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aus Heft 51/2010 Märchen

Das Mädchen Lucinda

Thomas Brussig  Fotos: Daniel Sannwald, Model: Ranya Mordanova

Sie tanzte mit Elefanten, sie brachte die Menschen zum Lächeln. Doch dann wurde sie zu berühmt - und Lucinda musste wieder zurück zu sich selbst finden.



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Es war einmal ein kleines Mädchen namens Lucinda, es lebte allein mit seiner Mutter in einer großen Stadt. Sie hatten eine kleine Wohnung im Hinterhaus und obendrein zur Nordseite, und deshalb ging Lucinda, die die Sonne liebte, viel hinaus. Am liebsten ging sie in den Zoo. Sie kroch immer durch ein Loch im Zaun, das nur sie kannte. Um Eintritt zu bezahlen, waren Lucinda und ihre Mutter viel zu arm.

Und so war Lucinda an jedem sonnigen Tag im Zoo. Sie war gern bei den Pinguinen, die so komisch watschelten. Lucinda rief: »He, das sieht ein bisschen aus wie Tanzen! Kommt, ich will euch zeigen, wie ihr tanzen könntet!« Aber leider ließen sich die Pinguine von Lucinda das Tanzen nicht beibringen. Lucinda liebte auch die Gibbons und die Kängurus. Am meisten aber liebte sie die Elefanten. »Ihr seid so groß und schwer, ihr werdet immer mit Respekt behandelt«, sagte Lucinda. »Ihr müsst gar nichts dafür tun. Aber ich bin nur ein kleines Mädchen, ich werde nie so groß wie ihr. Wie soll ich es denn schaffen, dass man mich mit Respekt behandelt?«

Dabei war Lucinda ein Mädchen, das von vielen anderen Mädchen insgeheim beneidet und bewundert wurde. Denn in Lucindas Gegenwart wurden die Menschen gelöst und fröhlich, und wenn jemand schlechte Laune hatte, dann verflog die, sowie Lucinda auch nur in der Nähe war. Deshalb war Lucinda bei allen, die sie kannten, sehr beliebt. Aber da sie nicht in den gleichen modischen Klamotten wie viele gleichaltrige Mädchen herumlaufen oder sich deren Vergnügungen einfach nicht leisten konnte, fühlte sie sich oft zurückgesetzt. »Ich kann doch niemandem die Schuld geben, dass das so ist«, sagte Lucinda zu den Elefanten. »Aber schön ist das nicht. Und warum ist das so?« Natürlich antworteten die Elefanten nicht, sondern schlenkerten nur mit den Rüsseln durch den Staub.

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Eines Tages sah Lucinda Plakate, die zu einem großen Gesangswettbewerb aufriefen. Da Lucinda immer wieder von Fremden hörte, sie habe eine schöne Stimme, meldete sie sich für den Wettbewerb an. Weil sie wusste, dass man allein mit Singen nur sehr schwer gewinnen kann, hatte sie eine Idee. Allerdings brauchte sie dazu die Hilfe des Zoodirektors. »Hochverehrter Herr Direktor«, sagte Lucinda in seinem Büro. »Ich werde beim Gesangswettbewerb auftreten, und dafür habe ich mir etwas ganz Besonderes ausgedacht. Allerdings brauche ich dafür die beiden Elefanten.« – »Ich kann dir doch nicht einfach zwei Elefanten ausleihen!«, sagte der Zoodirektor, »da kann ja jeder kommen.« – »Herr Direktor«, sagte Lucinda. »Ich habe mir etwas ganz Besonderes ausgedacht. Und ich bin auch nicht jeder. Ich war oft bei den Elefanten, an jedem Tag, an dem die Sonne schien. Sie kennen mich.« – »Wenn du so oft im Zoo warst, warum kennt man dich nicht an der Kasse? Na, ich werde gleich mal die Wärter losschicken. Dein zerrissenes Kleidchen sieht mir ganz danach aus, dass du immer durch ein Loch im Zaun kriechst. Und nun raus aus meinem Büro!«

