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aus Heft 44/2010 Gesellschaft/Leben 35 Kommentare

Nicht ganz koscher

Im österreichischen Alpendorf Serfaus sind sich die Hoteliers uneinig: Die einen verdienen mit jüdischen Gästen gutes Geld, die anderen lassen keine Juden ins Haus. Zu Besuch in einem Ort, der uns Sorgen macht.

Von Mauritius Much  Foto: Robert Voit




Es ist zehn Minuten nach Mitternacht, als Leonard Norten* die »Wellness-Residenz Schalber« betritt. Er macht Urlaub und will sich ein Zimmer des Fünf-Sterne-Hotels in Serfaus in Tirol anschauen. Sein Schwager begleitet ihn an diesem Sommerabend, die beiden Männer tragen weiße Hemden, schwarze Anzughosen und kreisförmige Kappen auf dem Hinterkopf – Kippas, die Juden zum Beten aufsetzen, orthodoxe Juden auch im Alltag.

Am Empfang steht Sebastian Lehmann, der Nachtportier. Er ist späten Besuch gewohnt, täglich bekommt er deshalb eine Liste mit drei bezugsfertigen Zimmern, die er an unangemeldete Gäste vergeben kann. Als er die Männer zum Fahrstuhl führt, um ihnen eines der Zimmer zu zeigen, stellt sich der Barchef in den Weg: »Raus. Der Chef sagt, die müssen raus«, sagt er bestimmt. Dann läutet das Telefon an der Rezeption. Vom Handy aus meldet sich Alois Schalber, der Hotelchef. Er hat das Hotel genau in dem Moment verlassen, als die beiden orthodoxen Juden es betraten. »Sind die jetzt draußen?«, schreit er wütend, »ich will hier keine Juden haben.«

Leonard Norten, 26, und sein Schwager werden aufgefordert, das Hotel zu verlassen. Sie ziehen fassungslos ab. Norten ist in Österreich geboren, als er zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern nach Antwerpen. Viele seiner Verwandten wurden nach Auschwitz deportiert. Für Sebastian Lehmann, den Nachtportier, hat der Vorfall ein Nachspiel. Am nächsten Tag wird ihm gekündigt.

Es ist nicht das erste Mal, dass jüdische Gäste in Serfaus abgewiesen werden. Im Frühjahr 2009 wollte ein fünffacher jüdischer Familienvater eine Ferienwohnung im »Haus Sonnenhof« buchen. Er erhielt eine Antwort-E-Mail von der Besitzerin: Man wolle »nach schlechter Erfahrung vom August 2008 keine jüdischen Gäste mehr beherbergen«. Daraufhin verzichtete er auf einen Urlaub in Serfaus. In solch einem »rassistischen Nest« wolle er seine Ferien nicht verbringen, sagte er der Tiroler Tageszeitung. Medien aus der ganzen Welt berichteten über den Fall.

Sein Dorf ein rassistisches Nest? »Ich kann als Gemeinde sagen, wir haben überhaupt keine Probleme mit den orthodoxen Juden«, widerspricht Paul Greiter, seit sieben Monaten Bürgermeister von Serfaus. Den Vorfall vom vergangenen Jahr möchte er nicht mehr kommentieren. Vom Rauswurf der beiden orthodoxen Juden aus Antwerpen und der Entlassung des Nachtportiers in der »Wellness-Residenz Schalber« höre er zum ersten Mal. »Also ich denke absolut, dass das Einzelfälle sind«, sagt er. Und er verweist darauf, wie gern die orthodoxen Gäste in seinem Ort Urlaub machen.
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In der Tat, Serfaus ist sehr beliebt bei orthodoxen Juden. Vor vier Jahren vereinbarten die Besitzer des Hotels »Alte Schmiede« mit dem israelischen Reiseveranstalter Tour Olam, das Hotel für zwei Monate im Sommer komplett auf die Wünsche der jüdischen Gäste umzustellen. Das hat sich herumgesprochen: Sommer für Sommer schlendern immer mehr Gäste mit Kippa oder schwarzen Hüten durch das Dorf am Fuße der Berge der Samnaungruppe. Im Nachbarort Fiss wird jeden Sommer ein Gebetsraum eingerichtet, Supermärkte bieten koschere Produkte an. Menachem Schechter, ein Rabbi aus Haifa, wohnt die beiden Sommermonate in der »Alten Schmiede« und achtet darauf, dass dort das Essen koscher zubereitet wird: Die Küche des Hotels wird so umgestaltet, dass es zwei getrennte Bereiche für die Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen gibt. Am Freitag, vor dem Sabbat, werden die Bewegungsmelder für das Licht, die Händetrockner in den Toiletten und der Fahrstuhl abgestellt, die Schiebetüren am Eingang bleiben offen, am Sabbat dürfen orthodoxe Juden keine elektrischen Geräte bedienen. In der Hochsaison wohnen bis zu 120 orthodoxe Juden gleichzeitig im Hotel »Alte Schmiede«. »Wir nehmen sie sehr gern auf. Sie sind total aufgeschlossen«, sagt Sonja Purtscher, die Juniorchefin. Hat der Bürgermeister also recht und es handelt sich wirklich nur um Einzelfälle, die den sonst harmonischen Umgang mit den orthodoxen Juden im Ort ein wenig trüben?

