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aus Heft 03/2011 Gesellschaft/Leben

Wir müssen reden (I)

Kerstin Greiner, Tobias Haberl, Wolfgang Luef, Dominik Stawski und Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Peter Rigaud

Eine Kölner Kneipe, ein ganzer Tag Zeit und lauter Menschen, die uns interessieren: Wir haben uns prächtig unterhalten. Über die großen Themen. Über die kleinen Dinge. Über das Leben.

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Man kann hier sehr direkt reden


Köln, ein Freitagmittag im Dezember. Es ist noch nicht viel los im »Brauhaus Gilden im Zims« am Heumarkt. Am Fenster hat das »SZ-Magazin« einen Tisch reserviert. Der erste Gast, WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, kommt um Punkt 12.

SZ-Magazin: Sie sind aber pünktlich.
Jörg Schönenborn: Ich habe Gäste heute Abend, muss noch einkaufen. Ich muss mir etwas einfallen lassen, weil ein Gast kein Fleisch isst. Fleisch finde ich gut. Man schiebt das bei 180 Grad in den Ofen und hat ein tolles Essen.
SZ-Magazin: Für wen kochen Sie?
Schönenborn: Für die Chefredaktion. Fünf Personen.
Schönenborn bestellt Orangensaft.

SZ-Magazin: Um welche Tageszeit beginnt man mit Kölsch?
Schönenborn: An der frischen Luft immer. Da stehen morgens schon die Ersten. In der Stadt ist ja alles Theke im Sommer.
SZ-Magazin: Mögen Sie die Kölner Altstadt?
Schönenborn: Nö. Die richtigen Kölner wohnen in der Südstadt, da, wo das Stadtarchiv war. Die Hälfte meiner Mitarbeiter hätten den Einsturz hören können, wenn sie zu Hause gewesen wären.
SZ-Magazin: Wenn man mit dem Taxi durch Köln fährt, hat man nicht das Gefühl, in einer besonders schönen Stadt zu sein.
Schönenborn: In Hamburg oder Berlin wird mir das auch klar. Ein Wiederaufbauproblem. Das einzig Schöne ist der Blick auf den Dom, da geht Kölnern das Herz auf.

Um 12:07 Uhr betritt der Verleger Helge Malchow das Lokal.
Schönenborn: Herr Malchow, grüß Sie.
Bedienung: Was möchten Sie trinken?
Helge Malchow: Ich werde im Lauf der nächsten Stunden auch ein Kölsch trinken, aber erst mal einen Kaffee. Sie haben eine Menge Autoren von KiWi (Abkürzung für den Verlag Kiepenheuer & Witsch, Anm. d. Red.) eingeladen.
SZ-Magazin: Sagt das mehr über uns oder über Köln?
Malchow: Wir sind hier schon der Platzhirsch, bekannte Autoren wie Günter Wallraff und Dieter Wellershoff sind alle bei uns. Es gibt keinen vergleichbar großen literarischen Verlag in Köln. Vielleicht noch DuMont.
SZ-Magazin: Gerade ist DuMont mehr im Gespräch als KiWi.
Malchow: Ja, aber nur der Zeitungsverlag. Der Knatsch in der Familie ist Tages-, Wochen- und Monatsgespräch.
SZ-Magazin: Es gibt Leute, die sagen, dass dem Verlag nichts Besseres passieren konnte.
Schönenborn: Als dass der junge DuMont rausfliegt?
Malchow: Ist auch eine Variante. Aber vor allem ist es eine sehr traurige Familiengeschichte.
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12:19 Uhr. Die Theaterintendantin Karin Beier kommt.
Schönenborn: Hallo, Frau Beier.
Malchow: Tach. Jetzt sind wir schon drei.
Beier bestellt Wasser.
Malchow: Über Theaterarbeit und Kölsch gibt es eine interessante Passage in der Autobiografie von Peter Zadek. Der große Regisseur hat seine Karriere ja in Köln begonnen.
Karin Beier: Ist das wahr?
Malchow: Er kam 1958 aus London zum ersten Mal nach dem Krieg nach Deutschland, und zwar nach Köln, und inszenierte am Theater am Dom.
Beier: Ach so, ja, das weiß ich.
Malchow: Und direkt danach am Schauspielhaus. In dem Buch erzählt er von den Proben in Köln: Er brüllte rum, wenn es Streit gab, aber das führte zu nichts. Die Schauspieler sagten immer nur: Komm, lass uns doch heute Abend ein Kölsch trinken. Er wusste gar nicht, was das heißt: Kölsch. Aber irgendwann hat er verstanden: In Köln werden solche Grundsatzdebatten abends beim Kölsch geführt. Und er hat gedacht: Na, dann eben beim Kölsch. Aber wenn man dann beim Kölsch saß, wurde nie wieder über das Thema gesprochen.
Beier: Meine Erfahrung zeigt genau das Gegenteil: Ich war eine Weile in Wien, da ist diese direktere, ruppige Art gar nicht existent. Da gibt es das Wort Nein im aktiven Wortschatz gar nicht. Wogegen wir in Köln ja schon daran gewöhnt sind, alles relativ direkt beim Namen zu nennen. Das beschleunigt die Arbeit ungemein.

Malchow: Echt? Das ist dann die neue kölsche Theaterarbeit.
Beier: Ich finde, gerade hier kann man sehr direkt reden. Ohne Samthandschuhe. Bist du Kölner?
Malchow: Ich bin kein Kölner, aber seit 30 Jahren hier.
Beier: Dann bist du Kölner. Und Sie, Herr Schönenborn, Kölner?
Schönenborn: Ich bin in Solingen geboren.
Beier: Ich fand diesen Lokalpatriotismus früher natürlich peinlich – aber ich habe den auch. Aufgefallen ist mir das zu Karneval. Ich gehöre zu den Leuten, die Karneval mitfeiern, allerdings immer nur einen Tag.
Schönenborn: Welchen?
Beier: Den Sonntag.
Malchow: Ich feiere donnerstags.
Schönenborn: Weiberfastnacht.
Beier: Ich ertappe mich dann dabei, diese Karnevalslieder mitzusingen. Am liebsten Viva Colonia.
SZ-Magazin: Das wird auf dem Oktoberfest auch gesungen.
Malchow: Das ist auch schon globalisiert.

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