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aus Heft 51/2010 Märchen

Der reichste Mann der Welt und seine Frau

Jakob Hein  Fotos: Daniel Sannwald, Model: Ranya Mordanova

Gold und Geld, schön und gut – aber um zu erkennen, was wirklich wichtig ist, muss einem vielleicht erst mal was Saudummes passieren.

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Es war einmal ein reicher Mann. Nicht irgendein reicher Mann, sondern der reichste Mann der Welt. Schon als Kind war er Millionär geworden mit einer Erfindung, die beim Lecken von Eiscreme dafür sorgte, dass das Eis niemals tropfte, egal wie groß das Eis war oder das Kind, was das Eis schleckte. Fast alle Kinder wollten die Erfindung haben, und er wurde zum Millionär. Als Jugendlicher war er dann zum Milliardär geworden, weil er Marmeladengläser erfunden hatte, die man immer aufschrauben konnte. Kein Haushalt, wo diese Gläser fehlten, schnell war er Milliardär. Als Erwachsener erfand er einen Fernseher, in den man hineingehen konnte, und so wurde er Billionär. Billionär, man kann sich das gar nicht vorstellen. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was das heißen sollte, der reichste Mann der Welt zu sein.

Der Mann besaß eine so unermesslich große Menge Geldes, dass niemand mehr verstehen konnte, wie viel es eigentlich war. Wissenschaftler zählten ihm vor, wie viele Nullen man an sein Geld schreiben musste, um überhaupt die richtige Zahl zu schreiben. Aber Nullen bedeuteten nichts, also half das dem Mann nicht weiter. Sie erklärten ihm, dass er, wenn er sein Geld in Münzen hätte, es zweimal bis zum Mond aufstapeln könnte, aber der Mann war so reich, er war schon oft zum Mond und wieder zurück geflogen, sodass ihm zweimal zum Mond nicht mal besonders oft vorkam. Und weil er es sich also überhaupt nicht vorstellen konnte, wie viel Geld er hatte, ließ er einen Tresor bauen, den größten und sichersten Tresor aller Zeiten. Dieser Tresor war so groß, dass der größte Dinosaurier darin hätte herumlaufen können. Ein Riesentresor. Dann ließ er sich all sein Geld bringen und legte es in den Tresor.

Nun konnte er sich besser vorstellen, wie viel Geld er besaß. Es waren Berge von Geld. Tatsächlich stapelte er das Geld in dem Riesentresor zu Haufen und rodelte in einer Kiste auf dem Geldberg hinunter. Er lief durch das Geld und wühlte darin wie ein Wildschwein im Waldboden. Dann verließ er den Tresor wieder, schloss die Tür hinter sich ab mit dem geheimen Code, den er allein kannte, und ging mit einem zufriedenen Lächeln wieder zurück in sein Haus. Jetzt wusste er, wie viel Geld er hatte, er konnte es sich sehr gut vorstellen. Obwohl er immer noch nicht sicher war, was das heißen sollte, der reichste Mann der Welt zu sein.

Seine Berater waren nicht sehr begeistert vom Tresor. »Sie können doch nicht einfach all Ihr Geld in diesen Riesentresor legen«, sagten sie voller Entsetzen. »Warum?«, fragte der Mann. »Sie müssen Ihr Geld arbeiten lassen«, sagten die Berater. »Sie müssen mit dem Geld noch mehr Geld machen.« »Das muss ich doch überhaupt nicht«, antwortete der Mann. »Ich bin der reichste Mann der Welt. Wozu sollte ich noch mehr Geld machen?« »Damit Sie kein Geld verlieren, mein Herr«, sagten die Berater aufgeregt. »Wer sein Geld liegen lässt, darf sich nicht wundern, wenn es immer weniger wird.«
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»Das macht nichts, meine Herren«, sagte der Mann, dem plötzlich auffiel, dass seine Berater alles Männer waren. »Ich habe mehr Geld, als ich es mit aller Kraft bis zum Ende meines Lebens ausgeben könnte. Glauben Sie mir, ich komme gerade von einer Rodelpartie auf meinem Geldberg zurück. Selbst wenn ich jeden Tag in einer goldenen Rakete zum Mond fliegen würde und 120 Jahre alt würde, hätte ich immer noch Geld übrig.«

Die Berater seufzten resigniert. Es ging ihnen natürlich in Wahrheit darum, dass der Mann ihnen selbst das Geld gab, damit sie damit Geschäfte machen konnten. Doch da stand ihnen eine böse Überraschung bevor. »Im Übrigen brauche ich auch keine Berater mehr, schließlich habe ich mit dem Tresor alle meine Probleme gelöst. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit, Sie können ab morgen gern jemand anderen beraten.« Verärgert zogen die Berater von dannen. Der reichste Mann der Welt aber ging zu seiner Köchin und sagte zu ihr: »Henriette, ab heute ist Schluss mit dem Geschäftemachen. Ich bin schon der reichste Mann der Welt, danach kann nichts mehr kommen. Ab heute geht es mir darum, möglichst viele Bücher zu lesen und köstlich zu essen.«

»Einverstanden«, sagte Henriette. Sie war froh, dass sich der Mann endlich mal Zeit nehmen wollte für das köstliche Essen, was sie schon seit Jahren für ihn kochte. Sie machte Hefeklöße und Pizzas, Eierkuchen und Schnitzel, alles wunderbares Essen vom Feinsten. Der Mann saß auf seinem Sessel und las Bücher und Comics, Henriette kochte, und damit der Mann nicht so allein essen musste, aß er zusammen mit Henriette ihre köstlichen Speisen. Wenn sie Geld brauchten, ging der Mann in seinen Tresor, holte ein bisschen Geld heraus, und dann konnten sie wieder ein paar Wochen leben.

