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aus Heft 49/2010 Liebe & Partnerschaft

Nicht immer auf dem Boden bleiben!

Gabriela Herpell  Foto: Riccardo Tinelli

Wann haben wir verlernt zu lieben? Wir versuchen krampfhaft, beziehungsfähig zu sein - und vergessen dabei, was Liebe sein kann. Ein Plädoyer für mehr Leidenschaft.


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Sie liebt ihn, aber er will keine Kinder. Weil sie ihn liebt und das Leben, das sie mit ihm führt, sehr mag, wäre sie bereit, auf Kinder zu verzichten. Aber sie hat keine Lust mehr, mit ihren Freunden darüber zu reden. Die sagen, mit dem Glitzern der Besser-
wissenden in den Augen, Sätze wie: »Wenn er dich wirklich lieben würde, würde er dir deinen Wunsch nach Kindern erfüllen.« Oder: »Du solltest mal darüber nachdenken, warum du immer an so schwierige Typen gerätst.«

Eine typische Reaktion für unser beginnendes Jahrtausend, in dem die Liebe plötzlich vor allem eines sein muss – vernünftig. Und das bedeutet: zusammen leben, Kinder haben, sich einig sein, dass beide den Müll runtertragen, sich etablieren. Alle anderen Formen der Beziehung wären Zeitverschwendung. Verlorene Liebesmüh. »Jeder, der sich heute auf eine Beziehung einlässt, die ambitionierter, gefährlicher und schwieriger scheint als andere, wird als pathologischer Fall angesehen«, schreibt die amerikanische Essayistin Christina Nehring in ihrem Buch A Vindication of Love, eine Verteidigung der Liebe. Gefühle in der Liebe seien nicht mehr so wichtig wie die Vernunft, sagt sie, das realistische Liebesmodell löst das romantische ab. Dabei, meint sie, könnte es ja gerade »stark und kühn sein, jemanden zu lieben, der einen  herausfordert oder an dem man möglicherweise sogar scheitert«. Oder eine Beziehung zu versuchen, die nicht nach dem bewährten Schema funktioniert. So wie es das Paar in dieser Geschichte versucht, das nicht den Alltag teilt und nicht auf Sicherheit setzt, sondern auf die Gegenwart und die gegenseitige Anziehungskraft.

Sie sind Mitte 30 und lieben sich seit drei Jahren. Er leitet eine kleine Filmproduktion, sie ist Physiotherapeutin. Sie gehen zusammen in die Berge, ins Kino und am liebsten immer noch auf Konzerte in kleinen Clubs. Wenn sie in Urlaub fahren, entdecken sie Vietnam oder China und liegen nicht am Strand. Sie sind sich treu, sie leben aber nicht zusammen und haben das auch nicht vor. Sie wohnen in derselben Stadt, aber in verschiedenen Vierteln. Sie teilt eine Altbauwohnung mit einer Freundin, seine Wohnung besteht aus einem sehr großen Raum, nur das Bad ist abgetrennt. Er hasst gesellschaftliche Anlässe. Sie geht gern zu Ausstellungseröffnungen oder Lesungen und hat es aufgegeben, ihn mitzunehmen, weil er dann mit einem langen Gesicht neben ihr steht und sie sich schuldig fühlt, wenn er sich nicht amüsiert. Sie schaut sonntags gern Tatort, er findet Krimis im Fernsehen langweilig. Sie passen zusammen, aber eben nicht in jeder Hinsicht.

Erst neulich haben Freunde geheiratet, wieder so ein Anlass, zu dem sie gefragt wurden: »Und ihr?« Sie war nie versessen aufs Heiraten, die Ehe ihrer Eltern war zerrüttet und dauerte trotzdem so lange, bis die Kinder aus dem Haus waren. Und er, er neigt ja sowieso zur Eigenbrötlerei. Aber im Grunde genommen fühlen sie sich oft so, als dürften sie nicht so leben: Ständig müssen sie sich rechtfertigen. Ihre Freunde wissen genau, wer schuld ist daran, dass ihre Beziehung nicht ideal ist: eindeutig er, der Eremit, der die Verantwortung scheut und ungern Zukunftspläne schmiedet. Streitet sie das ab, ist plötzlich sie die Schuldige, die einfach nicht das Richtige tun will. »Warum trennst du dich nicht endlich?« Dabei sind die beiden ein ganz normales Paar: Sie sind nicht außer sich vor blinder Liebe oder grausam zueinander; er ist nicht doppelt und auch nicht halb so alt wie sie; sie sitzt nicht am Telefon und wartet vergeblich auf seinen Anruf. Aber oft fühlen sie sich so, als würde etwas nicht mit ihnen stimmen.
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Obwohl heute alles möglich ist, obwohl Katholiken Protestanten heiraten dürfen, Männer Männer, Frauen Frauen und Akademiker Nichtakademiker, obwohl viele Frauen auf eigenen Füßen stehen und sogar ihre Kinder allein durchbringen, obwohl eigentlich nur noch die Liebe zählt, sind die Regeln, wie die Liebe auszusehen hat, strenger denn je. Sie muss gelingen. Sie muss sich lohnen. Sie muss erfolgreich sein. Und das bedeutet: Sie muss auf Familie und ein langes gemeinsames, gleichberechtigtes, glückliches, sexuell erfülltes Leben hinauslaufen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Voraussetzung: Zwei Menschen suchen sich den passenden Partner auf eine Weise, wie es die Vermittlungsagenturen im Internet betreiben mit dem Ziel, möglichst viele Entsprechungen zu finden. Gleiche Interessen sind wichtig – dass beide Brahms mögen und Brasilien, moderne Fotokunst und Babyleaves-Salat, dass ihnen niemals eine Hortensie in den Garten käme und sie sich einig darüber sind, wie viel Geld eine Flasche Rotwein kosten darf. Sind die Übereinstimmungen beim Lifestyle gegeben, so sagt die Theorie, kommt die grundsätzliche Bereitschaft, einen gemeinsamen Lebensplan zu entwerfen, von ganz allein. Klappt es aus irgendeinem Grund doch nicht, findet sich sicher jemand, der besser passt.

An sich wäre das ja nichts Schlimmes, schließlich gab es die Vernunftehe als Modell schon immer. Viele glauben nach wie vor daran, dass die großen Leidenschaften sowieso zugrunde gehen, und ziehen die verlässliche Beziehung einer vielleicht verletzenden Liebe vor. Und ahnen es oft nicht mal: »Wir glauben, dass wir lieben, wie es uns gefällt, dabei gibt es einen ganzen Kanon an gesellschaftlichen Vorgaben, die uns erklären, was Liebe ist und wie sie geht«, schreibt die amerikanische Kulturkritikerin Laura Kipnis in ihrem Buch Liebe – eine Abrechnung. Wir machen uns vermeintlich vollkommen freiwillig auf die Suche nach einem möglichst vielseitigen Partner und binden uns an ihn in der Hoffnung, ihn ein Leben lang leidenschaftlich zu lieben – mag alle Lebenserfahrung, mögen alle Statistiken dagegen sprechen. Trotzdem glaubt jeder, es schaffen zu können, wenn man nur an sich arbeitet, oder an der Beziehung oder den Umständen. Oder an allem.
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Gabriela Herpell

empfiehlt Paaren, die glauben, ihre Beziehung sei nicht korrekt und sie bräuchten eine Therapie, die Lektüre des Romans »Die Vergangenheit« von Alan Pauls. Eine Liebesgeschichte, die sich außerhalb klassischer Beziehungsmuster bewegt.