Gesellschaft/Leben | Heft 38/2007

Betr: Sitten

E-Mails, Handy und Internet ruinieren unsere Umgangsformen. Und das ist das Beste, was uns passieren kann.
Von Adriano Sack 
Als Friedrich der Große nach Jahren der Trennung 1763 seine Frau Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern wiedertraf, begrüßte er sie mit den Worten: »Madame sind korpulenter geworden.« Schlechtes Benehmen gehörte stets zum kommunikativen Repertoire der Menschheit, und auch seine Grundkomponenten sind zeitlos: mangelnder Respekt, Unaufmerksamkeit und, wie im Falle des preußischen Monarchen, als Ehrlichkeit verkleidete Gemeinheit.

Trotzdem sind die Manieren, auf die sich eine Gesellschaft einigt, Gradmesser dafür, in welcher Aufstiegs- oder Zerfallsphase sie sich befindet und welche Ängste sie umtreiben. Das gilt auch für das Zeitalter, in dessen Startphase wir uns befinden: die Digitalmoderne. Wir können mit Milliarden von Menschen fast in Echtzeit kommunizieren, wir können uns jederzeit der Öffentlichkeit mitteilen, wir können per Handy im Minutentakt Beiträge auf Blogs wie Twitter.com schreiben oder Fotos, Videos, ausgewählte Filmschnipsel in die Kommunikationsmaschine Internet einspeisen, in der Hoffnung, dass jemand all dies – also uns – wahrnehme, kommentiere, weitersende.

Dass der technische Fortschritt auch verhaltenspsychologische Umwälzungen mit sich bringt, liegt auf der Hand. Und deshalb stellen sich auch ganz neue Benimmfragen. Wie etwa hilft man einer Frau in den Mantel, die gerade in ihr Mobiltelefon spricht? Wie reagiert man auf eine Kündigung per SMS? Wie muss man damit umgehen, wenn man während eines wichtigen Telefonats »weggedrückt« wird? Ist es moralisch in Ordnung, die Gäste eines Abendessens zu googeln?
Vieles, was bisher als guter Stil galt, scheint sich von selbst abzuschaffen. So sind Geschäftsleute, die in den Großraumwaggons der deutschen Bahn in ihr Multifunktionshandy schreien, das soziale Feindbild der letzten Jahre geworden: Sie verkörpern die rücksichtslose Beschlagnahmung des öffentlichen Raums und die Hybris des Anfängers, der mit technischem Gerät angeben will.

Die gleiche emsige Unbeholfenheit ist beim Umgang mit E-Mails zu beobachten: obskure Anreden (»Guten Tag, Adriano Sack«), unbedacht Weitergesandtes oder fälschlich Zurückgeschicktes, ungehemmter Antwortzwang (»Re: Re: Re: Re: Re: …«). Internet und SMS haben den Siegeszug des Englischen als internationale Geschäftssprache vollendet. Und Kürzel wie die berüchtigten Smileys befreien endgültig von dem Zwang, eindeutig zu formulieren. Mithilfe von visuellen Krücken bewegen wir uns Richtung Halbanalphabetentum. Den Rest überlassen wir dem Rechtschreibprogramm. Man könnte über diese Entwicklungen verzweifeln. Muss man aber nicht. Zerlegt man die neuen Verhaltensauffälligkeiten in Einzelteile, dann werden sie erkennbar als das, was sie sind: Signale eines Alltags, der sich radikal verbessert.

Das, was wir als lästig empfinden, sind meistens nur Kinderkrankheiten, die die Einführung neuer Medien und Spielzeuge eben mit sich bringt. Wir werden uns daran gewöhnen. Und wir werden neue Regeln finden, die sich mehr oder weniger von selbst einspielen. Wer heute zum Beispiel im Restaurant sein Handy nicht stummschaltet, handelt vorsätzlich – und muss sich dessen eben bewusst sein. Vermutlich werden kultivierte Restaurants irgendwann Handy-Ecken einrichten, für Workaholics, die ihren Mitarbeitern vorzugsweise kauend Anweisungen geben.

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