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aus Heft 37/2010 Familie Noch keine Kommentare

Ich bekam zum ersten Mal Angst vor seinem Tod und beschloss, für ihn da zu sein

Jahrelang konnte Johannes Waechter nichts mit dem Hobby seines Vaters anfangen. Jetzt fuhr er mit ihm nach Helgoland - aber nicht nur, um Vögel zu beobachten.

Von Johannes Waechter  Bild: Klaus Fürmaier




Beim Ausbooten habe ich plötzlich Angst um ihn. Unser Schiff ist gerade vor Helgoland angekommen, jetzt müssen die Passagiere auf kleine Boote klettern, die sich in der Dünung heben und senken. Mein Vater steht an der Ausstiegsluke, er ist 74 Jahre alt, und weil er trotz dicker Brillengläser den Boden vor seinen Füßen nicht mehr gut erkennen kann, hat er sich einen tastenden Gang angewöhnt. Vorsichtig streckt er einen Fuß nach vorn, als ihn zwei Matrosen unter den Achseln packen und ihm aufs Boot helfen. Da steht er dann und schwankt etwas.

Ich bin zum ersten Mal auf der Insel, er zum dritten Mal. Sein erster Besuch fand im Oktober 1959 statt, da war er 23 und hatte nach zwei Semestern Jura gemerkt, dass er etwas anderes studieren wollte als sein Vater. Er schrieb sich für Wirtschaftspädagogik ein und fuhr kurz vor Beginn des neuen Semesters für zwei Wochen nach Helgoland, allein, zum Vogelbeobachten. Eine Postkarte ist erhalten, die er an seinen Bruder schrieb: »Lieber Dieter, ich bin hier sehr zufrieden, sonnig, steifer Wind. Viele Vögel, auch seltene Arten. Dein Jürgen«

Die Fahrt nach Helgoland ist die zweite Reise, die wir in diesem Jahr zusammen unternehmen; im April waren wir in Danzig und Umgebung, auf den Spuren unserer Vorfahren. Ich weiß daher, was mich erwartet, einige Spleens gilt es zu akzeptieren. Mein Vater geht zeitig zu Bett, liest gern Zeitungsartikel, Speisekarten und Straßenschilder vor und kocht sich morgens, wenn er die Gelegenheit dazu hat, einen Topf Hirsebrei, in den er Leinsamen, Weizenkeime und Haferkleie rührt.
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Ich ziehe ihn damit auf, er lässt es an sich abperlen, mit der Gelassenheit eines Mannes, der seinen Platz im Leben gefunden hat. So haben wir uns gut verstanden in Polen, haben viel gelacht und viel geredet. Dort erzählte er mir alles, was er über unsere Vorfahren und die Zeit vor der Flucht im Januar 1945 weiß, nun möchte ich möglichst viel über die Jahre nach dem Krieg erfahren, als er erwachsen wurde. Was hat ihn damals beschäftigt? Warum hat er sich unter den ganzen Hobbys, für die man sich begeistern kann, ausgerechnet das Vogelbeobachten ausgesucht?

Böiger Wind treibt Regenwolken auf Helgoland zu, dreißig Meter unter uns branden die Wellen ans Kliff. Wir sitzen auf einer feuchten Bank und kauern uns zu zweit unter einen Regenschirm. Genauso habe ich mir das Vogelbeobachten vorgestellt – ungemütlich und ergebnislos, denn außer ein paar Möwen ist weit und breit kein Vogel in Sicht. Das war damals anders. Mein Vater holt die Liste der Vögel heraus, die er 1959 gesehen hat, 63 Arten stehen auf dem leicht vergilbten Blatt. Alles ist mit Schreibmaschine getippt, sehr ordentlich. Viele der Vogelnamen habe ich noch nie gehört. Spornammer? Sanderling? Stein-wälzer? Basstölpel? Das sei doch jemand, der schlecht Bass spielt, witzle ich.

Mein Vater geht gnädig über den Kalauer hinweg und erklärt, dass der Basstölpel ein großer Meeresvogel ist, den man leicht an seinen schwarzen Flügelspitzen erkennen kann. »Den habe ich gesehen, als ich schon auf dem Rückweg war. ›Da fliegt ein Basstölpel‹, rief jemand. Plötzlich tauchte er neben dem Schiff auf.«
So kenne ich meinen Vater, einen ehemaligen Lehrer und Schuldirektor: Nach 51 Jahren erinnert er sich daran, wie ein Vogel ein paar Sekunden lang in seinem Blickfeld auftauchte. Der Felsenkleiber damals in Delphi, der Baumpieper, den er bei seinem Schülerjob im Moor hörte – oft hat er von diesen Höhepunkten seines Ornithologenlebens erzählt. Vielleicht zu oft, denn auch gute Geschichten werden langweilig, wenn man sie immer wieder hören muss.

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