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aus Heft 49/2010 Fußball

Löwen weinen nicht

Bastian Obermayer  Foto: Robert Voit, dpa, Imago

Der TSV 1860 München wird 150 Jahre alt. Seit gefühlten 100 Jahren versinkt er im Chaos und verliert immer, wenn es wichtig wird. Warum bleibt man so einem Verein treu? Bekenntnisse eines Trotzdem-Fans


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(Foto: Löwe auf der Mütze, Schal um den Hals, die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Unser Autor mit typischem Löwenblick, hier im Stadion an der Grünwalder Straße.)


Mit sechs bekam ich ein FC-Bayern-Trikot, ein rotes, mit weißem Kragen und Magirus-Deutz-Aufschrift, und ich zog es gern an. Mit einem Trikot kann alles beginnen, das Fansein, das Glück und das Leid, und wenn ich Bayern-Fan geworden wäre, mein Verein wäre seit damals 15-mal Deutscher Meister, neunmal Pokalsieger und einmal Champions-League-Sieger geworden.

Ich wurde aber Fan des TSV München von 1860, der »Löwen«, der »Sechziger«, und wir wurden, seit ich »wir« sage, nicht ein einziges Mal irgendwas. Alle Titel, die mein Verein nach dem Krieg errungen hat, passen bequem auf das 1860-Bierglas in meiner Küche: »Deutscher Pokalsieger 1964«, »Deutscher Meister 1966«. Auf dem Glas steht auch »Europapokalfinalist 1965«, das ist streng genommen zwar kein Titel, weil wir das Endspiel verloren haben, aber das Glas ist ein 0,5-Liter-Glas, da ist eine Menge Platz.

Die Sechzigerjahre waren die große Zeit der Sechziger, sie waren die bestimmende Mannschaft, Pokalsieger, Meister, Vizemeister, die erste deutsche Mannschaft überhaupt, die in einem Europapokalfinale der Pokalsieger stand. Und was Bayern-Fans gern verdrängen: Deren Groß-Ikonen Franz Beckenbauer und Gerd Müller wollten damals eigentlich lieber zu den Löwen wechseln. Was wäre das für ein Verein geworden! Bei dem einen scheiterte der Wechsel an einer Ohrfeige, bei dem anderen an absurden Regularien, aber dazu später, erst mal ist nur wichtig, dass eine Ära hätte begründet, ein bayerisches Real Madrid aufgebaut werden können. Aber statt Beckenbauer und Müller kam damals das Unglück zu den Löwen und blieb bis heute.

Heute spielen wir in der Zweiten Liga und stehen wieder einmal kurz vor der Insolvenz, der DFB hat uns wegen Lizenz-Verstößen zwei Punkte abgezogen, vor einer Woche hat der Verein als Notmaßnahme alle Gehälter um zehn Prozent gekürzt, wieder werden wir im Winter unsere besten Spieler verkaufen müssen und wieder werden wir nicht aufsteigen. Vor wenigen Wochen trat – nach nur 106 Tagen im Amt – wieder ein Geschäftsführer zurück, der siebte in sechs Jahren. Der SIEBTE! In SECHS Jahren!

Die Namen aller gefeuerten Trainer und Manager, aller gestürzten oder verhafteten Präsidenten oder auch nur aller hoffnungsvollen Talente, die aus Geldnot verkauft wurden, würden nicht einmal auf drei 1860-Biergläser passen. Es geht hier nicht um eine einmalige Pechsträhne, 1860 steckt seit vierzig Jahren in einem Morast aus zähem, hartnäckigem Pech.

Das ist also mein Verein.
April 1984, Bayernliga: 1860 schießt Fürth vor 30 700 Zuschauern mit 6:1 ab. Den Aufstieg schaffen die Sechziger aber nicht.

»Warum ich? Warum 1860?«, frage ich Gunter Gebauer, 66, Professor für Sportphilosophie an der FU Berlin; er weiß, was in Menschen vorgeht, die sich mehr mit Fußball befassen, als sie vielleicht sollten. Wir treffen uns in seinem Büro in Berlin-Dahlem, er lehnt sich zurück und hört mir zu, er lächelt und er nickt, und es fehlt nur noch die Couch. »Sie haben es sich nicht ausgesucht«, sagt er dann. So ist es. Winter 1984/85, der kalte Wind treibt vereinzelte Schneeflocken durch die Luft, während mein Vater und ich dick eingepackt im Grünwalder Stadion von einem Bein aufs andere treten. Ich bin sieben, es ist mein erster Stadionbesuch. Auf den schneebedeckten Rängen stehen die Fans dicht an dicht, manche haben nur blaue Trikots über ihre Pullover gezogen, und ich frage mich, warum sie nicht frieren. Ich bekomme eine Bratwurst mit Ketchup und einen Becher Kinderpunsch, mein Vater trinkt Glühwein und schimpft auf die Spieler auf dem notdürftig geräumten Rasen. Die graubemantelten kopfschüttelnden älteren Männer um uns herum sind sich mit meinem kopfschüttelnden Vater einig, dass die Mannschaft an diesem Tag noch schlechter ist als sonst. Ich schüttle auch den Kopf, nehme einen Schluck Punsch, blase den warmen Atem in meine Handschuhe und bin so stolz, wie ein siebenjähriger Sohn es nur sein kann.

