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aus Heft 47/2010 Gesellschaft/Leben

Du sollst töten

Guido Mingels  Fotos: dpa

Der mexikanische Torero Cristian Hernández hat gegen das elementarste Gebot des Stierkampfs verstoßen – er ist davongelaufen. Jetzt hat er ein Problem.

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Was ist falsch an diesem Video? Richtig. Der Torero flieht.


Ein Mann mit einem viel zu großen Sombrero auf dem Kopf geht durch die Zuschauerreihen und verkauft geschnetzelten Stierpenis an Tabascosauce. Unten im Ring stirbt gerade ein Bulle. Er heißt Montañes, ein Berg von einem Tier, fast 500 Kilo schwer. Ein meterlanges Schwert steckt bis zum Griff in seinem Nacken, rot glänzt sein blutüberströmter Rücken, die geschwollene Zunge hängt aus dem Maul, Urin rinnt unkontrolliert aus seinem Geschlecht in den Sand. Das Tier steht still, es weiß noch nicht, dass es tot ist.

»Viril« nennt man die Nascherei, wie sonst, der Mann mit dem Sombrero bietet sie in kleinen Plastikbechern aus seinem Bauchladen an, zu 20 mexikanischen Pesos die Dosis, etwa ein Euro. Soll potent machen. Sieht aus wie Litschi, fühlt sich im Mund an wie Tintenfisch, nur glibbriger. Schmeckt nach: Tabasco. Cristian Hernández, zum Zuschauen verbannt, Held und Verräter, lässt sich eine Portion geben, spießt ein Stück ums andere mit einem Zahnstocher auf und hat schwer zu kauen. An seinem Imbiss und an allem anderen auch. Torero sin huevos, nennen sie ihn, seit dem 13. Juni 2010. Torero ohne Eier.

Doch hier, in San Luis de la Paz, einer staubigen Kleinstadt sechs Autostunden nördlich von Mexico City, gibt es etwas zu feiern an diesem 25. August, dem Todestag des heiligen Ludwig, zu dessen Ehren heute sechs Stiere verenden werden. Die spanischen Eroberer hatten im 16. Jahrhundert nicht nur Mord, Totschlag und Windpocken mitgebracht, sondern auch Kampfspiele mit Stieren. Mexiko ist nach Spanien das Land mit der zweitgrößten Anzahl von Stierkampfarenen. Mehr als dreihundert sind es, und in der Hauptstadt steht mit der 50 000 Zuschauer fassenden Plaza de Toros México die weltgrößte Anlage ihrer Art. Corrida heißt der Stierkampf in Spanien, Fiesta Brava in Mexiko.
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Eine mobile Arena ist aufgebaut worden in San Luis de la Paz, ein Paso-Doble-Orchester trötet seine Weisen, die gekrönte Miss San Luis ist winkend in einem VW Käfer Cabrio durch den Ring gefahren worden. 3000 Leute sind gekommen, sechs Matadores werden ihren Todesmut beweisen, keine großen Namen, wir sind in der Provinz. »Matador« kommt von »matar«, töten: der, der tötet. »Was soll ich tun?«, fragt Cristian Hernández, erschöpft und verzagt, am 13. Juni in der Plaza de Toros México, seinen Assistenten, der hinter der Barrera steht, der schützenden Holzwand, die den Ring umgibt. Es regnet in Strömen. Der Stier schnaubt. »¡Mátalo!«, sagt der Assistent. Töte ihn. Dann rennt Cristian davon. Vor dem Stier und vor seinem ganzen bisherigen Leben.

Der junge Mann, 22, verfügt über die Traummaße eines Toreros, schlank und kaum länger als einssiebzig, wohingegen großen, muskulösen Männern die Wendigkeit vor dem Bullen fehlt, sie sehen grobschlächtig aus in der prachtvoll glitzernden Berufsmontur, der Traje de Luces, Anzug der Lichter. Seine breiten Schultern verhelfen Cristian dennoch zu einer unmissverständlichen Männlichkeit und einer imposanten Statur vor dem Feind. Schließlich – nicht unwichtig für die Karriere, die er sich erhoffte – hat er ein ausgesprochen hübsches Gesicht.

Cristian konnte kaum gehen, da nahm ihn sein Vater Román schon mit zur allsonntäglichen Fiesta Brava in der Arena seiner Heimatstadt Santiago de Querétaro. Mit zwölf war er ein Becerrista, Kälberkämpfer, und übte sich gegen Jungbullen, denen kein erwachsener Mann, des Stierkampfs unkundig, jemals nahe zu kommen wagen würde. Mit 17 ernannte man ihn zum Novillero, Novizen, und er tötete seinen ersten ausgewachsenen Stier vor Publikum. 115 Kampfbullen hat er in seiner bisherigen Laufbahn den Todesstoß versetzt, ein Dutzend Mal ist er verwundet worden dabei, dreimal schwer.

