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aus Heft 51/2010 Märchen

Das Mädchen mit den Zündelhölzern, Berlin 1931

Volker Kutscher  Fotos: Daniel Sannwald

Sie tat, was sie konnte. Verdiente ihr Geld in der klirrenden Kälte. Aber er, der Vater, machte ihr das Leben zur Hölle. Bis sie endlich eine Lösung fand.

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»Erzähl mir keine Märchen!« Der Griff des Alten ist aus Eisen, seine Fingernägel krallen sich in ihre Wade, doch der Schmerz kann ihr nichts anhaben, genauso wenig wie die Kälte, die mit viel schärferen Nägeln nach ihr greift. Der Dezember 1931 ist der kälteste seit Jahren. Ganz Berlin duckt sich unter dem Frost.

»Ich hab nichts genommen, Ehrenwort«, lügt sie und spürt dem bitteren Geschmack auf ihrer Zunge nach. Sie muss sich am schmiedeeisernen Geländer festhalten, um nicht den Halt zu verlieren, so sehr zieht das Gewicht des Alten an ihrem Bein. Unten im Dunkeln gurgelt die Spree, die Weidendammer Brücke glitzert im bunten Licht der Nacht, das sich im Eis und auf den Schienen der Elektrischen spiegelt.

Sie sind zu laut geworden, ein paar Passanten schauen herüber und dann gleich wieder weg. Ein Kriegskrüppel, der sich mit einem halbwüchsigen Mädchen zankt, da mischt sich niemand ein. »Und warum ist dann so wenig drin in der Flasche?« »Mehr kriegt man eben nicht für zwei Mark. Und nun lass mich los!« Sein Griff lockert sich, er schickt einen misstrauischen Blick zu ihr hinauf und nimmt einen Schluck. Alle paar Stunden braucht er das. Ohne M könne er die Schmerzen nicht ertragen, sagt er, die nie enden wollenden Schmerzen in den Knien, gegen die er nichts tun kann. Weil da keine Knie mehr sind, an denen man etwas tun könnte. Hannah glaubt ihm die Schmerzen, doch sie weiß auch, dass es eigentlich der Rausch ist, den er ersehnt und den er braucht, um dieser Dreckswelt und der Kälte wenigstens für ein paar Stunden zu entfliehen. Es ist ihm gleich, wenn sie zu wenig verdienen auf der Brücke, solange es nur für sein tägliches Morphium reicht.

Er schraubt die Flasche zu und sinkt zurück in das Holzwägelchen, das ihm die Beine ersetzt. Hätte mir die beschissene Granate doch den Kopf weggerissen. Wie oft hat sie diesen Satz schon gehört? Und wie oft hat sie sich gewünscht, dass es wirklich so gewesen wäre, dass der dämliche Krieg ihrem Vater das Leben genommen hätte und nicht nur die Beine.

Ja, der Krüppel an ihrer Seite, von dem die Passanten glauben, sie gebe ihn nur als ihren Vater aus, weil das Geschäft so besser läuft, dieser vom Morphium und vom Hass zerfressene Kriegskrüppel ist tatsächlich ihr Erzeuger. Sie kann es manchmal selbst nicht glauben. Will es nicht glauben. Wenigstens gibt er jetzt Ruhe, und sie kann wieder arbeiten. Sie klappt den Holzkoffer auf, der ihr als Bauchladen dient, und legt los. »Streichhölzer! Kaufen Sie Streichhölzer! Zehn Pfennig die Schachtel, drei für fünfundzwanzig.«Die wenigen Menschen, die auf der Friedrichstraße noch unterwegs sind, beachten sie kaum, sie haben es eilig. Die letzte Nacht des Jahres ist auch die kälteste, und Hannah hat bislang kaum etwas verdient, obwohl sie schon seit Stunden auf der Brücke steht. Ihre Hände sind klamm, ihr ganzer Körper steif gefroren, aber sie erträgt die Kälte, sie empfindet keinerlei Schmerz. Dank Schwester M. Vor ein paar Tagen hat sie schon einmal heimlich ein paar Tropfen genommen, als sie das tägliche Fläschchen für ihn besorgt hat, und da hat er nichts gemerkt.