Tatsächlich fanden die Wärter das Loch im Zaun und machten es dicht, und als Lucinda am Tag vor ihrem Auftritt wieder in den Zoo wollte, musste sie an der Kasse Eintritt zahlen. Allerdings versteckte sie sich dann im Gebüsch, bis der Zoo geschlossen wurde. Dann riegelte sie das Elefantengehege auf und führte die beiden Elefanten, die Lucinda vertrauten, hinaus. Sie mussten auch den Zaun an einer Stelle niedertrampeln, um aus dem Zoo hinauszugelangen, doch Lucinda klebte einen großen Zettel, auf dem »Verzeih!« stand, an den stehengebliebenen Zaunpfahl. Lucinda führte die beiden Elefanten durch die nächtlichen Straßen der Stadt. Dabei klopfte ihr das Herz sehr. Nicht nur, weil es verboten ist, Elefanten aus dem Zoo zu entführen, sondern vor allem, weil die beiden Tiere so groß und übermächtig waren.

Sie brachte die beiden Elefanten in ein stillgelegtes Straßenbahndepot am Rande der Stadt. Vom nahen Großhandelsmarkt für Obst und Gemüse konnte Lucinda ein paar Kisten mit aussortierten Äpfeln und Salatköpfen holen, wozu sie wieder durch ein Loch im Zaun schlüpfen musste. Dann führte sie die beiden Elefanten zu ihrem Nachtlager aus Holzwolle, die bei den alten Straßenbahnen als Füllung für die Sitze diente, bevor Vandalen die Sitze aufgeschlitzt und die Holzwolle herausgerupft hatten. Lucinda streichelte den beiden Elefanten die Rüssel und redete beruhigend auf sie ein. Dann ging sie zum Schlafen nach Hause.

Als Lucinda mit den beiden Elefanten beim Gesangswettbewerb aufkreuzte, erregte sie sofort großes Aufsehen. Manche Sänger hatten sich grell geschminkt oder trugen wilde Kostüme, aber mit zwei Elefanten kam natürlich niemand, und es hatte auch keiner etwas Derartiges erwartet. Lucinda sang ein fröhliches Lied mit sieben Strophen und einem Kehrreim, und die Elefanten schlenkerten dazu ihre mächtigen Leiber, als würde Lucinda ein Gospel singen. Lucinda tanzte ein wenig, etwa so, wie sie es den Pinguinen gezeigt hatte, und ihr Tanzstil kam gut an. Am Ende jeder Strophe tauchten die Elefanten ihre Rüssel in einen bereitstehenden Bottich und stießen eine Fontäne über Lucinda aus. Die aber lachte nur und sang weiter, und ihre gute Laune steckte alle an, und dass ihr pitschnasses Kleidchen an ihrem Körper klebte, fanden alle gut, und dass die Millionen Wassertröpfchen, die in der Luft schwebten, einen Regenbogen erzeugten, auch. Nach dem Auftritt ging sich Lucinda erst mal die Haare abtrocknen, aber das Publikum jubelte andauernd und verlangte nach ihr, und als sie nochmals auf die Bühne kam, spritzte ihr einer der Elefanten sofort wieder eine Ladung Wasser an den Kopf. Doch Lucinda lachte, denn sie wusste, dass sie diesen Wettbewerb gewonnen hatte.

Natürlich hatte auch der Zoodirektor ihren Auftritt gesehen und er schickte sofort einen Tiertransporter und zwanzig Wärter los. Und da Lucinda sofort nach ihrem Auftritt Interviews geben sollte, verlor sie ihre Elefanten aus dem Auge. Als sie später erfuhr, dass sich jemand um die Elefanten gekümmert habe, war sie beruhigt und fragte nicht weiter.
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Thomas Brussig,

46, wurde bekannt mit dem Roman »Am kürzeren Ende der Sonnenallee« (der Vorlage des erfolgreichen Films »Sonnenallee«). Er lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin.

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