Der Kampf in Mexico City am 13. Juni sollte sein letzter sein vor seiner Weihe zum Matador, ein Titel, den erst gereifte und erfahrene Stierkämpfer tragen dürfen. Alles, was bisher geschehen war im Leben des Cristian Hernández, lief auf diesen Tag zu, auf die Erfüllung seines Traums. Doch am 13. Juni geht der Videobeweis seiner Flucht vor dem Stier via YouTube um die Welt. Mehr als hunderttausend Menschen haben diesen siebzig Sekunden kurzen Film angeklickt, auf dem man einen jungen Torero sehen kann, der mit kurzen Schritten, zu denen ihn sein enges Kostüm zwingt, über den Sand wieselt, sein Schwert und sein rotes Kampftuch fallen lässt und sich dann Kopf voran über die rettende Schutzwand stürzt. Man sieht auch den Stier, der zurückbleibt auf dem Feld, ratlos und nicht wissend, dass der Kampf vorbei ist. Sofort halten Reporter dem Torero Mikrofone ins Gesicht, und er sagt diesen Satz, den er später bereut: »Me faltaron huevos, esto no es lo mio.« »Mir haben einfach die Eier gefehlt, das hier ist schlicht nicht mein Ding.«

Dann geht er zurück in den leeren Ring und schneidet sich die Coleta ab, den künstlichen Haarzopf im Nacken, den jeder Torero trägt als Zeichen seines Berufsstandes, eine Geste, die ein Stierkämpfer normalerweise erst beim Übertritt in den Ruhestand vollführt. Cristian zeigt dem Publikum das geflochtene Büschel Haar, reckt es kurz in die Luft, so wie er früher unter Akklamationen der Aficionados die abgeschnittenen Ohren besiegter Bullen präsentierte, die ihm verliehen worden waren als Auszeichnung für einen besonders gelungenen Kampf. An diesem Tag aber wird er ausgebuht für seine Feigheit vor dem Stier.

»Stierkämpfer in Panik«, titelt Semana News. »Horror vor den Hörnern«, behauptet Sky News. »Ein Torero kommt zu Sinnen«, glaubt der Guardian zu wissen. »Geflüchteter Matador muss Strafe zahlen«, schreibt die Times of India. Denn die Schmach ist noch lang nicht zu Ende für Cristian Hernández. Er wird noch in der Arena verhaftet wegen Vertragsbruchs, da er sich verpflichtet hatte, den Stier zu töten. Als er in einem Dienstwagen zur nächsten Polizeiwache gefahren werden soll, hält der Mob das Auto auf, hämmert auf das Dach, manche gießen Bier darüber, sie schreien »¡Pendejo!«, Feigling, »¡Huevón!«, Schlappschwanz, »¡Maricon!«, schwule Sau, mühsam bahnt sich der Wagen einen Weg. Auf der Wache wird er verhört, dann sperrt man ihn drei Stunden in eine Zelle, lässt ihn warten, denn die Beamten müssen erst einmal herausfinden, wie mit einem solchen Delinquenten zu verfahren sei. Schließlich wird ihm beschieden, dass das Gesetz eine Buße von dreihundert Tagessätzen Mindestlohn vorsehe, 16 000 Pesos, 950 Euro. Dann lassen sie ihn laufen.

Anderntags verkündet die mexikanische Stierkämpfervereinigung, dass Cristian Hernández mit sofortiger Wirkung aus dem Verband ausgeschlossen sei. Drei Tage darauf erhält Cristian eine E-Mail einer gewissen Ingrid Newkirk, der Präsidentin der zwei Millionen Mitglieder umfassenden amerikanischen Tierschutzorganisation PETA, die ihm zu seiner Entscheidung gratuliert, den Stier nicht zu töten. Sie hat eine Ehrenurkunde mit dem Titel Echte Männer quälen keine Tiere beigefügt und bietet an, das Bußgeld zu bezahlen. Die Nachrichten der Stierkampfgegner treffen im Dutzend bei ihm ein, eine Sina Merete aus Norwegen schreibt: »Du hast der Welt gezeigt, dass du nicht mehr mitmachen willst bei dieser Schlachterei! Thank you so much!!« Sein
Facebook-Account quillt über von Freundschaftsanfragen, vor allem von Frauen, er hat inzwischen 4041 Online-Freunde rund um den Globus. »Das Leben geht weiter«, hat Daniela gepostet, »du hast mehr Eier als alle anderen«, schreibt Zarii, »wir brauchen mehr Männer wie dich!«, sagt Margerita, zu ihm, dem Torero, dieser reinsten Verkörperung des Latino-Machos. Sie lieben ihn für seinen Mut zur Schwäche, für seine zur Schau gestellte Angst, ihn, den Stierkämpfer, den Killer.
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Guido Mingels

, 40, Reporter beim Zürcher Das Magazin, hat die hautnahen Recherchen in mexikanischen Stierkampfarenen ohne Schrammen überstanden. Dafür biss ihn in Mexico City ein Xoloitzcuintle in den Finger, das Schoßtier eines Freundes, ein mexikanischer Nackthund.

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