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aus Heft 51/2010 Märchen

Das Mädchen mit den drei goldenen Haaren

Kathrin Schmidt  Fotos: Daniel Sannwald

Eine Reise zur Hoffnung: Erst wird ein Bart wertvoll, dann kann ein Affe zaubern, und schließlich steht auch noch die Liebe der Heldin auf dem Spiel.

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Es war einmal eine junge Frau, der drei goldene Barthaare wuchsen, als sie ihren Steuerbescheid zur Kenntnis nahm. Erschrocken griff sie zum Trockenrasierer ihres neuen Freundes, der gerade mit seinen Kumpels beim Bier war, und rasierte sich das Kinn, denn von ihrem Reichtum brauchte ja niemand etwas zu wissen! Aber kaum hatte sie den Rasierer über die Haut gezogen, zeigten sich schon wieder drei goldene Spitzchen. Sie beschloss, die Haare auszureißen, aber sosehr sie sich auch anstrengte, sie saßen zu fest. Guter Rat war teuer. Sie band fürs Erste ein Tuch über Wange und Kinn, steckte ein dünnes chinesisches Stofftaschentuch in die Backentasche und legte sich ins Bett. Als ihr Freund nach Hause kam, wimmerte sie leise vor sich hin und erzählte mit schmerzverzerrtem Gesicht vom gewaltigen Zahnweh, an dem sie leide.

Der Freund hatte ein wenig zu tief ins Glas geschaut, um sie noch zum zahnärztlichen Notdienst fahren zu können. Stattdessen schlief er an ihrer Seite rasch ein und schnarchte, dass sich die Balken bogen. Am Morgen verabschiedete er sich zur Arbeit. Die junge Frau fand es gut, dass ihr neuer Freund sein eigenes Geld verdiente. Er ahnte nicht einmal, dass sie so viel davon hatte. Ja, sie hätte darin schwimmen können, läge es nicht auf der Bank und wartete darauf, gut angelegt zu werden. Sie hatte sich ihr Geld auch selbst verdient. Wenn er aus dem Haus war, saß sie an ihrem kleinen Laptop und hämmerte darauf ein, dass es eine Art hatte. Historische Liebesromane verfasste sie, unter Pseudonym, versteht sich. Geschichten von Huren und Henkern und Hebammen und Kuckuckskindern.

Ihrem neuen Freund hatte sie gesagt, sie habe nach dem Tode ihrer Eltern genug geerbt, um ein Jahr über die Runden zu kommen. Dieses Jahr sollte ihr aber dazu dienen, ihn als Partner zu prüfen. Auch die Vor- und Nachteile einer Heirat waren in Erwägung zu ziehen. Wenn er jedoch wüsste, wie es um ihren Reichtum bestellt war, würde er womöglich um jeden Preis in den Ehehafen schippern wollen, und das hätte ihr nicht gefallen. Sie lief zu einem Hautarzt, zeigte ihm ihr Problem und bat ihn, ihr zu helfen. Da sie privat versichert war, musste sie nicht lange warten. Der Hautarzt griff zum Scharfen Löffel, schälte die Stelle, an der die drei goldenen Haare sich zeigten, sorgfältig aus und klebte ein Pflaster darüber.  Sie bedankte sich herzlich und verließ seine Praxis.

Er aber überzeugte sich mit einem Biss seiner Zähne, dass die Barthaare von purem Gold waren. Da er schon einige Zeit mit Nährlösungen experimentierte, um für seine Patienten Ersatzhaut heranzuzüchten, wenn sie an einem offenen Bein litten oder sich verbrüht hatten, packte er das herausgeschnittene Hautfetzchen in eine Petrischale auf flüssiges Substrat und verwahrte sie im hintersten Winkel seines Brutschrankes. Die junge Frau war bald wieder zu Hause angelangt. Sie hätte sicher noch drei Stunden unbeobachtet schreiben können. Eigentlich aber war ihr danach, sich erst einmal mit ihrem Freund ein bisschen die Welt anzuschauen, ehe sie eine neue Arbeit in Angriff nahm. Vor einiger Zeit hatte sie einen Roman abgegeben, das Lektorat lag hinter ihr, und letzte Änderungen waren auch per Mail zu arrangieren. Also griff sie zu Katalogen, die sie vor Tagen aus irgendeinem Reisebüro mitgenommen hatte. China? Ecuador? Mauritius? Sie überlegte lange, bis ihr auf einmal klar wurde: Indien musste es sein, das Land der Maharadschas und Maharanis!  Indien mit seinen Elefanten und Elefantengöttern! Sie sah sich plötzlich in der Rikscha sitzen, vor sich die im Staube  wirbelnden Füße des Fahrers. Voller Vorfreude berichtete sie ihrem Freund von dem Vorschlag, als er von seiner Arbeit kam: Acht Wochen Bombay, Bangalore, Madras, Benares, Kalkutta, Lucknow und Delhi. Er aber fragte sie nach ihren Zahnschmerzen und nach dem Pflaster.
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Beinahe hätte sie sich vor Schreck verhaspelt, brachte dann aber doch hervor, dass der Zahnarzt ihr die Betäubung von außen durch die Wange habe geben müssen, weil innen alles zu schmerzempfindlich gewesen sei. Er müsse ein Geistheiler sein, denn  nun sei alles wie weggeblasen. Und sie nahm die Hand ihres Freundes und legte sie auf ihr Herz. Ob er es schlagen höre? Wenn sie an Indien denke, schlage es schneller … Er bat sie, zu sich zu kommen. Seinen Jahresurlaub habe er längst genommen und er könne nicht einfach mit ihr nach Indien reisen für acht Wochen. Sie nahm es überrascht auf, aber Gelassenheit bemächtigte sich ihrer alsogleich. Dann würde sie eben allein fahren müssen. Und sie dachte daran, dass das ja auch eine hübsche Prüfung wäre für sie beide.

Der Hautarzt aber schaute am Abend desselben Tages noch einmal nach der Petrischale, und siehe da: Die drei Haare waren flink gewachsen. Das freute ihn. Er goss vorsichtig Nährlösung nach. Punkt Mitternacht schnitt er sie ab. Als wiederum ein langer Arbeitstag hinter ihm lag und die Uhr darauf zum zweiten Mal zwölf schlug, knipste er erneut und wog: Im Laufe von vierundzwanzig Stunden war er auf eine römische Unze gekommen. Im Rechnen war er nicht schlecht und veranschlagte die Zeit, die er bei anhaltendem Tempo brauchte, um auf ein Kilo puren Goldes zu kommen, auf knapp 37 Tage! Einen Moment lang überlegte er sogar, aus den Stammzellen der Haarfollikel neue Haut zu züchten, schlug sich jedoch alsbald mit der Hand vor die Stirn: Selbst wenn es ihm gelänge, wäre diese Haut natürlich frei von Gefäßen und Haaren, und die Möglichkeit, Gold zu ernten, wäre dahin gewesen. Also verlegte er sich darauf, die Nährlösungen mit besonderer Sorgfalt zu komponieren und sich gesund zu erhalten, denn er wollte vom Reichtum noch einiges haben.
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Kathrin Schmidt

, 52, Psychologin und Autorin, erhielt 2009 für »Du stirbst nicht«, einen Roman mit autobiografischen Zügen, den Deutschen Buchpreis. Sie lebt in Berlin.

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