bedeckt München 26°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 04/2011 Gesellschaft/Leben

Der Gutmensch

Christian Nürnberger  Illustration: Dirk Schmidt

Wer seinen Müll trennt, für Amnesty International spendet und für Gleichberechtigung ist, wird von vielen als Gutmensch verspottet. Aber die, die da spotten, machen es sich viel zu einfach. Eine Verteidigung.


Anzeige
SNeulich, im Mainzer Kurfürstlichen Schloss, wurde der Kabarettist Lars Reichow als »Ranzengardist 2011« ausgezeichnet, was die Welt nicht weiter interessiert hätte, wenn nicht der Laudator Thilo Sarrazin geheißen hätte, der »Ranzengardist 2009«. Das fanden Antifaschisten, Antirassisten und alle weiteren üblichen Verdächtigen so skandalös, dass sie ein Auftrittsverbot für Sarrazin forderten, draußen vor dem Schloss demonstrierten, und so der großen Mehrheit drinnen das Vergnügen verschafften, sich als verfolgte Minderheit zu gebärden, die sich genötigt sieht, die Gedanken- und Meinungsfreiheit gegen die »Diktatur der Gutmenschen« zu verteidigen.

Drinnen ergriff Thilo Sarrazin den von draußen zugespielten Ball und erhellte den verborgenen Sinn in der Reihe der bisher als »Ranzengardist« ausgezeichneten: Mit dem ZDF-Intendanten Markus Schächter habe man als Ersten »einen Guten« ausgezeichnet, mit Karl Kardinal Lehmann »einen Heiligen«, mit ihm selbst, Sarrazin, »einen Bösen«, und weil das Ganze doch sehr komisch sei, nun mit Lars Reichow »einen Komischen«.

Die Souveränität, mit der sich Sarrazin das Kostüm des »Beelzebubs aus Berlin« übergestreift hat, zeigt, wie genüsslich sich eine Kamarilla aus Rechten, Neoliberalen und Neocons mittlerweile im Kleid des Bösen als das eigentlich Gute geriert, wie wohl sie sich in der Rolle der vermeintlich verfolgten Minderheit fühlt, und mit welcher Lust sie in diesem Gewand auf die Guten eindrischt, um sie als die eigentlich Bösen und Dummen zu entlarven. Sie empfindet sich als Teil von jener Kraft, die Böses will und Gutes schafft, und zitiert inflationär ihren alten Meister Adam Smith, der 1776 dekretiert hat: Nicht vom Wohlwollen des Fleischers oder Bäckers »erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse«.

Liebevoll pflegt die Kamarilla daher ihre Feindschaft zu jenen, von denen sie zu wissen meinen, dass sie Gutes wollen und Böses schaffen, also die links-liberal-feministisch-schwul-lesbische Schickeria, die Grünen, die Klimaforscher, die Multikulturalisten, die Veranstalter von Live Aid und Live-8-Events-für-Afrika, die klampfenden Wir-sind-alle-lieb-Kirchentagsbesucher, und all jene Biedermänner und Biederfrauen, die das Denken durch die Moral ersetzen, nichts können, aber eine edle Gesinnung haben, nichts wissen, aber allerhand glauben und meinen, vor dem Islam in die Knie gehen, vor den Terroristen kapitulieren und die nächste Hölle vorbereiten.

Die Kreation dieses Klischees hatte einen Hauch von Vernunft und Witz, als es begann, damals in den Neunzigerjahren. Zu jener Zeit hörten wir seltsame Geschichten aus Amerika, zum Beispiel von einer Kellnerin, die einen Gast des Lokals verwies, weil er den Playboy las – was sie als indirekte Vergewaltigung empfand. Die Universität Berkeley soll die Aufnahmebedingungen für Schwarze gesenkt und für chinesisch- und japanischstämmige Amerikaner angehoben haben.

Generell sollen Schwulen, Schwarzen, Frauen, Indianern und Behinderten so viele Sonderrechte eingeräumt worden sein, dass im Mutterland des gnadenlosen Konkurrenzkampfs das Kriterium der Leistung bei der Vergabe von Studien- oder Arbeitsplätzen für gesellschaftlich Benachteiligte nicht mehr galt. Plötzlich sah sich die weiße, männliche, heterosexuelle, nichtbehinderte Mehrheit gezwungen, sich selbst als Problem und Hindernis für die anderen wahrzunehmen.

Mit den Nachrichten aus Amerika wurde auch ein neues Wort importiert: Political Correctness, meist abfällig PC abgekürzt: die Diktatur der Minderheiten, die Herrschaft der Gutmenschen, die durch Verbesserung der Sprache die Welt zu bessern glauben. »Mongoloide« hießen nun »Menschen mit Down-Syndrom« und oder »alternativ begabte Menschen«. Aus geistig Behinderten wurden »geistig Herausgeforderte«, aus Blinden »visuell Herausgeforderte«. Als sich aber ein Scherzbold das Wort »vertikal Herausgeforderte« für Kleinwüchsige ausdachte, hatte die Stunde der Satire und Parodie geschlagen. In der Zeichentrickserie Die Simpsons begegnete uns der politisch korrekte Gutmensch in Gestalt von Ned Flanders, aktives Mitglied der Kirchengemeinde, eifriger Spender für gute Zwecke, päpstlicher als der Papst (»Reverend, ich … ich glaube, ich begehre meine eigene Frau«) und ewiger Anlass, seiner Umwelt und dem politisch total unkorrekten Homer Simpson auf die Nerven zu gehen.
Anzeige

