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aus Heft 51/2010 Märchen

Das Märchen von Hannes und Greta

Tanja Dückers  Malerei: James Trimmer

Brüderlein und Schwesterlein aus bitterarmer Familie: Zwei Menschen geraten in ganz schlechte Gesellschaft. Und bald wird klar, so leicht kommen sie da nicht mehr weg.

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Die Eltern von Hannes und Greta waren selten zu Hause. Seitdem ihr Vater seinen Job bei einer Baufirma verloren hatte, ging er jeden Tag spazieren, saß rauchend auf der Bordsteinkante vor ihrem Mietshaus oder spielte mit Knut, Spitzi und Rainer auf dem Hof Boule. Ihre Mutter hatte in einem Callcenter gearbeitet, bis das Ding von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Eines Morgens stand sie plötzlich wieder in der Tür und stammelte: »Stühle, Tische … alles weg … sogar der hässliche Teppich.« Sie hatte kurz geweint und danach ihr letztes Geld für ein unsinnig teures Frühstück mit ihren Kindern auf dem Ku’damm bei Leysieffer ausgegeben.

Hannes und Greta gingen seit letztem Sommer auf die Realschule. Sie hatten zwar eine Gymnasialempfehlung, aber ihre Eltern hatten es versäumt, sich rechtzeitig um einen Schulplatz auf einem der beliebten Gymnasien in der Nähe zu kümmern. Schließlich meldete ihr Vater sie an einem verkaterten Morgen »an dieser Schule da« um die Ecke an.

Der Schulunterricht langweilte Hannes und Greta, meistens hingen sie von nachmittags bis abends im Fitnesscenter auf der Heinrich-Heine-Straße herum. Sobald Hannes und Greta die Eingangsschwelle des Studios überschritten hatten, tat sich eine andere Welt auf. Hier waren sie wer. Hannes und Greta hatten beide lange blonde Haare und waren sehr sportlich. Da sie fast täglich ins Fitnessstudio gingen, kannten sie hier auch beinahe jeden. Von überallher winkte man ihnen zu, wenn sie kamen. Hier spielte es plötzlich keine Rolle mehr, auf welche Schule man ging und was die Eltern machten. Hier zählten andere Werte – es gab eine Liste mit den Fortschritten, die jeder Teilnehmer machte, Hannes notierte jede Woche die Gewichte, die er stemmte, Greta erhielt zu ihrem letzten Geburtstag einen Brief von Freunden aus dem Studio, in dem man ihr zu ihrem »imPOsanten« Hinterteil gratulierte.

Seit das Callcenter verschwunden war, begann sich Hannes’ und Gretas Mutter mit Astrologie zu beschäftigen. Bald schon gab sie ihrem Mann Tipps fürs Lottospielen und machte auch bei jedem anderen Gewinnspiel mit, das sie in die Finger bekam. Einmal gewann sie 75 Euro im Lotto, seitdem war sie überzeugt, dass sie auf diesem Wege eines Tages zu Geld kommen werde. Auch Hannes’ und Gretas Vater ließ sich von ihrem Gewinnspielfieber anstecken. Dass sie beide auch mit normalen Berufen auskömmlich verdienen könnten, erschien ihnen vollkommen absurd.

Vielleicht lag es an Hannes’ und Gretas durchtrainierten Körpern, dass sie ihren Eltern älter, erwachsener erschienen, als sie eigentlich waren. Nach Schularbeiten fragten ihre Eltern nie, die Kinder wurden ja versetzt.

Bislang hatten Hannes und Greta in ihrer Freizeit fast alles gemeinsam gemacht – fast immer Sport. Ein paar Mal hatte sich Hannes mit Mädchen aus dem Studio verabredet, aber aus diesen Flirts wurde nie etwas. »ImPOsanta Greta«, wie sie von Verehrern im Fitnessstudio genannt wurde, machte sich eher rar, was die Männerwelt anging, und behauptete manchmal sogar, Hannes sei ihr Freund, um sich die Kerle vom Leib zu halten.

Etwas eifersüchtig war Greta schon, als sich eine Amalia an Hannes heranmachte, die optisch das genaue Gegenteil von ihr war: lange schwarze Haare, klein, dunkle Haut, feuriger Typ, spirredünn. Wenn Amalia lachte, sah man ihre Eckzähne. Immer öfter stand sie bei Hannes an den Geräten, tauschte sich über ihre jeweiligen »Fortschritte« aus, trank mit ihm Energy-Drinks an der Bar. Ins Solarium gingen sie auch heimlich zusammen – und blieben lange. Einmal hatte Hannes einen Sonnenbrand auf dem Rücken.

»Was ist dran an der, warum verpisste dich denn jetzt dauernd?«, wollte Greta von Hannes eines Tages auf dem Weg zum Studio wissen. »Es geht nicht nur um Amalia … wir sind eine Gemeinschaft … und, stell dir vor, ich habe die Aussicht, richtig Schotter machen zu können … nicht nur so rumdümpeln wie unsere Elte…« »ERZÄHL MAL!«
Danach stand fest, dass sie am nächsten Tag mit zu Amalia und ihren Freunden kommen würde.
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Greta hatte gedacht, dass es ihr sehr schwerfallen würde, mit Unbekannten zu schlafen. Aber sie hatte sich geirrt. Die Inszenierung stand so im Vordergrund, dass sie sich eher wie eine Schauspielerin vorkam – so sahen sich auch die anderen dort. Eigentlich fand Greta die Arbeit ehrlich, anständig und sauber. Jeder musste einen HIV-Test machen, die Männer waren frisch geduscht, rasiert und rochen gut. Amalia und Saskia nahmen sogar Medikamente gegen Körpergeruch. Und alle waren sehr, sehr freundlich zueinander.

Bald lebten Hannes und Greta mit Amalia und ihren Freunden zusammen. Saskia, Susie, Stefi, Pedro und Jack waren alle schwer in Ordnung und immer gut aufgelegt. Man erfuhr von niemandem etwas über sein Vorleben, sein altes Leben, das schien ein unausgesprochenes Gesetz zu sein: Wir haben Spaß, du bist gut drauf und hältst die  Klappe. Hannes und Greta mussten keine Miete zahlen, nichts. Sie wohnten in einer Neun-Zimmer-Wohnung am Ku’damm, es gab ein Solarium, einen Whirlpool und jeden Tag gutes Essen, ein Luxusleben.

Amalia und ihre Freunde gingen oft vormittags mit ihnen auf dem Ku’damm shoppen. Und nachmittags waren sie zusammen im Fitnessstudio. Vielleicht lag es daran, dass die Sommerferien angebrochen waren – Hannes’ und Gretas Eltern machten sich keine Gedanken darüber, wo sich die beiden herumtrieben. Sie wussten nicht, wann die Schule wieder anfing – und ob die beiden überhaupt noch ein Schuljahr hatten?

Greta und Hannes fühlten sich wohl in ihrer neuen Familie. Zu Hause in der Waldemarstraße in Kreuzberg waren sie nur noch selten. Wenn, erschien ihnen alles blass, ärmlich, das heruntergekommene Treppenhaus, die Küche, in der ihre Eltern herumsaßen und Zeitschriften von Nachbarn aus der Mülltonne nach Gewinnspielen durchforsteten. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben.
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Tanja Dückers,

42, lebt in Berlin, ihr neuer Roman »Hausers Zimmer« erscheint im Februar 2011 bei Schöffling & Co.

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