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aus Heft 51/2010 Märchen

Bruder Lustig

Seite 2

Karen Duve  Fotos: Daniel Sannwald, Model: Sebastian Sauve

Bruder Lustig steckte das Lamm auf einen Ast und hängte es über ein Feuer. Während er nun den Spieß drehte und auf den Herrn wartete, fielen immer wieder die Eingeweide aus dem Lamm und sahen auch schon recht gar aus. Das Gekröse zählt nicht, dachte Bruder Lustig, und verschlang nacheinander das Herz und die Leber. Als das Lamm nun fertig gegrillt war, kam der Herrgott zurück und verlangte nichts zu essen außer der Leber. Bruder Lustig nahm eine Gabel und stocherte eifrig in dem Braten herum. »Ach, wie dumm wir sind«, rief er plötzlich lachend, »ein Lamm hat doch gar keine Leber. Da kann ich lange suchen.« »Aber gewiss doch«, sagte der Herr, »ein jedes Tier hat eine Leber.« »Aber gewiss doch nicht«, rief Bruder Lustig. »Ein Lamm hat keine Leber, ein Pferd kann nicht kotzen, auch nicht direkt vor der Apotheke, und wenn du mir nicht glaubst, such doch selbst.«

Da setzte sich der Herrgott hin und wollte nichts von dem Lamm essen, bis er erführe, wohin die Leber gekommen sei, und der Bruder Lustig musste es sich allein schmecken lassen und am Ende das restliche Fleisch in seinen Tornister packen. So zogen sie weiter und kamen an einen Fluss. »Geh du voran«, sagte Bruder Lustig zum Herrn, und der Herr schritt, ohne zu zögern, durch die Furt, und sie reichte ihm nur bis zum Knie. Bruder Lustig ging ihm nach, aber das Wasser wurde größer und stieg ihm bis an den Hals. »Hilf mir heraus«, rief er. »Erst will ich wissen, wer die Leber gegessen hat«, sagte Jesus. »Schnell, deine Hand«, rief Bruder Lustig, »ich kann nicht schwimmen.«
Das Wasser reichte ihm jetzt schon bis an den Mund. »Sag mir, wer die Leber genommen hat.« »Kannst du dir keinen besseren Zeitpunkt aussuchen, um wieder mit deiner Scheiß-Leber anzufangen? Ich war es nicht, und jetzt gib mir die Hand.« Da zog ihn der Herr heraus.

Nicht weit, und sie kamen an eine Kreuzung. »Hier trennen sich unsere Wege«, sagte der Herr, »ich mag nicht mit einem Lügner gehen.« »Das musst du selber wissen. Wenn du denkst, ich würde dich wegen einer dämlichen kleinen Leber anlügen, dann tust du mir leid. Ich war’s nicht, kapiert?« Weil Bruder Lustig aber in seinen nassen Kleidern zu niesen anfing, nahm der Herr eine kleine PET-Flasche vom Wegrand und füllte sie mit dem Wasser des Lebens. Davon sollte der Soldat stündlich einen Tropfen auf die Zunge nehmen.
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Wie der Bruder Lustig nun so allein weiterwanderte, hielt auf einmal ein Kleinbus mit einem Filmteam darin neben ihm. »Seid ihr der Wunderheiler, der Tote zum Leben erwecken kann?« »Gewiss, das bin ich«, sagte Bruder Lustig schnell. Da schob man ihn in den Kleinbus und verfrachtete ihn in die nächste Stadt zum Haus des berühmten Fußballspielers, dessen Tochter gerade gestorben war. Die Frau des Fußballspielers ließ ihn herein, aber das Filmteam musste draußen bleiben. »Leise«, sagte sie, »mein Mann darf dich nicht hören.« Bruder Lustig ließ sich in die Küche führen und verlangte die größten Töpfe, die es gab, füllte sie mit Wasser und stellte sie auf den Herd. Dann trug er die Tochter in die Küche, legte sie auf den Küchentisch und schloss sich mit ihr ein. Er schnitt und sägte, in einen Topf warf er die Arme, in einen ein Bein und in einen den Kopf. Seine Hände zitterten dabei, und er erinnerte sich an Dinge, die er früher einmal getan hatte. Aber am Ende waren doch alle Knochen blank, und er konnte sie aus den Töpfen nehmen und auf dem Fußboden neu sortieren und das Wasser des Lebens darübersprengen.

»Na los, Mädel, steh auf.« Nichts geschah. Bruder Lustig schüttelte die letzten Tropfen aus der PET-Flasche. »Steh auf«, sage ich. »Hörst du nicht! Steh auf, du Schlampe!« Schweißtropfen traten auf seine Stirn. Und überall der fürchterliche Geruch von gekochtem Fleisch. Da klopfte es an der Tür. »Ich bin noch nicht fertig.« »Lass mich ein«, sagte die Stimme des Herrn. Bruder Lustig öffnete die Tür einen Spalt, und der Herr Jesus kam herein. »Was versuchst du da, du Unverstand? Hast ja nicht einmal genau hingeschaut.«

Er ging zu dem Gerippe und legte jeden zweiten Knochen woandershin. Und wie es schon hell wurde, war er gerade fertig, sprengte sein Wasser über die Knochen und tat seinen Spruch, und kurz darauf stand die Tochter des berühmten Fußballers wieder ganz und gesund vor ihnen. Aber bevor das Fernsehteam hereingelassen wurde, war der Herrgott bereits durch die Hintertür verschwunden und hatte Bruder Lustig mit sich gezogen. Diesmal aber nahm er für seine Doktorei einen Beutel voll Gold an. Als sie an eine Kreuzung kamen, sagte der Bruder Lustig: »Lass uns teilen, Kamerad.« Der Herr Jesus öffnete den Beutel und teilte das Gold in drei gleich große Haufen.

»Für wen ist der dritte Teil?«, fragte Bruder Lustig, während er sein Drittel einstrich. »Du willst mich wohl über den Tisch ziehen?« »Nun, der dritte Teil ist für den, der die Leber gegessen hat.« »Das war ich«, rief Bruder Lustig und strich schnell das Gold ein, und der Herr seufzte tief.

Mehr starke Männer gibt es bei Thomas Gsellas »Der verfluchte Hinterseer« und in Michael Krügers »Der Mann, der Tiere mehr liebte als die Menschen«.


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Karen Duve

, 49, lebt in Brandenburg, ihr neues Buch »Anständig essen. Ein Selbstversuch« erscheint im Januar 2011.

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