fach Politik, in französischer Sprache abgehalten wurde, war meine Unwissenheit nichts, wofür ich mich geschämt hätte. Dass Ostdeutsche hungrige Menschen sein mussten, stand für mich aber außer Frage. Ich war 20 Jahre alt und blöde, wie nur Zwanzigjährige sein können, ich war tatsächlich in etwa so dumm, wie Daniel dünn war.

Er trug ulkige Klamotten. Einmal kam er in einem Jeansanzug in die Redaktion, in der ich arbeitete. Das Blau des Anzugs war so verwaschen wie die Augen meiner halb blinden Großmutter, ein blasses, nebliges Veilchenblau. Die Jacke wurde von silbernen Knöpfen zusammengehalten. Ich dachte: Kein Wunder, es muss schwer sein, sich von jetzt auf gleich alles neu kaufen zu müssen. Ich betrachtete ihn mitleidig in seinen Klamotten, ohne dass mir groß auffiel, dass er der Einzige in der Redaktion war, der so etwas wie Stilempfinden besaß. Das muss sich auch Quentin Tarantino gedacht haben, als er knapp 15 Jahre später seine Crew für Inglourious Basterds zusammensuchte.

Damals aber schlich ich argwöhnisch um ihn herum, als wäre er eine exotische Tierart. Seine Sprache war anders. Ständig benutzte er Worte, die ich nicht kannte. »Mach keene Backen!«, sagte er, wenn einer herumnörgelte, oder »Mensch, dit is urst schau!«, wenn ihm etwas gefiel. Manchmal hatte ich keine Ahnung, wovon er sprach. Ich biss mir auf die Zunge, wenn wir an den Plattenbauten am Alexanderplatz vorbeifuhren, er, der Fotograf, ich, die Schreiberin. War versucht, mir die Hände vor den Mund zu pressen, wenn die Vorurteile nur so aus mir herausbrechen wollten. Ständig machte ich Witze über Bananen, das schien irgendwie naheliegend. Wir freundeten uns an. Mir fiel nicht auf, dass der einzige Unterschied zwischen uns darin bestand, dass ich ständig nach Unterschieden suchte.
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Das Komische an uns Deutschen war ja, dass man in etwa gleich alt sein konnte und dennoch vollkommen unterschiedliche Dinge erlebt hatte. Denver Clan – war allein die Erwähnung schon überheblich, überheblicher noch als die Bananenwitze? Was war mit der Schwarzwaldklinik? Kannte er Gazebo oder wenigstens Guns N’Roses? Um Missverständnissen vorzubeugen, besprachen wir die Dinge nur auf persönlicher Ebene. Im Grunde klammerten wir alles Kulturelle völlig aus, Mode, Pop, den ganzen Firlefanz, der einen sonst so ablenkt.

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Susanne Frömel

weiß jetzt, dass ihr alter ostdeutscher Freund Daniel so erfolgreich im Filmgeschäft ist, und schafft es seitdem, Tom-Cruise-Filme anzuschauen.

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