*Name von der Redakton geändert.

Kommentare

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Kommentar:

  • DERNETTEMANN VONNEBENAN (0) @Alpha Tau
    ihre zusammenfassung gleitet völligst an der meinen vorbei .

    der hotelier hat völlig richtig gehandelt wenn durch das eincheken der beiden gäste nachteile oder konflikte hätten entstehen können mit den interessen anderer hotelgäste. oder simpel extra für die gestaltung der menükarte für 2 hotelgäste die aufwändigkeit betrieben werden muss die , vom hotelier nicht als wirtschaftlich betrachtet werden kann.

    zu den von ihren angeführten punkten
    1.) wie ich schon schrieb unterstellte ich dies einfach mal schliesslich wure durch die sz ja auch unterstellt das ein antisemitischer hintergrund besteht
    2.)schlechte niveaulose recherche .. jupp das ist mal definitiv der fall gewesen ohne aussage bzw stellungnahme des hotels darf sowas nicht einfach in der form wie es getan wurde unterstellt werden
    3.)das ist nicht nur ein verdacht auf geschäftsschädigung , wie würde es ihnen als bsp. gastwirt gefallen wenn die ortsansässige zeitung unterstellt bzw schreibt sie verkaufen hunde als rehpfeffer ..
    4.)wie ich schon schrieb ist das absolut nicht der fall .. ich schliesse einen antisemitischen hintergrund in meinen ausführungen überhaupt nicht aus , zeige nur einmal auf indem ich die andere unbeleuchtet gelassene seite der medallie mal dem licht zudrehe .. die hier von sz und der "jounallie" völligst ausser acht gelassen wurde
    5.)ja das währe meine erste handlung , strafantrag wegen verleumdung , übler nachrede, geschäftsschädigung etc das lässt sich beliebig fortsetzen .. als leiter eines 5* hotels kann man dem hotelier nichtmal absprechen das er zu keinem kommentar bereit war um eine villt bagatelle noch weiter ausufern zu lassen die noch mehr schadet als einfach still zu sein ..

    kurzfassung: BILD niveau
  • Alpha Tau (0) @DERNETTEMANN....

    Folge ich Ihrer Argumentation gilt:

    1. Racheakt eines unzufriedenen ehemaligen Mitarbeiters.
    2. Schlechte, niveaulose Recherche.
    3.Verdacht auf geschäftsschädigendes Verhalten der SZ
    4. Der Hotelier ist ,a priori, von jedem Vorwurf der Diskriminierung freizusprechen.
    5. Strafantrag und Pönale gegen Redakteur und/oder SZ ist einzuleiten.

    Zusammenfassung:

    Der Hotelier hat völlig richtig gehandelt. Die beiden abgewisenen Gäste hätten sich halt eine andere ethnische / religiöse Zugehörigkeit aussuchen sollen oder einfach nicht nach Serfaus in das 5* Hotel einbuchen sollen.

    Kurzfassung: Selber schuld.

    Alles Paletti? - ........- Alles Paletti.!

    Die Karawane zieht vorbei, nur die Hunde bellen.........

