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aus Heft 51/2010 Märchen

Das Mädchen Lucinda

Seite 2

Thomas Brussig  Fotos: Daniel Sannwald, Model: Ranya Mordanova

Für Lucinda begann jetzt ein Leben, das nichts mit ihrem vorigen zu tun hatte. Wo immer sie hinkam – überall wurde sie erwartet. Sie musste für nichts Geld ausgeben, denn sie bekam alles geschenkt. Die Modehäuser schenkten ihr ganze Kollektionen, in der Hoffnung, Lucinda werde das eine oder andere Stück vielleicht bei einem Auftritt tragen. Sie wurde auch immer zum Essen eingeladen. Und immer wurde sie abgeholt. Dass Merkwürdigste aber war, dass alle Menschen in ihrer Umgebung gute Laune hatten. Niemand schien Probleme zu haben, sodass Lucinda ihr eigentliches Talent, nämlich traurige und schlecht gelaunte Menschen in freundliche, fröhliche Menschen zu verwandeln, gar nicht mehr unter Beweis stellen konnte. Sie fuhr viel mit einem großen Auto herum, und der Fahrer, ein Grieche namens Panajotis, erzählte ihr bei zweihundert Sachen auf der Autobahn, dass sie die Nummer mit den Elefanten nicht mehr bringen könne, weil sich einerseits die Tierschützer und dann eine Feministin namens Emma furchtbar aufgeregt hätten. Lucinda, der ohnehin alle Welt zu Füßen lag, müsse sich ja nicht mit den Wichtigtuern anlegen, die sich nur auf ihre Kosten Gehör verschaffen wollten.

Und so fuhr sie von Auftritt zu Auftritt, und als sie zu Panajotis einmal im Scherz sagte, dass man doch auch mit dem Hubschrauber fliegen könne, holte der sie am nächsten Tag mit einem Hubschrauber ab. »Das ist erst mal nur ein Provisorium, Lucinda-Maus«, sagte Panajotis, »aber auf deinem Sitz liegt ein Katalog mit den Sonderausstattungen.« – »Können wir vielleicht einen Sitz so stellen, dass mir gegenüber eine Masseuse sitzt, die mir energetisierende chinesische Fußmassagen zugutekommen lässt?«, fragte Lucinda, und als sie das nächste Mal in den Hubschrauber stieg, saß bereits eine lächelnde Chinesin auf dem gegenüberliegenden Sitz.

Doch eines Tages, während einer Fußmassage, las Lucinda im Internet, dass einer der Elefanten gestorben war. »Wir müssen sofort in den Zoo fliegen«, sagte Lucinda bestürzt zu Panajotis. »Ich will den anderen Elefanten trösten.« – »Wie stellst du dir das vor, Lucinda-Maus?«, fragte Panajotis. »Du hast heute einen Auftritt vor zigtausend Leuten, in der Arena Mega von Gigatown. Das Fernsehen ist live dabei. So etwas kannst du nicht einfach absagen.« – »Doch«, sagte Lucinda, und sie merkte, dass es das erste Mal war, dass sie Panajotis widersprach. »Sie werden es verstehen, dass ich heute nicht so einfach meine fröhlichen Liedchen singen kann.« – »Du hast aber einen Vertrag, und wenn du den nicht erfüllst, kriegen wir Probleme. Nach der Tournee kannst du sicher auch mal in den Zoo.«

Und so wurde Lucinda am Abend in die Arena Mega von Gigatown geflogen, und auch das Fernsehen war dabei, als sie sagte: »Guten Abend, Gigatown! Ihr habt es vielleicht im Internet gelesen, dass einer meiner Elefanten gestorben ist. Ich will jetzt nicht singen, sondern nur bei dem anderen Elefanten sein. Hat vielleicht jemand ein Auto, mit dem er mich hinfahren könnte? Ich stehe am Künstlereingang.« Jeder, der ein Auto hatte, wollte Lucinda fahren, und so gab es einen Riesenstau vor dem Künstlereingang.

Egal, in welches Auto Lucinda gestiegen wäre – sie wäre nicht vom Fleck gekommen. Ein Hubschrauber wäre jetzt nicht schlecht, dachte sie, aber von Panajotis konnte sie keine Hilfe erwarten. Doch da sah sie, wie sich eine Crossmaschine an den Autos vorbeischlängelte. »Steig auf«, rief ihr der Motorradfahrer zu. »Ich bin übrigens Victor.«

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Noch in derselben Nacht erreichten sie den Zoo, und weil der schon geschlossen hatte, musste Victor mit seiner Crossmaschine über den Zaun des Zoos springen, und das fand Lucinda noch abenteuerlicher als ihr Durch-den-Zaun-Schlüpfen in alten Zeiten. Am Elefantenkäfig war es ein ungewohntes Bild, als nur ein Elefant im Gehege war. Lucinda lief zu ihm und sagte: »Bitte entschuldige, dass ich nicht mehr zu euch gekommen bin. Ich hätte es gern euch beiden gesagt, dass dieser Auftritt mit euch beiden der schönste Moment in meinem Leben war, der alleraller-schönste. Aber jetzt ist es zu spät, und selbst wenn du mich noch mal nass spritzt und Millionen schwebende Wassertröpfchen das Sonnenlicht zu einem Regenbogen zerlegen – es wird nie mehr dasselbe sein wie damals.« Der Elefant nickte traurig, und Lucinda umarmte den Rüssel, und so war es für einen Moment doch genauso wie früher. Dann knackte es im Gebüsch, und der zweite Elefant stand plötzlich vor Lucinda. »Wie ist das möglich?«, fragte sie, aber dann war sie nur froh, dass beide Elefanten noch lebten.

Am nächsten Tag, als Lucinda bereits wusste, dass die falsche Todesnachricht auf einen Kommunikationswissenschaften-Studenten zurückging, der die Verbreitungsgeschwindigkeit von Lügen im Internet untersuchte, ging Lucinda zum Bürgermeister ihrer Stadt. Der hatte ihr nach ihrem Sieg beim Gesangswettbewerb einen Wunsch freigestellt. Lucinda sagte, sie wolle Zoodirektorin werden. Sie verstehe ein bisschen von Tieren, und da sie einen Teil ihres Vermögens dem Zoo spenden werde, könne sie fachkundiges Personal einstellen. Außerdem werde sie künftig nur noch im Zoo auftreten und so die Einnahmen steigern.

Und so erfüllte ihr der Bürgermeister den Wunsch und machte Lucinda zur Zoodirektorin. Jeden Sonntagnachmittag trat Lucinda im Elefantengehege auf, und immer kamen Tausende Menschen, die klaglos den doppelten Eintritt, der nur sonntags galt, bezahlten. Und weil Lucinda das alte Loch im Zaun gleich als Erstes wieder dort öffnete, wo es schon früher war, konnten auch die Kinder, deren Eltern kein Geld hatten, in den Zoo gelangen. Und alle sahen Sonntag für Sonntag, wie Millionen schwebender Wassertröpfchen das Sonnenlicht in einen Regenbogen zerlegten, wenn Lucinda sich von ihren beiden Elefanten am Ende jeder Strophe nass spritzen ließ. Lucinda lachte und tanzte, aber die Pinguine ließen sich das Tanzen von ihr noch immer nicht beibringen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ein Märchen aus finsteren Zeiten hat Feridun Zaimoglu geschrieben: »Es war einmal das Ende der Welt« finden Sie hier.
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Thomas Brussig,

46, wurde bekannt mit dem Roman »Am kürzeren Ende der Sonnenallee« (der Vorlage des erfolgreichen Films »Sonnenallee«). Er lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin.

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