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bedeckt München
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aus Heft 51/2010 Märchen

Bruder Lustig

Karen Duve  Fotos: Daniel Sannwald, Model: Sebastian Sauve

Wie Jesus (ja: Jesus) einmal mit einem geldgierigen Soldaten durchs Land zog, Tote erweckte und schließlich seinem Begleiter eine Lektion erteilte.



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Als unser Herrgott mal wieder auf Erden wandelte, da begegnete ihm ein Soldat. Der fragte sogleich nach dem Woher und Wohin, und bevor unser Herr Jesus noch antworten konnte, nötigte ihn der Soldat, sich mit ihm auf eine zerbombte Mauer zu setzen, zog ein kariertes Schnupftuch und einen Kanten Brot aus der Tasche, breitete das Tuch auf der Mauer aus, brach das Brot in zwei Hälften und reichte dem Herrn die eine davon.

»So wollen wir es von nun an immer halten. Lass uns zusammen weiterziehen, Kamerad, und alles, was der eine findet oder erwirbt, das teilt er mit seinem Bruder. Denn Brüder sind wir in der Armut, ich bin der Bruder Lustig und du der Bruder Gemach.« Das war dem Herrn Jesus recht, er schlug in die ausgestreckte Hand ein, und sie zogen zusammen weiter. Wie sie eine Stunde gegangen waren, warf Bruder Lustig einen begehrlichen Blick auf die Flasche, die aus der Jutetasche des Herrn herauslugte, und sagte: »He, Kamerad, nun bist du an der Reihe, den Wirt zu geben. Ein Schluck Wein wäre mir gerade recht.«

»Ich kann dir davon nicht geben«, sagte der Herr, »denn es ist kein Wein, den ich bei mir trage, sondern das Wasser des Lebens.« Nun kamen sie an einem Bauernhaus vorbei und hörten darin gewaltig klagen. Sie traten ein und fanden ein junges Mädchen, schön von Angesicht, aber mit verbrannten Armen und Beinen und so tot, wie jemand nur tot sein konnte. Die Eltern heulten und jammerten laut. »Es ist noch nicht verloren«, sagte Jesus. »Bringt mir den größten Kessel, den ihr habt, füllt ihn mit kochendem Wasser, bringt mir scharfe Messer und Sägen, und lasst mich die Nacht über allein.« Die Eltern brachten den Kessel und das Wasser, entzündeten darunter ein Feuer und verließen das Haus.

»Lass uns warten, bis es dunkel ist«, flüsterte Bruder Lustig dem Herrn ins Ohr, »dann nehmen wir der Hübschen ihr Kreuz vom Hals, es ist ganz aus Silber, und machen uns aus dem Staub.« Aber der Herr Jesus antwortete ihm nicht, sondern setzte die Säge an und sägte der Toten den linken Oberarm ab, dann den rechten, die Beine und schließlich den Kopf. »Kamerad, was tust du?«, rief Bruder Lustig. »Ich bin ja dafür, dass jeder sein Vergnügen haben darf, aber hier trennen sich unsere Gewohnheiten.« »Nimm die Arme und Beine, und wirf sie in den Kessel«, sagte Jesus und ließ selber den Kopf hineinplumpsen. Bruder Lustig tat, wie ihm geheißen, und zuletzt hoben sie gemeinsam den Rumpf an, wuchteten ihn in den Kessel und ließen alles fröhlich kochen.
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»Das ist ein Geruch«, sagte Bruder Lustig, »dass ich für den Rest meines Lebens keine Fleischsuppe mehr werde essen können. Das aber macht ja auch nichts, da man uns morgen früh sowieso aufhängt. So viel ist mal sicher.« Alle Stunde sah der Herr Jesus in den Topf, was die Einlage machte, und als alles Fleisch sich gelöst hatte, stieß er den Kessel um, dass sich die ganze Brühe über den Raum verteilte. »Herrgott noch mal«, rief Bruder Lustig und schob mit dem Fuß einen Oberarmknochen zur Seite, »Kamerad, treib es nicht zu bunt.« Unter allerlei Flüchen half er dem Herrn Jesus, das Gebein zusammenzusuchen, und Jesus legte jeden Knochen an seinen Platz, bis vor ihnen auf dem Boden das ganze Skelett des toten Mädchens lag, der Atlas im Dreher steckte, die Schenkelknochen in den Hüftschalen lagen und nicht einmal ein Fingerknöchelchen fehlte. Sodann entkorkte der Herrgott seine Flasche mit dem Wasser des Lebens, sprengte reichlich davon über die Knochen und sprach:

»Jungfer, ich sage dir, kehre zurück und erhebe dich.«

Da überzogen sich die Knochen auf einmal mit Fleisch und Sehnen, ein Anblick, der dem Bruder Lustig die Haare zu Berge stehen ließ. Doch dann überzog sich das Fleisch auch sogleich mit Haut, die Wangen füllten sich mit Blut, der Brustkorb hob und senkte sich, und dann schlug die Bauerstochter die Augen auf.

»Geschafft! Was bist du nur für ein Teufelskerl, Kamerad«, rief Bruder Lustig. Er stieß die Fensterläden auf, dass die Sonne hereinschien, und sah noch einmal in den umgestürzten Kessel, aber darin war nur ein Rest klarsten Wassers. Nun kamen die Eltern herein und schlossen unter Tränen ihre Tochter in die Arme. Sie wollten dem Herrgott ein Lamm schenken, aber der Herr wollte es nicht nehmen. »Heda, Kamerad«, rief Bruder Lustig, »du kannst das Lamm nicht einfach zurückweisen, denn die Hälfte davon gehört mir.« Und damit hob er das Lamm auf seine Schultern, und so zogen sie weiter. Nach einer Weile wurde es beschwerlich, das Lamm zu tragen. Also machten sie Rast, und der Herrgott trug dem Bruder Lustig auf, es zu braten. »Ich gehe mir die Füße vertreten und bin zur rechten Zeit zurück. Iss nicht, bevor ich wieder da bin.«
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Karen Duve

, 49, lebt in Brandenburg, ihr neues Buch »Anständig essen. Ein Selbstversuch« erscheint im Januar 2011.

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