Nach dem Abpfiff werfen wütende Zuschauer Schneebälle auf die Spieler. Auf der Heimfahrt erzählt mein Vater, dass 1860 ein ruhmreicher Verein ist, also: eigentlich. Und dass Rudi Völler und der Wiggerl Kögl alte Sechziger sind, die andere Vereine mit mehr Geld den Löwen weggekauft hätten. Den Nationalspieler Völler kenne ich, und Kögl auch, der spielt beim FC Bayern. Zu Hause fragt meine Mutter, wie es war, und ich sage einen Satz, den ich noch sehr oft sagen werde: »Wir haben verloren.« Wir: Die Löwen und ich.
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»Was Sie erlebt haben«, sagt Gunter Gebauer, der Sportphilosoph, »ist ein typischer Initiationsritus: Der Vater lädt den Sohn ein in seine Welt, er hebt ihn dadurch empor. Der Sohn strebt ja immer nach der Anerkennung des oft unnahbaren Vaters und wird versuchen, sich so zu verhalten, dass er den Vater damit für sich gewinnt. Also wird er zum Fan.« Als mein Vater mich emporhob, tat er das nicht sehr hoch: Damals spielte 1860 in der Bayernliga, der Dritten Liga, die Gegner hießen Frohnlach, Vilshofen oder Ampfing, und die Mannschaft war in dieser Saison so schlecht, dass wir beinahe abgestiegen wären in die Vierte Liga.

»Falls es Sie beruhigt«, sagt Gunter Gebauer, »die meisten Fußballfans sind frustriert, unglücklich. Das Unglück bestärkt ihre Bindung an den Verein, es zementiert den Mythos. Die mythische Struktur ist im Fußball typisch, es geht um Verrat, Unrecht, Ungerechtigkeit, Pech, Leiden und natürlich um großartige Leistungen, und alles wird immer weiter gesteigert in den Erzählungen, bis es ins Unermessliche geht: großes Pech, unermessliches Pech. Und die alten Geschichten sind wichtig, je mehr da zu erzählen ist, desto besser.«

Vielleicht sollte man bei 1860 mit den großartigen Leistungen anfangen, und mit jemandem, der damals dabei war. »Schaun’S, das war ich«, sagt Manfred Wagner, 72, und legt – mit zwei Händen, als wäre der Inhalt zerbrechlich – einen Briefumschlag mit Autogrammkarten auf den Tisch des Cafés in München. Auf dem ersten Bild, schwarz-weiß, hält ein junger Mann im 1860-Hemd die Meisterschale im Arm, fast zärtlich. Manfred »Manni« Wagner ist Teil des Mythos, von dem der Verein bis heute zehrt, sein Name ist das zweite Wort im Glaubensbekenntnis des Vereins: Radenkovic, Wagner, Perusic, Konietzka, Grosser, Heiß, Patzke, Brunnenmeier, Reich, Rebele, Luttrop, Küppers, Kohlars, Zeiser, Steiner. Der Kader der Meistermannschaft von 1966. Der Stellenwert dieser Mannschaft ist ungleich größer als bei anderen, bei erfolgreichen Vereinen. Welcher FC-Bayern-Fan kennt auf Anhieb jeden Namen der ersten, der sechsten und der 17. Meistermannschaft? Ihn, den Manni Wagner, kennt jeder 1860-Fan.

Manni Wagner ist nie losgekommen von 1860, er hat nie bei einer anderen Mannschaft gespielt und später, als er im Außendienst bei einem Reifenhersteller arbeitete, wurde er so etwas wie der Denkmalpfleger der Meistermannschaft von 1966: Er hat alle Telefonnummern der damaligen Spieler, er kümmert sich um die jährlichen Treffen und lange Zeit organisierte er die Spiele der 1860-Traditionsmannschaft. Manni Wagner ist ein Meisterlöwe, und also erzählt er von damals, wie sie vor der Rekordkulisse von fast 100.000 Zuschauern im berühmten Londoner Wembley-Stadion das Europapokalfinale spielten – »da waren 11.000 Löwenfans dabei, mit 90 Bussen und 41 Flugzeugen« –, wie sie im Jahr darauf Meister wurden, im Spiel gegen Uwe Seelers HSV, wie sie gegen Real Madrid spielten und gegen den FC Santos: mit Pelé, dem größten Fußballspieler aller Zeiten. Es war ein einziger Rausch.

Dann war plötzlich alles vorbei: 1970 stieg 1860 in die Regionalliga ab, und zwar mit ihm, dem Meisterlöwen Manni Wagner. »Warum, Herr Wagner?« »Weil nichts mehr zusammengepasst hat. Die Führung war unfähig, der Trainer eine Katastrophe, die Mannschaft auch nicht mehr so gut.« Wichtige Spieler haben den Verein da schon verlassen, und für gleichwertigen Ersatz fehlt plötzlich das Geld, das zuvor noch mit beiden Händen ausgegeben wurde. Schon damals droht der finanzielle Kollaps, die Hausbank teilt mit, der Schuldenstand belaufe sich auf 975.000 Mark. Daraufhin rät der Vizepräsident, weitere 25.000 Mark aufzunehmen, weil: »Eine Million merkt man sich leichter.«

Es folgen Querelen im Verein, Rücktritte und der Abstieg, und damit sind die nächsten 40 Jahre fast schon erzählt: Schulden, Querelen, Rücktritte, Abstieg, in wechselnder Reihenfolge. Man muss nicht besonders lange 1860-Fan sein, um das alles mindestens einmal erlebt zu haben – oder, wie ich 2004, sogar alles gleichzeitig: Verhaftung und Rücktritt des Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser, Verhaftung und Rücktritt des Geschäftsführers Heinz Wildmoser, Sohn des Präsidenten, ein zerstrittener Verein, massive Schulden, Abstieg aus der Ersten Liga.

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Bastian Obermayer

, 33, könnte auf einen der wenigen Titel seines Vereins gut verzichten: Pokalsieg 1942. In der NS-Zeit war der Verein nämlich Hort brauner Funktionäre. Deswegen Pflichtlektüre für Löwenfans: »Die Löwen unterm Hakenkreuz« von Anton Löffelmeier.

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