Anzeige

aus Heft 38/2007 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Betr: Sitten

Seite 2

Von Adriano Sack 


Vor allem aber wird die Digitalmoderne eine längst überfällige Entwicklung mit sich bringen: die Rationalisierung zwischenmenschlicher Beziehungen. Der lässige Dresscode der New-Economy-Milliardäre ist schon seit Jahren ein besonders augenfälliges Beispiel dafür, dass nicht mehr die scheinbar seriöse Verkleidung, sondern die Substanz zählt: auch – oder gerade – ein Mann in Cargo-Pants kann ein Unternehmen gründen, nach dem sich die Anzugträger die Finger lecken. Überkommene Umgangsformen verlieren also an Bedeutung, und das ist ja nicht das Schlechteste. Die oben erwähnte Dame, die gerade in ihr Handy spricht, während der Herr überlegt, wie er ihr in den Mantel helfen soll, wäre dann jemand, dem Geschäft oder Kommunikation wichtiger sind als die altmodische Darstellung weiblicher Hilfsbedürftigkeit.

Und noch auf einer ganz anderen Ebene verändern sich die Manieren: Zum Grundvokabular des klassischen guten Benehmens gehörte die Diskretion. Ehebruch, Alkoholismus, abweichende Sexualität – all das musste hinter blickdichten Gardinen stattfinden. Aber diese Vorstellung greift nicht mehr für eine Generation, die in den Sozialen Netzwerken des Internet Exhibitionismus längst ganz selbstverständlich als Währung für ihr steigendes Ansehen akzeptiert. Mehr als hundert Freunde findet auf MySpace nun mal nur derjenige, der Substanzielles von sich preisgibt. Wenn aber Doppelmoral von Freizügigkeit abgelöst wird, darf man dies als Forschritt sehen.»Embrace progress«, umarmt den Fortschritt, empfahl der Medienzar Rupert Murdoch, als er vor zwei Jahren MySpace erwarb, um sich in die Digitalmoderne einzuloggen. Sein Kollege Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, erklärt: »Ich halte es für stillos, eine orthografisch korrekte SMS zu verschicken. Das ist ein schnelles Medium. Die Nachrichten entstehen aus dem Moment. Das macht ihren besonderen Charme aus. « Beide haben recht. Man muss die neue Welt – und jede einzelne Software – nur richtig nutzen, dann findet man zu neuen Umgangsformen. Und damit zu einer ganz neuen, girlandenfreien Höflichkeit.
Anzeige
Der MySpace-Gründer Tom Anderson sagt: »Ich hasse es zu telefonieren. Da benutze ich lieber den Instant Messenger oder verschicke SMS. Am liebsten halte ich zu zehn Leuten gleichzeitig Kontakt.« Ist das unhöflich? Im Gegenteil. Der Mann hat eben darüber nachgedacht, welche kommunikativen Bedürfnisse er auf welche Weise erfüllen möchte. Die Digitalmoderne verdirbt vielleicht die herkömmlichen »guten Sitten«. Aber sie produziert zugleich neue. Der Tratsch in der Kaffeeecke des Büros wird ersetzt durch Instant Messages, Nachrichten in Echtzeit, damit man in den mittlerweile üblichen Großraumbüros nicht die Kollegen stört. Das persönliche Gespräch, zu dem immer auch lästiger Small Talk gehörte, findet nur noch auf beiderseitigen Wunsch statt und wird im Geschäftsleben durch kurze präzise E-Mails zeitsparend vermieden. Die Eleganz eines handgeschriebenen Briefes wird abgelöst durch die Gewandtheit, mit der man von einem Medium ins andere wechselt.

Aber keine Angst, manche Dinge werden einfach bleiben, wie sie sind: Bei gesellschaftlichen Anlässen wird auch in Zukunft derjenige, der nicht nur mit seiner Digitalkamera hantiert, sondern ein charmantes Gespräch führen kann, am Ende des Abends den besseren Sex haben. Letztlich doch ein erhebender Gedanke.

Anfang Oktober erscheint im Piper Verlag Adriano Sacks neues Buch »Manieren 2.0 – Stil im digitalen Zeitalter«.

Kommentare

Name:
Kommentar: