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aus Heft 34/2010 Gesellschaft/Leben

Wer hat Angst vor Jörg Kachelmann?

Gabriela Herpell, Susanne Schneider und Jonas Leppin  Fotos: Hubertus Hamm; ap; ddp; dpa

Er ist frei, sein Ruf für alle Zeiten ruiniert. Ob ihn Schuld trifft, wissen wir nicht. Wir können nur fragen, was für ein Mensch er eigentlich ist. Hier erzählen zum ersten Mal die Frauen seines Lebens, was sie wissen.


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Zu mindestens 18 Frauen, Freundinnen wie Kolleginnen von Jörg Kachelmann, haben wir Kontakt aufgenommen. Wir wollten nicht fragen, ob er schuldig ist im Sinne der Anklage, sondern eine persönliche Einschätzung. Denn das ist ja der Punkt, den man in dieser Geschichte überhaupt nicht versteht: Was, bitte, ist an ihm so unwiderstehlich, dass die Frauen reihenweise ihr Leben mit ihm verbringen wollten? Viele Frauen reagierten panisch auf unsere Frage, obwohl sie Anonymität garantiert bekamen. Manche sagten erst zu, dann wieder ab. Mit einigen, die bereit waren zu sprechen, trafen wir uns in Hotels, zwei wollten nicht, dass wir sie sehen, Interviews waren nur per Telefon möglich.


Kachelmanns Schlag bei den Frauen

Freundin1 Immer hat er gesagt: Du bist die Beste, Tollste, Schönste. Er hat mich auf Händen getragen und mir das Gefühl gegeben: Ich bin ein Mann, ich beschütze dich. Bei ihm habe ich mich geliebt und sicher gefühlt.

Freundin2
Er ist feinfühlig und warmherzig und hat sich für mein Leben interessiert. Er hat nachgefragt, wenn er wusste, dass etwas für mich wichtig war.

Freundin3 Er ist nicht nur intelligent, sondern hyperintelligent. Er denkt schnell und kann gut kontern.

Kollegin2
Bei Filmen musste er immer weinen. Angeblich war es sogar so, dass er, wenn er einen Film schon kannte, im Voraus geheult hat, weil er wusste, wie traurig es gleich wird. Er ist ein Türöffner, charmant, kreativ. Er weiß viele Geburtstage und hat sich Gedanken gemacht, wem er was schenken könnte, egal ob Kollege, Freund oder Kunde. Typisch war folgende Situation: Eine Freundin hatte Geburtstag, er fuhr mit einem Geschenk vorbei. Da hieß es, sie sei bei ihren Eltern zum Kaffee. Also fuhr er zu den Eltern, und die haben den Mund gar nicht mehr zugekriegt, als plötzlich Herr Kachelmann mit einem Geschenk bei ihnen im Wohnzimmer stand.


Der charmante Herr Kachelmann

Freundin1 Er konnte sehr charmant sein. Er wirkte wie ein großer Junge, das war faszinierend.

Kollegin1 Hierarchien waren Kachelmann egal. Er war für alle Kachelmann. Kachelmann und du.

Kollegin2 Gut reden konnte Kachelmann. Bei Bedarf hat er sich binnen Minuten in Themen eingelesen, von denen er vorher noch nie etwas gehört hatte. Dann redete er los, man saß daneben und dachte: Das kann nicht klappen – aber es klappte. So war er auch privat. Damit hat er viele kluge Frauen beeindruckt.

Kollegin1 Kachelmann konnte sich über Nacht tipp-topp vorbereiten. Er hat ein fotografisches Gedächtnis, las zur Vorbereitung seiner Moderation von Riverboat, einer Talkshow beim MDR, eine Biografie oder ein Dossier über einen Gast. Nun konnte er alles aus dem Kopf abrufen. Er musste sich nicht, wie andere Moderatoren, alle seine Fragen auf Karteikarten notieren. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Nicole Heesters, bei dem er sagte: »Da gibt es einen Satz in Ihrem Buch, über den ich jetzt mal mit Ihnen reden muss, Frau Heesters.« Den Satz konnte man nicht finden, wenn man alles nur quer liest.

Freundin2 Er hat einfach einen schrägen Humor, kann gut austeilen, ganz ähnlich wie Harald Schmidt. Er ist eloquent, ich meine, das sieht man ja auch jetzt an seinen jüngsten öffentlichen Äußerungen.

Kollegin2 Mit seinem speziellen Humor wirkt er sehr authentisch. Man denkt, dass er auf dem Bildschirm genauso ist wie privat. Das macht ihn für alle so glaubwürdig.

Kollegin1 Als der MDR Kachelmann für Riverboat haben wollte, sagte er sinngemäß: »Ihr kriegt mich, aber ihr kriegt mich nur so, wie ich bin. Beklagt euch später nicht.« Er wollte sich den Mund nicht verbieten lassen. Einmal sagte ein junger Gast in einer Sendung zu Kachelmann, Kritiken seien ihm egal, und formulierte das so: »Dann wichst du dir halt einen drauf.« Ein anderer Gast, älter und schwerhörig, verstand das nicht. Kachelmann fragte ihn, ob er das Wort »wichsen« eigentlich kenne. Der schüttelte den Kopf, und Kachelmann bat den jungen Mann sehr freundlich, es dem älteren Herrn zu erklären. Beim Sender waren alle entgeistert, aber bei den Zuschauern gab es zwei Lager. Doch selbst die, die entsetzt schrieben, schauten jedes Mal zu, wie er seine Gäste diesmal wieder provozieren würde.


Jörg Kachelmann Ende der Neunziger Jahre als Moderator beim MDR.


Da hört bei Kachelmann der Spaß auf

Freundin1 Er mag keine Menschen. Er hat ständig über alle gelästert: über seine Fans, seine Exfrau, auch über Kollegen. Menschen waren ihm oft egal.

Kollegin1 Nach der ersten Sendung als Moderator bei Riverboat wurde er vor versammelter Mannschaft für seine Unverfrorenheit kritisiert. Da war er irre sauer und hat sich verbeten, dass das noch mal geschieht, was ja sein gutes Recht war. Hatte er das Gefühl, die Sendung ist nicht gut gelaufen, hat er sich verkrümelt und ist noch von Leipzig nach Stuttgart oder sonst wohin gefahren, ein ziemlicher Gewaltritt, mitten in der Nacht. Wenn die Sendung gut gelaufen war, blieb er oft da und nahm sein Bad in der Menge. Es konnte schon vorkommen, dass er für sachliche Kritik unter vier Augen empfänglich war.

Kollegin2
Er ist nicht kritikfähig. Wenn man ihn kritisierte, war seine Reaktion heftig. Aber man erreichte mit seiner Kritik sowieso nichts bei ihm. Und irgendwann wollte man halt den netten Jörg wiederhaben.

Kollegin1
Wenn man schrieb: »Mensch, Kachelmann, warst schon mal besser«, hat er nicht geantwortet. Schrieb man dagegen, »du warst großartig«, kam ein Smiley zurück. Oder ein Bussi.

Kollegin2
Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich je für etwas entschuldigt hätte.

Freundin1 Er ist der Maßstab aller Dinge: Was er gut fand, war gut, was er schlecht fand, war schlecht. Wenn ich vorsichtig gefragt habe, warum wir uns nicht öfter sehen, war er sofort beleidigt und nannte mich undankbar. Wo er doch so viel zu tun hatte. Man war ganz schnell in seinen Augen undankbar – schon, wenn man einen Rat von ihm nicht sofort befolgt hat. Das hat er einem ewig nachgetragen. Er hat dann kaum noch SMS geschrieben, nicht gechattet, mit Liebesentzug gestraft. Er hat sich auch nicht versöhnt, ich musste auf ihn zugehen. Wenn man zufrieden und glücklich war, war er auch zufrieden und glücklich.
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Freundin2 Was andere von ihm und seinem Aussehen denken, ist ihm egal. Aber wenn er sich zu Unrecht angegriffen oder missverstanden fühlt, fehlt ihm eine Portion Gelassenheit: Er diskutiert, wenn es ihm wichtig ist, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Er muss recht behalten. Der Schweizer Fernsehjournalist Roger Schawinski hat das so gesagt: »Er wollte immer alles genau so haben, wie er es wollte, und nicht anders.«

Freundin3
Mir hat er zu verstehen gegeben: »Ich schätze dich als Mensch, ich schätze deine Aufrichtigkeit. Aber ich bin der Chef und ich muss dir sagen: Perfekt bist du nicht.«
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Susanne Schneider

, Gabriela Herpell und Jonas Leppin haben sich, wenn sie über die Interviews sprachen, mehrfach gefragt: "Wir sprechen schon vom selben Mann, oder?"