In Deutschland standen Harald Schmidt und Herbert Feuerstein bereit, eventuell aufkeimende Ansätze von Political Correctness im Keim zu ersticken, etwa mit Fragen von der Sorte: »Klauen Polen Autos?« Und der korrekten Antwort: »Ja, natürlich, wer Schlesien klaut, der klaut auch Autos.« Als Henry Maske zum erotischsten Mann des Jahres gekürt wurde, kommentierte Harald Schmidt: »Ich habe es immer gewusst, Frauen wollen geschlagen werden.« Jürgen Klinsmann bezeichnete er als »Warmduscher« und »Schwabenschwuchtel«.

Auf diese Weise erwarb sich Harald Schmidt den Ehrentitel »Dirty Harry«. Als solcher wurde er anfangs vom linksliberalen Establishment tatsächlich geschmäht, war einige Zeit lang heftig umstritten, setzte sich schließlich durch, auch im linksliberalen Milieu – dieses gehört zu den am schnellsten lernenden Gruppen –, und wurde ab ungefähr dem Jahr 2000 vergottet von der »Generation Golf«. In dem gleichnamigen Buch erzählte Florian Illies, wie sich die Kinder der Alt-Achtundsechziger an ihren Eltern, Lehrern, Professoren und deren Gutmenschentum abarbeiteten.

Die schwarze Pädagogik hätten die Achtundsechziger zwar abgeschafft, dafür aber die moralgetränkte Zeigefingerpädagogik eingeführt. Und so mussten die armen Kinder der Achtundsechziger die geschlechtsneutrale Schreibweise erlernen, sich die Warnungen vor dem Atomkrieg, vor Atomkraftwerken, vor dem Waldsterben, vor dem unbegrenzten Wachstum und vor dem Weltuntergang anhören und sich jedes Jahr aufs Neue im Geschichtsunterricht mit den Nazis beschäftigen. Jeder von ihnen sei im Lauf seines Schülerlebens durch mindestens drei Konzentrationslager geschleift worden, klagten sie.

Erwachsen geworden, versuchten sie sich der Achtundsechziger zu entledigen, was nicht schwerfiel, denn diese mussten ihre Machtpositionen wegen Erreichung der Altersgrenze sowieso räumen. Die Lücken füllte die Generation Golf. Nun hätte es eigentlich gereicht mit dem Kampf gegen PC, naives Gutmenschentum und linke Sozialromantik, denn der Kampf war längst gewonnen. Das Einzige, was von PC noch übrig ist, sind Lehrstühle für Gender Studies und die nervtötenden Anrede-Dopplungen in Politikeransprachen – »liebe Wählerinnen und Wähler …« Aber die Wortführer der Generation Golf hauen weiter wie wild auf den am Boden liegenden Gutmenschen ein.

Gerade eben noch, im Jahr 2009, beschrieb Jan Fleischhauer in seinem Buch Unter Linken noch einmal, was ein Jahrzehnt zuvor Illies schon erschöpfend beschrieben hatte: die manchmal etwas wunderliche Eigenart sozialdemokratischer Elternhäuser – offenbar nicht ahnend, dass Eltern auf ihre Kinder immer wunderlich wirken und man genauso gut die Wunderlichkeiten konservativer Elternhäuser karikieren könnte. Man würde sich gern auf die Bücher freuen, die demnächst von den Kindern der Neocons geschrieben werden, nur: Die wird es wohl nie geben. Die Inbrunst, mit der die Kreuzritter Ehe und Familie verklären, steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Reproduktionsrate.
Seite 1 2
Christian Nürnberger,

59, Träger der Silbernen Ehrennadel für 40 Jahre »Leiden an der SPD«, ist oft als Gutmensch beschimpft worden. Das Wort perlt an ihm ab, seit er weiß, dass es von den Nazis kommt, also eine Bösmenschen-Schöpfung ist.

  • Gesellschaft/Leben

    Wovon die Leistung von Schülern abhängt

    Warum tricksen manche Eltern, damit ihre Kinder auf eine andere Grundschule kommen? Unser Autor hat verfolgt, wie sich die Klassen an zwei sehr unterschiedlichen Schulen in Berlin-Kreuzberg entwickeln.

    Von Patrick Bauer
  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    Ist es ein Verbrechen, nackt zu sein?

    Über fünfzigmal wurde der britische Nacktwanderer Stephen Gough bereits verhaftet. Ist er ein spinnerter Exzentriker oder doch, wie er selbst glaubt, eine Art Freiheitskämpfer?

    Von Johannes Waechter
  • Gesellschaft/Leben

    Wie es sich anfühlt, ein Flüchtling in Deutschland zu sein

    Über Flüchtlinge diskutieren meist Menschen, die selber nie Flüchtlinge waren. Unsere Autorin kam als Kind 1992 in ein deutsches Asylbewerberheim. Dort erlebte sie Gewalt, Ausgrenzung und mangelnde Integrationswillen. Was denkt sie über die Flüchtlingskrise des Jahres 2016?  

    Von Alexandra Rojkov