»Kaufen Sie Streichhölzer! Vater hat seine Beine geopfert für Kaiser und Vaterland, lassen Sie einen tapferen Veteranen nicht im Stich.« Ein Mann mit Bowler und Pelzkragen bleibt stehen und lässt zwei Groschen in ihre vor Kälte gekrümmte Hand fallen, sie kann die Münzen kaum spüren. »Danke, der Herr! Gott schütze Sie!« Sie steckt die Münzen ein und klaubt zwei Schachteln Streichhölzer aus dem Koffer, doch der Mann ist schon weitergehetzt. Hannah schaut ihm hinterher und hat dabei ihre Schulter wohl zu weit auf den Gehweg gedreht, jedenfalls spürt sie einen harten Schlag im Rücken. Sie sieht noch den Mann, der sie angerempelt hat, der Drecksack dreht sich nicht einmal um, dann verliert sie den Halt auf dem vereisten Pflaster und stürzt. Aus ihrem Koffer purzeln die Streichholzschachteln in den schmutziggrauen Schnee, der den Fahrdamm säumt wie ein kleines Gebirge.

Sie liegt da und hält sich den Arm. »Dämliche Pute! Willste uns ruinieren? Pack die Ware ein, bevor sie nass wird!« Er hat seine Krücke genommen und schlägt nach ihr. Sie greift nach dem Holz, das er ihr in die Seite stößt, und hält es fest. Der Schmerz kümmert sie nicht, doch irgendetwas in ihr will den keifenden Alten nicht länger ertragen. »Ruinieren? Wie soll ich uns denn noch ruinieren? Schau dich doch an! Schau uns doch an!« Sie drückt ihn mitsamt seinem Wagen gegen das Geländer und greift nach den Streichholzschachteln, die bereits aufzuweichen beginnen, greift die Schachteln, greift den schmutzigen Schnee und wirft nach ihm.
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Er lässt alles auf sich niederprasseln und starrt sie an, völlig fassungslos. Sie rappelt sich hoch und schaut auf ihn hinab, empfindet plötzlich eine unendliche Abscheu gegen diesen Mann, der alle Welt dafür hasst, dass er ein Krüppel ist, am meisten aber die eigene Tochter. Erst jetzt findet er seine Sprache wieder. »Wenn ich das im Krähennest erzähle! Wie du mich behandelst! Wie du mit der Ware umgehst! Die Krähen werden dich windelweich prügeln, verlass dich drauf!« Sie will eine passende Antwort geben, doch sie kann nicht. Sie will ihm Worte entgegenschleudern, stattdessen kommen Tränen, mit einem Mal schießen sie in ihre Augen. Und vielleicht ist das der Grund, dass sie wegrennt und den Alten einfach sitzenlässt, weil sie nicht will, dass er sie heulen sieht. Dass sie wegrennt mit ihren klammen Händen und dem Holzkoffer, mit dem bisschen Geld, das sie verdient hat, mit ihren löchrigen Schuhen, in die das Eiswasser dringt.

Sie rennt und rennt, und die Passanten, die sie anrempelt, schimpfen über das Bettelmädchen, Autos hupen, wenn sie den Fahrdamm quert. Sie kümmert sich nicht darum und rennt weiter, immer weiter die Straße hinunter. Sie kann kaum etwas sehen, die Lichtreklamen der Friedrichstraße verschwimmen in ihren Augen zu bunten Schlieren. Erst als die Tränen endlich zu fließen aufhören, bleibt sie stehen und schaut sich um.

Sie ist schon jenseits der Linden, direkt vor dem Automatenrestaurant steht sie. Der Wind bläst in ihr tränennasses Gesicht, und der Frost beginnt wieder nach ihr zu greifen. Sie zählt ihr Geld. Einsdreißig hat sie, das ist alles. Einen Fünfer mindestens muss sie im Krähennest abliefern jeden Tag, sonst gibt es Prügel. Oder die Krähen holen sich ihren Anteil auf andere Weise. Sie will nicht daran denken, sonst wird ihr schlecht.
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Volker Kutscher

, 48, lebt in Köln und startete vor drei Jahren mit dem Roman »Der nasse Fisch« eine äußerst erfolgreiche Krimireihe um den Komissar Gereon Rath, die im Berlin der Dreißigerjahre spielt.

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