Wenn das Leben nur aus Glück bestehen würde, könnte man gar nicht sehen, dass man glücklich ist. Und so muss es im Leben immer auch ein wenig Unglück geben. So passierte es auch dem reichsten Mann der Welt. Eines Tages, als er mit Henriette auf der Terrasse seines Hauses saß, brachte sie zum Nachtisch Vanilleeis mit heißen Kirschen. Das war das absolute Lieblingsdessert des Mannes, und er schlug richtig zu. Leider hatte sich auch eine Wespe auf die Kirschen gestürzt. Der Mann steckte seinen Löffel gierig in die Kirschen, sah die Wespe nicht auf dem Löffel, steckte sie in den Mund und – ahh!

Als er wieder aufwachte, lag der reichste Mann der Welt im Krankenhaus. Neben ihm saß die Köchin am Bett. »Henriette«, sagte der Mann, »seit wann liege ich hier?« »Seit drei Wochen«, sagte Henriette. »Wir wussten nicht, ob du wieder aufwachst.« »Doch, jetzt bin ich wach«, sagte der Mann. »Und es ist wohl klar und äußerst überfällig, dass wir beide jetzt heiraten. Das heißt natürlich: nur wenn du einverstanden bist.«  Henriette war einverstanden, und die beiden heirateten eine Woche später.

Wieder zu Hause sagte Henriette: »Ehrlich gesagt, brauchen wir jetzt ein bisschen Geld. Wir haben keine Eier mehr und nur noch ein paar Büchsen im Haus.« »Kein Problem«, sagte der Mann. »Ich fühle mich nur noch ein wenig schwach. Aber jetzt, wo du meine Frau bist, kannst du auch in den Tresor gehen und selbst Geld holen.«
»Sehr gut«, sagte Henriette. »Wie ist der Code?« »Der Code ist …«, der Mann überlegte. »Der Code ist …Ich glaube, ich habe vergessen, wie der Code ist. Warte! Der Code ist …« Doch sosehr er auch überlegte und grübelte, er konnte sich nicht erinnern.

Da riefen die beiden eine Tresoröffnerfirma an, damit die ihnen den Tresor öffnete. Als die Firma hörte, dass der reichste Mann der Welt ihre Dienste wünschte, schickten sie natürlich gleich den Chef. Der Chef kam, schaute sich den Tresor an, klopfte an die Wände, prüfte die Schlösser und begutachtete die Scharniere. Dann drehte er sich zu Henriette und dem Mann. »Das ist der beste Tresor der Welt«, sagte er. »Ich weiß«, sagte der Mann. »Das ist, was ich bestellt habe.« »Der Tresor ist so gut, dass ich ihn in hundert Jahren nicht öffnen könnte.« Dann fuhr er wieder ab. »Was machen wir jetzt?«, fragte der reichste Mann der Welt seine Henriette. »Jetzt müssen wir anders Geld verdienen«, sagte sie. »Ich schlage vor, dass ich meinen köstlichen Pflaumenkuchen backe und du ihn verkaufst.«

Und so machten sie es. Sie stellten am Markttag einen Holztisch auf und verkauften Pflaumenkuchen mit Sahne oder ohne. Henriettes Pflaumenkuchen war ein Gedicht, sodass der Mann nie lange mit dem Pflaumenkuchen allein blieb. Meistens hatte er bis zum Mittag schon alles verkauft. Dann gingen sie einkaufen und konnten sich eine Woche lang wieder ein schönes Leben machen. Die Banken und Firmen und reichen Leute auf der Welt wunderten sich zwar, wo das ganze Geld blieb, was in dem Tresor herumlag, aber richtig vermissen tat es doch keiner.

»Weißt du«, sagte der Mann, als er mit Henriette auf ihrer Wiese lag. Sie hatten gerade Hühnerkeulen mit Reis und Erbsen gegessen, und die Sonne schien. »Jetzt weiß ich endlich, was es heißt, der reichste Mann auf der Welt zu sein.«

Es ist so flatterhaft, das Glück, so unbeständig und so schwer zu finden. Dass man auch darüber streiten kann, schreibt Tilman Rammstedt in seinem Märchen »Die Geschichte vom Glück«.

Jakob Hein

, 39, ist Schriftsteller und Arzt für Psychiatrie an der Berliner Charité. Im Januar erscheint sein Buch »Der Alltag des Superhelden: Märchen für anders begabte Erwachsene«.

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