aus Heft 11/2011 Politik 2 Kommentare
Nett ist sie ja, ...
viel netter als gedacht. Vor allem aber ist sie keine Angeberin, sondern eine kluge Frau. Ein Porträt unserer Familienministerin Kristina Schröder.
Von Susanne Schneider
Ich dachte, ich würde sie nicht mögen, aber ich mochte sie doch. Ich wusste, man bewegt sich auf besonders dünnem Eis, misst man Politiker nicht nur an ihren Taten, sondern auch an Sympathie, die man für sie empfindet; vor allem in der Woche von Guttenbergs Rücktritt sind solche Gefühle gefährlich – und in der traf ich Kristina Schröder.
Ich dachte, sie tue mir leid, weil sie als junger Hüpfer Halt suchen muss in den großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin, dem Oberprofi Ursula von der Leyen. Ich wusste, man kann schnell und billig Punkte sammeln, wenn man sie ablehnt: blass, brav, hölzern, wenig durchsetzungsfähig. Aber es kam anders. Vor allem passierte es langsam.
Erst las ich einen Stapel an Archivmaterial über sie, na ja, da geht die Sympathiewelle rauf und runter, mehr runter. Was auch an den Politikern der anderen Parteien liegt. Monika Lazar, frauenpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, sagt, Kristina Schröder habe keine Ahnung von dem, was sie tut. Manuela Schwesig, SPD-Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, fragt sich: »Was tut Frau Schröder denn für Frauen«? Und kennt die Antwort: »Nichts«.
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Dann las ich noch mal dieses Spiegel-Interview vom letzten November, das sehr harmlos daherkam: Auch Jungs müssen gefördert werden, sagt Kristina Schröder, weil sie heute schlechter in der Schule sind als Mädchen; nein, eine Frauenquote sei nur Ultima Ratio, die Wirtschaft müsse frei handeln können ohne staatliche Vorschriften; dass Frauen immer noch im Job sehr viel besser sein müssen als Männer, um ihren Wunschposten zu bekommen; dass Frauen oft unter ihrem Perfektionismus leiden, so eben. Kennt man fast alles. Und dass es über die primären Geschlechtsmerkmale hinaus sehr wohl Unterschiede zwischen Männern und Frauen gebe. Und mit so einer Meinung ärgert sie Alice Schwarzer natürlich bis aufs Blut.
Ich bin ein Alice-Schwarzer-Fan. Seit dem offenen Brief jedoch, den Alice Schwarzer auf ihrem Emma-Blog als Erwiderung auf das Spiegel-Interview mit Kristina Schröder schrieb, bin ich kein so großer Fan mehr von ihr. Dass sie an der Ministerin nichts Gutes entdecken kann, nehme ich ihr nicht übel. Ihr Ton ist es, der ist bodenlos, diese geifernde Unverschämtheit, mit der Schwarzer über Schröder herfällt, kann ich einfach nicht mehr ertragen. Beispiel vom Ende des offenen Briefes: »Es ließe sich noch vieles sagen, Frau Schröder. Aber, darf ich offen sein? Ich halte Sie für einen hoffnungslosen Fall. Schlicht ungeeignet. Zumindest für diesen Posten. Vielleicht sollten Sie Pressesprecherin der neuen alten, so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten werden.«
Ich hab keine Lust mehr auf so ein Gekeife. Es ist so altmodisch und überholt. Und das Thema immer noch viel zu ernst.
Kristina Schröder ist nett. Ihr Berliner Büro ist es nicht. Sagenhaft zweckmäßig: Konferenztisch, Stühle. Schreibtisch, Stühle, Teppichboden. Beides, ihre Nettigkeit, die Zweckmäßigkeit ihres Büros, sind vielleicht nicht so wahnsinnig wichtig, aber wenn man schon mal in ihrem Büro sitzt, kann man das doch kurz erzählen, oder? Sie ist freundlich, klug, antwortet schnell. Ich finde, sie sagt vernünftige Sachen. Auszüge aus dem Tonbandprotokoll.
Über ihre Schwangerschaft: »Wenn ich meine Schwangerschaft öffentlich zur Schau stellen würde, würde mir das sicher zehn Popularitätspunkte bringen – aber dafür ist mir mein Privatleben zu wichtig. Mein Mann und ich haben, als wir uns vor acht Jahren kennenlernten, entschieden, unser Privatleben auch privat zu halten. Und dabei bleibt es.«
Über die Benachteiligung berufstätiger Mütter: »Frauen haben im Beruf immer noch große Nachteile, nicht nur, weil sie oft weniger Lohn kriegen für denselben Job, sondern auch, weil es sich noch jahrelang negativ auf das Gehalt auswirkt, wenn sie für Kinder eine Weile aussetzen.«
Warum sie vorläufig gegen eine Quote von Frauen in Führungspositionen ist: »Kürzlich habe ich mich mit dem Vorsitzenden eines internationalen Unternehmens unterhalten. Der hat gesagt: ›Eine Quote ist für uns überhaupt kein Problem, wir sind international aufgestellt, wir würden einfach die Frauen in unseren ausländischen Konzernteilen formal unserem deutschen Unternehmen zuordnen, das ist rechtlich wasserdicht.‹ Solche Taschenspielertricks will ich vermeiden. Mein Konzept sieht ja vor, jedes Unternehmen gesetzlich zu verpflichten, sich selbst eine Quote zu geben. Jedes Unternehmen muss sich dann an seinen eigenen Zielen messen lassen, etwa in Rankings: Wenn die Quote zu niedrig ist, muss sich der Vorstand nicht nur vor dem Betriebsrat und dem Personal, sondern auch in der Öffentlichkeit rechtfertigen.«
Über das neue Unterhaltsrecht, das Mütter dazu zwingt, ab dem dritten Lebensjahr des Kindes Teilzeit zu arbeiten: »Die Absicht dahinter war redlich. Wir wollten, dass neue Familiengründungen möglich sind, dass die Unterschiede zwischen ehelichen und unehelichen Kindern ausgeglichen werden. Aber wenn wir sehen, welche negativen Folgen das im Einzelfall für Mutter und Kind haben kann, müssen wir uns natürlich fragen: Wollten wir das?«
Und so ging das Gespräch weiter. Alles klang einleuchtend, überlegt. Vielleicht gibt es sogar gute Argumente gegen alles, was sie gesagt hat. Aber eine Sache muss auch zählen dürfen: Kristina Schröder ist keine Angeberin. Denn ich ertrage echt keine Angeber mehr. Nirgends.
Judka Strittmatter sieht das anders. Ihr Porträt der Familienministerin lesen Sie hier.
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