    Over and out!
  • DERNETTEMANN VONNEBENAN (0) Da muss ich mal ernergisch wiedersprechen @Alpha Tau ich finde Urlauber bringt die Sache vielmehr völligst auf den Punkt. Hier wird aufgrund schlechter Recherchen , basierend auf den Aussagen eines eventuell böswilligen Ex Mitarbeiters (das unterstelle ich nun einfach mal wenn die SZ gleiches kann) , üble Nachrede praktiziert .. Diese ist Geschäftsschädigend und beides ist in Österreich alsauch in Deutschland ein Strafbestand .. Ich anstelle der SZ Redaktion würde mir über dieses mal Gedanken machen bevor man in Gefilde abdriftet die auf BILD Niveau liegen. Anstelle des östereichischen Hoteliers mit seinem 5 Sterne Hotel hätte ich schon längst Strafanzeige erstattet und währe im Hinblick auf den Ausgang eines solchen Prozesses aus gutem grunde guter Hoffnung. Desweiteren wird einfach aufgrund der Aussage "ich will keine Juden in meinem Hotel" impliziert oder auch schlicht unterstellt das dies einen antisemitischen Hintergrund gehabt habe .. Aber nicht das dieses villt geschehen ist weil ebend wie im Artikel und von Urlauber geschildert eben aus den nicht möglichen oder zumindest sehr schwierigen Bedingungen die sich durch Aufnahme solcher Gäste ebend ergeben.
  • Alpha Tau (0) @ der Urlauber: Schöner Beitrag, geht aber dennoch am Thema vorbei. Gehen wir davon aus - und nichts spricht bisher dagegen - dass "sauber" rechechiert wurde, dann ist Fakt, dass der Hotelbesitzer, die Zusage des Portiers aufgehoben hat, mit dem Hinweis: " ich will hier keine Juden"!

    Die Beweggründe der Zurückweisung, wie Sie von auch von Ihnen im Beitrag benannt werden, sind lediglich Ihre Mutmaßungen und damit letzlich ohne Bedeutung.

    Der Kern ist und bleibt, dass zwei jGäste mit dem expliziten Hiweis, dass diese "Juden" sind, nicht aufgenommen wurden.

    Ihr Abschwung auf die Richtlinien AGB 2.7 ist in gleicher Weise uninteressant, weil dieser Bericht auch nicht ansatzweise diese Richtlinien tangiert .
  • der Urlauber (0) Als Schweizer Hotelier muss ich sagen, dass dieser Artikel nicht so wirklich seriös klingt. Die SZ ist eigentlich für seriöser recherchierte Artikel bekannt! Ich bin enttäuscht! Der Artikel könnte so in Blick, Bild und Kronenzeitung erscheinen, aber nicht bei der SZ!!!

    Im allgemeinen ist zu sagen, dass der Hotelier, wenn die Herren dort wirklich nicht einchecken durften evtl. um gewisse Unterstützung Ihrer Rituale gefragt haben, was jedoch für ein Hotel nicht so einfach zu realisieren ist. Da ein Hotel für viele Kulturen geöffnet ist, kann man nicht einfach an einem Tag den Strom abstellen oder den Fahrstuhl stoppen. Anders gläubige Gäste hätten damit ein Problem - zum Beispiel Gäste, die aufgrund Ihres Alters oder Physischen Verfassung uä. auf den Fahrstuhl angewiesen sind.

    Schön ist doch dann zu sehen bzw. zu lesen, dass es ein Hotel gibt, dass sich vollständig auf die Gegebenheiten eine Gruppe einstellt, damit diese einen netten Urlaub erleben können. Verstehe also nicht, warum der Ort, die Region oder das Land gleich alle mit hineingezogen werden müssen...

    Die SZ bitte ich noch eindringlich sich an Ihrer eigenen Spielregeln zu halten (die Journalisten dürfen scheinbar mehr als die Leserschaft...):
    AGB 2.7 Ausdrücklich untersagt ist die Einstellung von rassistischen, pornographischen, menschenverachtenden, beleidigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträgen. Ausdrücklich verboten ist die Verbreitung von Inhalten, mit denen zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufgerufen wird (Volksverhetzung) oder mit denen Propaganda für eine verfassungsfeindliche Organisation betrieben wird, sowie verleumderische und ruf- oder geschäftsschädigende Äußerungen...
    ...zwischen anderen Mitgliedern, durch Belästigungen oder durch die Schaffung von Feindbildern oder Feindseligkeiten. Es ist nicht erlaubt, private Daten wie Namen, Adressen, Telefonnummer o.ä. in Beiträgen zu veröffentlichen.

