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aus Heft 42/2010 Aus dem Magazin 19 Kommentare

Süßes? Saures? Wie wär's mit: gar nichts?

Bald ist Halloween, und alle tun so, als sei das wichtig. Aber der Unsinn mit den Kürbissen ist ja nur der Anfang – warum schauen wir uns eigentlich jedes dämliche Fest aus Amerika ab?

Von Meike Winnemuth  Fotos: Martin Klimas, Getty





Es wäre gemein, einem einzigen Mann die Schuld an dem Grauen zu geben, aber seien wir jetzt einfach mal gemein: Dieter Tschorn war’s. Gibt er sogar selber zu. Dieter Tschorn hat Halloween zu einem deutschen Fest gemacht – »ich kann Ihnen auch genau sagen, wann das war: am 4. September 1994«. Die Sache war nämlich die: Durch den Irakkrieg 1991 waren Karneval und Fasching ins Wasser gefallen, und die ganze Feier- und Vergnügungsbranche ächzte unter den Umsatzeinbrüchen. Also tagten all die Indianerkostüm-, Pappnasen- und Furzkissenhersteller, die sich zur »Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI)« zusammengefunden hatten, und beschlossen: Ein neues Fest muss her, aber flott, und zwar möglichst eins, das, anders als Karneval, nicht so ärgerlich abhängig vom Kirchenkalender ist – Halloween, der ursprünglich irische, längst aber vornehmlich amerikanische Mummenschanz in der Nacht vor Allerheiligen.

Auf diese Weise ließe sich die Karnevalssaison krisensicher nach vorn verlängern. Und so jagte Dieter Tschorn, der Sprecher der »Fachgruppe Karneval«, Artikel um Artikel an Zeitungsredaktionen raus: wie toll Halloween sei, wie man es fachgerecht feiert, was man dazu anzieht und was man dabei isst. »Es hat vier Jahre gedauert, dann war es Kult.« Der ihm selbst inzwischen ein bisschen unheimlich geworden ist, so scheint es. »Hallowahn«, sagt er und lacht müde.

Von Jahr zu Jahr wird es wahnsinniger. Am 31. Oktober ziehen jetzt nicht nur irrlichternde Kinderbanden in Horrorkostümen von Tür zu Tür, das ganze Land ist schon Wochen zuvor von allen guten Geistern verlassen: Bäckereien voller Spinnwebkekse, Schaufensterpuppen im Vampirlook und monströse Kürbisse mit Fratzengesichtern, wohin man blickt. Tschorn schätzt, dass in Deutschland inzwischen an die 200 Millionen Euro mit Halloween umgesetzt werden. »Für uns ist Halloween nach Weihnachten und Ostern zum drittwichtigsten Ereignis im Jahr geworden«, sagt Torben Erbrath vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie. Auch die deutsche Landwirtschaft müsste Tschorn ein Denkmal bauen, schließlich hat er nicht nur Halloween, sondern auch den Kürbis erfunden: vor einer Generation noch hauptsächlich als Schweinefutter geschätzt, heute ein Modegemüse mit exponentiellen Absatzraten. Und das, obwohl die Dinger in Gewicht, Verarbeitung und Geschmack eine einzige Zumutung sind. Wer je eine Axt an einen ledrigen Kürbis gelegt hat und dann die nächsten Wochen Kürbissuppe essen musste, weiß, dass es kein besseres Wappengemüse für das Horrorfestival Halloween geben konnte.
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Ginge es nur um die Frage, warum sich ein amerikanisches Fest wie Halloween so schnell im deutschen Feierkalender breitmachen konnte, wäre das mit der unheiligen Allianz von Dieter Tschorn, Harry Potter und diversen minderjährigen, aber gut gebauten Twilight-Vampiren schnell erklärt. Doch im Schlepptau von Halloween haben sich auch andere angloameri-kanische Sitten eingebürgert: Junggesellinnenabschiede, Babyshowers, aufwendige Geburtstagsfeiern (mit Zauberer!) für Einjährige, Abiturbälle, die mit langen Abendkleidern und Hochsteckfrisuren wie Highschool Proms inszeniert werden, selbst geschriebene Ehegelübde bei Hochzeiten, die neuerdings besonders gern im Freien unter einem Blütenbogen geschlossen werden, am besten gleich von zwei Geistlichen gesegnet – wir können es nicht länger ignorieren: Deutschland ist längst ein Einwanderungsland für amerikanisches Brauchtum.

All das könnte man gelassen hinnehmen, schließlich sind es ja nur harmlose Vergnügungen, was soll daran schon schlimm sein? Macht doch Spaß! Doch ebenso wie sich eingeschleppte Tierarten (der Waschbär, das Grauhörnchen, die Wollhandkrabbe) in fremder Umgebung meist aggressiv ausbreiten und ganze Ökosysteme zusammenbrechen lassen, so scheinen auch die neuen Brauchtümer fatale Konsequenzen zu haben und die dunkelsten Seiten aus den Menschen herauszuholen: Zu Halloween mutieren Kinder, über Jahre angelernt in der hohen Schule des Bettelns und der Erpressung (»Süßes oder Saures!«) zunehmend zu kleinen Monstern, es häufen sich die Anzeigen bei der Polizei. Klingelstreiche? Zahnpasta auf der Türklinke? Das war einmal. Stattdessen Eier- und Ketchup-Attacken, Farbbomben, Brandstiftung, in die Luft gesprengte Briefkästen; im Vorgarten ausgeleerte Mülltonnen sind noch das Harmloseste.

