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aus Heft 32/2010 Sommer Noch keine Kommentare

Draußen baden

Unsere Autorin (eine Österreicherin) hat ein Leben lang von einem Häuschen am See geträumt. Jetzt hat sich ihr Traum erfüllt (ausgerechnet im Berliner Umland).


 

Von Eva Menasse  Photocase




Vor einigen Jahren haben wir ein Haus am See gekauft. Es ist ein hässliches, plumpes Häuschen an einem See, den niemand kennt. »An welchem See denn?«, fragen manchmal insistierend Berliner, die sich rühmen, alle bedeutenden und weniger bedeutenden Seen der weiteren Umgebung mindestens bis »Meck-Pomm« zu kennen, und die mit Ranglisten der Schönheit und Wasserqualität ebenso aufwarten können wie mit den letzten Geheimtipps in Sachen garantierter Gottverlassenheit. Aber an unserem See scheitern sie, »ach Mensch, das Urstromtal, da nennt sich ja jede Pfütze gleich See«.

Unsere schmale, aber langgestreckte Pfütze liegt so versteckt im Wald, dass es beim ersten Mal nicht reichte, sie auf einer Straßenkarte zu identifizieren. Wir mussten im Ort fragen und verfuhren uns trotzdem noch zweimal. In einem meiner Bücher gibt es eine Stelle, bei der die Menschen, die zu den Lesungen kommen, manchmal lachen. Die Protagonistin hat auch ein Haus am See, und wenn sie per E-Mail ihre Freunde einlädt, schreibt sie in der Wegbeschreibung: »Wenn ihr ganz sicher seid, falsch zu sein, dann seid ihr goldrichtig.« Ich habe zwar noch nie so eine E-Mail geschrieben oder diesen Satz zu einem meiner Freunde gesagt, trotzdem ist er gewissermaßen autobiografisch, denn ich muss ihn im Zusammenhang mit unserem Häuschen gedacht haben. Und das zeigt ganz nebenbei wieder einmal, um wie viel verschlungener die Wege zwischen Realität und Fiktion sind, als die Leute immer glauben.

Von frühester Kindheit an verbindet sich für mich das sommerliche Paradies mit Bildern von kühlen, grün umsäumten Seen. Nicht vom Meer, nein. Das Meer war ein Statussymbol, das man gesehen haben musste, da Österreich bekanntlich seit fast hundert Jahren ein Binnenstaat ist. Und »Binnenstaat« hörte sich für mich als Schulkind schon so an wie »Land zweiter Klasse«. Nie habe ich den Verlust der Monarchie so bedauert wie damals, als ich frisch von ihrer Existenz und Ausdehnung erfuhr. Trotzdem lernten wir das Meer bald kennen, unser verlorenes, das Adriatische Meer, denn alle österreichischen Eltern, die es sich irgendwie leisten konnten, reisten in den Siebzigerjahren mit ihren Kindern in stundenlangen Autofahrten an die Adria, nach Italien oder Jugoslawien. Diese Urlaube waren ein immens anstrengendes Dorado aus Hitze, Sand, Eis, Spaghetti und Sonnenbrand, schön, aber auch gleißend fremd.

Doch nur am See lernte man schon als Kind, dass ein Hauptbestandteil des Glücks gerade in seiner verdammt kurzen Verweildauer liegt. Dass man sich nach dem Glück vor allem sehnt und dass man es, wenn man es endlich hat, nie auskosten kann, genau wie einem im Hochsommer das Eis unaufschleckbar in der Hand zerrinnt.


Ein Beispiel: Vierzehn Tage Familienurlaub am Ossiacher See, davon die ersten zehn Tage verregnet, die Eltern haben sich wahrscheinlich angegiftet, meine Schwester und ich haben uns wahrscheinlich geärgert, gezwickt, geprügelt und konnten nur mit den damals üblichen Ohrfeigen auseinandergetrieben werden; manchmal, wenn der Regen angeblich »ein bisserl nachgelassen« hatte, wie meine sich zwischendurch in den Zweckoptimismus flüchtende Mutter sagte, mussten wir im Regenumhang in den tropfenden Wäldern Eierschwammerln oder Heidelbeeren suchen. Aber die meisten Details dieser Elendsperioden habe ich vergessen.

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