    Loyale Grüsse
  • Clemens Laternser (0) Wir arbeiten seit 25 im Tourismus mit Gästen aus aller Herren Länder. Bin aktiver Antifaschist und Menschenfreund. Muss allerdings ganz ehrlich sagen - nicht jüdische Gäste sondern ISRAELIS sind EXTREM schwierig. Als wir anfingen mit Reisegruppen aus Israel zu arbeiten, wollte ich das anfangs nicht wahrhaben und befragte Kollegen ob das teilweise unverschämte Verhalten von Gästen aus Israel bekannt sei - und da war ich gewaltig überrascht, dass das Feedback unisono negativ war. Auch wir machten mit unseren Gruppen Erfahrungen: Alles was nicht niet und nagelfest war, wurde "mitgenommen" (sogar die Batterien aus der Fernseh Fernbedienung des Zimmers -> kann man ja brauchen) . Gruppen brachten Bierkaesten aus dem Supermarkt und stellten die einfach in unsere Bar und fragten nach Gläsern und Peanuts - wir dachten das sei ein Scherz. Und wenn wir versuchten, zu erklären, dass man in der Hotelbar nur Getränke die man dort käuflich erwirbt, konsumieren darf wurden wir - wie immer wenn es den Gesten aus Israel an Argumenten fehlte - als nazis und Antisemiten beschimpft.
    Ich war selber 2 mal in Israel - leider immer um von Israelischen Reiseveranstaltern geschuldetes Gled fuer unbezahlte Rechnungen "einzutreiben". Das stellte sich als sehr aufwändig dar und nach insgesamt EUR 180.000,00 Verlust haben wir dann intern beschlossen einfach keine Geaste mehr aus Israel aufzunehmen. Seitdem arbeiten wir wieder stressfrei mit netten und fairen Gästen, die wiederkommen und sich so benehmen, dass es auch fuer die anderen Gäste und Mitarbeiter angenehm ist.
  • stefanie Hartmeyer-Doll (0) Naja, es ist natürlich ungeheuerlich, allerdings sei an dieser Stelle angemerkt, daß wir als (französisch sprechende )Deutsche, die sich vollkommen normal verhalten haben, das gleiche in Grün erlebt haben, nämlich,unserer Nationalität wegen, in einem jüdischen Restaurant im Marais/Paris nicht bedient wurden...
  • Inge Klüter (0) Als vor einigen Monaten der NPD-Vorsitzende Voigt aus einem Hotel verwiesen wurde, war die mediale Schadenfreude nicht zu übersehen.
  • Jürgen Berg (0) Sowas gibt es immer wieder. z.B. werden Behinderte nicht in die Sauna gelassen.

    http://www.travelamigos.de/forum/urlaub-...

    Manchen Hotels geht es einfach noch zu gut,
  • Heinz Ferrari (0) Eigentlich ist das ein relativ plumper "Vernaderungsjournalismus", der mich vor allem bei einer bekannt guten Zeitung doch eher nachdenklich stimmt.
    Da gibt es einen dramatisch geschilderten Vorfall, offenbar ohne unbeteiligte Zeugen.
    Dass ein Hotelportier in einem professionell geführten *****-Hotel nur deswegen gekündigt wird, weil er jüdischen Gästen ein Zimmer zeigt, halte ich für nicht sonderlich glaubhaft.
    Dann wird offenbar in der "Dorfschenke" mit gezielter Strategie die Diskussion angeheizt und die Stammtischmeinung einiger alkoholisierter Gäste zur politischen Haltung eines ganzen Dorfes, ja einer ganzen Nation hochstilisiert.
    Dann gib es plötzlich Boykottaufrufe. Erinnert mich das nicht an irgendetwas?
    Wenn im auf die Bedürfnisse von orthodox jüdischen Gästen spezialisierten Hotel 120 jüdische Gäste wohnen, sind das im Sommer hochgerechnet ca. 960 ; vermehrt um die jüdischen Gäste in anderen Quartieren könnten es 1500 sein, hochgerechnet auf z.B. 5 Jahre wären das 7500. Wieso fühlen diese sich in einem "rassistischen Nest" so wohl ?

    Letztlich werden allfällige Meinungsverschiedenheiten wohl eher darin liegen, dass es nicht immer einfach sein wird, die für ein Alpendorf eher ungewohnten
    und strengen Regeln dieser Gäste mitzutragen und zu verstehen.
    Hier mit der Rassismuskeule zu schwingen ist meines Erachtens völlig überzogen.

    Vielleicht sollten Sie einmal in einem Münchner Luxushotel nachfragen, ob es dort möglich ist, wegen der religiösen Regeln einiger Gäste am Samstag, die Lichtanlage, die Telefonanlage und auch die Lichtschranken in den WCs außer Betrieb zu setzen und außerdem den Besuch des Hallenbades nach religiöser Zugehörigkeit und nach Geschlecht zu regeln. Wenn Sie eine Absage erhalten, sollten Sie in den Augustinerkeller gehen, und die dortigen Gäste nach mehreren Maß Bier nach Ihrer Meinung dazu fragen. Sollten die Meinungen eher unsachlich ausfallen, sollte man sich nicht nur einen Urlaub in Bayern, sondern auch im Schwarzwald, ja natürlich auch an der Ostsee gut überlegen.
    Rassismus funktioniert in alle Richtungen !
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