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aus Heft 40/2010 Literatur

»Ich möchte den jungen Menschen zeigen, was Idealismus bedeutet«

Christoph Neidhart (Interview)  Foto: Stefan Worring

Der japanische Bestsellerautor Haruki Murakami tut nur so, als schreibe er Bücher. Eigentlich will er die Welt retten.


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Herr Murakami, was fasziniert Sie an Sekten?

Haruki Murakami: Das ist kompliziert.

Vor zehn Jahren haben Sie ein Sachbuch über die Aum-Shinrikyo-Sekte geschrieben, die einen Giftgasanschlag auf die Tokioter Metro verübte. Auch Ihr neuer Roman 1Q84 handelt wieder von einer Sekte.
Ich habe damals den Prozess gegen diese Kriminellen verfolgt. Ich war dort, als die Todesurteile verlesen wurden.

13 Menschen kamen 1995 bei den Anschlägen mit Giftgas um, 6000 wurden verletzt. Die meisten Leute hielten die damaligen Täter für verrückte Verbrecher. Was interessierte Sie an deren Motivation?
Diese Leute haben schwere Verbrechen begangen, aber ich weiß nicht – in gewisser Weise waren sie ja keine gewöhnlichen Kriminellen.

Sie hielten sich für eine Art Buddhisten.
Sie suchten nach Wahrheit, waren aber einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie befolgten Befehle. Wie Kriegsverbrecher, denen Offiziere den Mord an unschuldigen Menschen befahlen. Eine Sekte funktioniert wie das Militär. Darüber wollte ich schreiben, ein Sachbuch war nicht die richtige Form für ein so komplexes Thema. Deshalb habe ich nun einen Roman darüber geschrieben.

Ist der Sektenführer in Ihrem Roman ein Abbild von Shoko Asahara, dem Führer der Aum-Sekte?
Nein. Asahara hat mich nicht interessiert. Mein Sektenführer ist interessanter.

Ihr Sektenführer vergewaltigt junge Mädchen, sogar die eigene Tochter, er stilisiert das zur Kulthandlung. Eine abstoßende Figur, aber die weibliche Hauptfigur Ihres Buches, Aomame, erliegt erst einmal seiner Faszination.
Mein Sektenführer war ursprünglich ein sehr intellektueller, sehr gescheiter Mensch.

Mit politischen Motiven.
Ja. Aber von einem gewissen Moment an wurde er irregeleitet. Sein Geist wurde, wie soll ich sagen, gekidnappt. Irgendwie besetzt. Von einer finsteren Macht. So etwas gibt es, das habe ich beim Prozess gespürt, so kam mir das vor. Dieses Etwas hat keine reale Form, aber es existiert.

Der Sektenführer in Ihrem Roman hält sich selbst für unschuldig und leidet Schmerzen. Fast meint man, der Leser solle Mitleid mit ihm bekommen.
Der Plot ist sehr komplex, die Beziehung zwischen einer anderen Hauptfigur, sie heißt Aomame, und ihm ist sehr komplex.
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Sie gewinnen dem Leben in einer Kommune auch positive Aspekte ab.
Sicher, ihre Mitglieder haben sich von dem extremen Kapitalismus ihrer Umwelt losgesagt. Sie haben ihre eigene kleine Welt geschaffen, treiben Bio-Landbau, verwenden keine Elektrogeräte, lesen Bücher, hören Bach – sie führen ein einfaches, ein gutes Leben. Ich selbst esse hauptsächlich Gemüse, ich treibe Sport, aber ich vertraue mich keiner Gruppe an. In jeder Gruppe wird Macht ausgeübt, sonst würde sie auseinanderfallen. Das mag ich nicht. Ich will ein Individuum sein. In jedem Moment.

Ihr Roman spielt im Jahr 1984. Aber es ist eine irreale Vergangenheit, die so nie stattgefunden hat. Warum haben Sie keinen Science-Fiction-Roman geschrieben, der in der Zukunft spielt?
Ich mag Science-Fiction nicht. In Science-Fiction-Filmen ist die Welt dunkel, es regnet dauernd, und die Leute tragen komische Kleider.

Warum dann keinen Gegenwartsroman?
Unsere Gegenwart scheint mir irreal. Das ist ein Gefühl, das viele haben. Wir können nicht mehr sagen, was real ist und was irreal. Oder surreal. Die Welt sieht heute oft aus wie eine Fantasiewelt. Deshalb dachte ich, da muss es doch eine andere Welt geben. Eine, in der Bush nicht gewählt worden wäre, in der es keinen Irakkrieg gegeben hätte. Ich wollte eine solche andere Welt erfinden.

Also gut, was hoffen Sie, in dieser anderen Vergangenheit zu finden?
Es muss Gründe geben, warum es so geworden ist, wie es ist. Warum wir in diesem Chaos stecken. Nach dem Krieg haben wir Japaner so hart gearbeitet. Wir haben geglaubt, mit dem Reichtum käme das Glück automatisch. Aber wir wurden nicht glücklich. Dann brach die Wirtschaft ein, und wir wurden immer noch nicht glücklich. Wie können wir jetzt glücklich werden? Das ist die große Frage, die sich uns Japanern stellt. Wir sind verloren, wir finden keinen neuen Sinn. In 1Q84 wollte ich beschreiben, wie wir in diese Lage geraten sind.
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