Kommentare

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  • Ulrich Schindler (1) Jedes Wort würde ich sofort unterschreiben - bis auf die Haribo-Bemerkung:
    ich finde die Vampire soo klasse... und jetzt sind sie wieder weg ;-((
  • Erika Wossowsky (0) Danke für diesen Artikel. Gott sei Dank ist es bald vorbei, ich kann
    dieses geschmacklose Halloween-Zubehör und die vielen grinsenden Kürbisse
    nicht mehr sehen. Dagegen sind ja Gartenzwerge fast noch wahre Design-
    Highlights.
  • Assja Metzger (0) Danke - der Artikel spricht mir aus dem Herzen. Ich habe sechs Jahre lang in den USA gelebt und dort war Halloween auch ganz schön. Es gehört auch zur amerikanischen Kultur. Aber hier in Deutschland finde ich es lächerlich, wenn die Eltern mit ihren Kindern durch die Gegend ziehen und die amerikaniscen Bräuche mit "Süßes oder Saures" nachmachen und nicht einmal erkennen, dass das Ganze nur hierher gekommen ist, um die Süßigkeiten- und Spassindustrie anzukurbeln. Alles wird gedankenlos angenommen. Und dann regen sich diese Eltern auch noch auf, wenn man ihren Kindern keine Süßigkeiten geben will!
    Schade, dass wir nicht selbstbewußt zu unserer eigenen europäischn Kultur stehen können.
  • Astrid Zeitz-Fehse (0) Ach ja, Samhain, das ursprüngliche Herbstfest war mal das keltische Neujahrsfest. An diesem Tag war die Grenze zwischen der WElt der Lebenden und der Welt der Geister "durchlässig". Da man aber nicht wollte, dass die Geister in unsere Welt kommen hat man sich verkleidet und alles verdreht und anders gemacht, damit die Geister sich erschrecken und freiwillig wieder gehen.
    Das ursprüngliche Samhain-Fest hat man in Irland und Schottland im frühen 20ten Jahrhundert noch genau so gefeiert.
    Pavlos Avramides: Kinder opfern? Aus welchem Horror-Fantasybuch haben Sie denn diese Geschichte? Oder glauben sie etwa den Horrorgeschichten die frühe christlicher Missionare über die Kelten aufgeschrieben haben?
  • Astrid Zeitz-Fehse (0) Was ich sehr schade finde: In meiner Gegend (Rheinland) gibt es den schönen Brauch des Sankt-Martins Festes anfang November. Leider wird dieses Fest von den Halloween-Parties immer mehr verdrängt.
    An Sankt-Martin (ein regional bedeutender Heiliger) werden Papier-Laternen gebastelt und Kinder aus Kindergärten und Grundschulen veranstalten ienen Laternenumzug durch die Straßen. Jedes Viertel hat einen solchen Zug. Nach dem Zug darf man in kleinen Gruppen an den Haustüren klingeln und Sankt-Martins-Lieder singen. Dafür gibt es dann Schokolade o.ä.
  • Pavlos Avramides (1) endlich ein Artikel bei der SZ bei dem nicht jeder noch so dämliche Brauch schön geredet wird ohne auf die Hintergründe zu schaun.

    Übrigens: beim ursprünglichen keltischen Brauch wurden u.a. auch Kinder geopfert, um die bösen Geister "gut zu stimmen"... na, ein wirklich toller Brauch!!
    das sollten wir mit unseren Kindern unbedingt mitmachen!
    ..aber den meisten Lämmingen interessiert sowieso nicht ein tieferer Sinn, hauptsache es gibt was zu feiaaarn... alles ist doch so suppa...
  • Roland Haase (1) Ach, ich bin froh, dass es Halloween gibt! Ohne Halloween wären die Schaufenster jetzt schon voller Adventsdeko, Christbäume und Weihnachtssterne! Da zieh ich echt die Kürbisse vor und finde die zum Herbst viel passender... Abgesehen davon finde ich auch Kürbissuppe lecker.
  • Manfred Baum (0) in einem Kommentar steht "Feste aus Amerika sind cool". Wenn man "cool" als positiven Wert/Eigenschaft ansieht fängt die Herden- =Unterklassendenkweise an.
  • George Rauscher (0) Also erstens, und das wurde ja auch schon angesprochen, ist Halloween ein altes keltisches Fest. Nachdem heute ja vieles re-importiert wird spricht nichts gegen das Wiederauflebenlassen eines alten europäischen(!) Brauchs. Wer nicht mitmachen will wird ja nicht gezwungen, gell? Die "fatalen Konsequenzen" schreibe ich eher einer laxen Erziehung zu, als Halloween an sich.

    Was ich an Halloween (in den USA) liebe? Die Parties, die Dekos, die Vorfreude, die Tatsache daß es noch zwei Fixpunkt im Herbst gibt, da stehen wenigstens nicht im September schon die Weihnachtssachen in den Läden. EIn Thema gegen das man viel eher wettern sollte als Halloween.
  • Wolfgang Wetzer (0) Ich habe den Eindruck, dass das ganze mit Halloween eher wieder am abflauen ist, zumindest sehe ich in der Nachbarschaft immer weniger leuchtende Kürbisse und auch Kinder kommen viele zum Martinstag und nicht zu Halloween.

    Ansonsten ignoriere ich das und sehe den 31.10. weiterhin als den Reformationstag an. Selbst wenn man den nicht feiern mag, kommt man nicht darum herum einzusehen, dass der 31.10. 1517 der also demnächst sein 500. Jubiläum, feiert ein Tag von historisch grvierender und bis heute nachwirkender Tragweite ist.
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