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aus Heft 11/2011 Gesellschaft/Leben

Heiter bis wolkig

Meike Winnemuth  Illustration: Daniel Stolle

Gewicht? Blutdruck? Klar, das können wir alles jederzeit bestimmen. Aber unsere Laune? Jetzt gibt es im Internet eine Seite, die auch die Stimmung exakt misst – und notfalls Hilfe ruft.


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Wie geht es Ihnen heute? Besser als gestern? Schlechter als vor einem Jahr? Keine Ahnung, werden die meisten Leute sagen, woher soll man das wissen? Wie will man so etwas überhaupt messen?

Jon Cousins könnte diese Frage ganz exakt beantworten. Seit 2007 zeichnet der britische Werbespezialist jeden Tag seine Stimmung auf mittels eines Online-Tools, das er extra dafür entwickelt hat und das inzwischen jeder nutzen kann: Moodscope. Newsweek listete es jüngst unter 21 Ways to Be Smarter in 2011, der englische Krimi-Autor Simon Brett nannte es eines der wichtigsten Hilfsmittel im Umgang mit seiner Depression. Das Programm besteht aus zwanzig Karten, mit deren Hilfe man verschiedene Aspekte seiner Befindlichkeit (stolz, nervös, aufmerksam, schuldbewusst, aufgebracht, inspiriert etc.) von 0 bis 3 bewerten soll – absichtlich ein wenig umständlich, so Cousins, damit man sich wirklich mal fünf Minuten am Tag Zeit für die eigene Stimmung nimmt. Am Ende wird ein Prozentwert auf einer Skala von 0 bis 100 errechnet – und damit ein weiterer Eintrag für eine psychische Fieberkurve geliefert, einen Aktienindex der guten oder auch schlechten Laune.

Cousins kam auf die Idee, als bei ihm vor einigen Jahren eine manisch-depressive Veranlagung diagnostiziert wurde. »Ich war damals in einem absolut suizidalen Zustand – und der psychiatrische Dienst der Uniklinik gab mir einen Termin in drei Monaten. Ich dachte: Wenn ich mir nicht selbst helfe, hilft mir niemand.« Jetzt kann er mithilfe der Moodscope-Charts Muster erkennen und auch die tiefsten Tiefpunkte lediglich als vorübergehende Phasen einordnen. Ausgewählte Freunde bekommen ungewöhnliche Ausschläge automatisch per Mail mitgeteilt. »Mein Freund Johnny, der in Israel lebt«, sagt Cousins, »meldet sich dann sofort bei mir. Meistens mailt er mir nur ein Fragezeichen, aber das genügt mir schon, um zu wissen: Jemand passt auf mich auf. Ich schreibe ihm dann kurz, und auch das hilft – das Problem offenzulegen, statt es in mich hineinzufressen. Wenn ich erklären muss, was los ist, sehe ich die Dinge meistens schon aus einer anderen Perspektive.« Es gehe einfach darum, zum Beobachter seiner eigenen Zustände zu werden und nicht deren Opfer zu bleiben.
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Moodscope ist nur ein Beispiel für eine neue Welle von Selbstdiagnose-Instrumenten per Internet oder iPhone-App – Barometer für den seelischen Luftdruck, für die Hochs und Tiefs im Leben. Die Programme tragen Namen wie Rationalizer, Optimism, MoodStats. Selbst das Pentagon ließ eine eigene App entwickeln: MoodTracker wird bei der Betreuung von Kriegsveteranen eingesetzt. Die Selbstbeobachtung ist für andere Lebensbereiche längst normal geworden – tägliche Gewichtskontrolle, Blutdruckmessen, Kalorienzählen, Sport-Logs auf Basis von Pulsmessern wie Polar und Geschwindigkeitssensoren wie Nike+, Ausgabenkontrolle per Haushaltsbuch. Doch wie kann man seine Laune quantifizieren? Welche Messinstrumente, welche Skalen gibt es da, sind die individuell oder einheitlich? Aber ändern sich unsere Stimmungen nicht stündlich? Minütlich? Und selbst wenn es gelänge, sie zu protokollieren – was fängt man mit diesen Daten an? Hängt die Laune nicht von unzähligen Faktoren ab, die zu einem guten Teil gar nicht der eigenen Kontrolle unterliegen?

Genau an diesem Punkt setzt eine Studie des Harvard-Forschers Matthew Killingsworth an, und genau hier beginnt es, interessant zu werden: Killingsworth zeichnet derzeit in einer Art von globalem Experiment die Befindlichkeiten von Tausenden freiwilliger Teilnehmer mit einer iPhone-App namens Track Your Happiness auf. Wer sich an der Studie beteiligt, bekommt dreimal täglich per SMS oder Mail die Aufforderung geschickt, seine augenblickliche Stimmung zu bewerten. Innerhalb von jeweils fünf Minuten beantwortet man wechselnde Fragen wie: Was machen Sie gerade? Sind Sie im Moment allein? Müssen Sie das tun, was Sie tun? Oder wollen Sie es? Wie konzentriert sind Sie dabei? Wie bewerten Sie momentan Ihre Gedanken (positiv, negativ, neutral)? Wie gut haben Sie letzte Nacht geschlafen? Wann hatten Sie zuletzt Sex?

Wer 50-mal reagiert hat, bekommt eine Auswertung, und die ist sehr erhellend. Natürlich hat man schon gewusst, dass es einem besser geht, wenn man genügend schläft und etwas macht, was man nicht tun muss, sondern tun will. Aber wenn es einem so deutlich vor Augen geführt wird, wenn zudem beispielsweise Glücksausschläge verlässlich bei der Zubereitung von Essen oder beim Reden mit anderen passieren, ist das zumindest interessant. »Meine Hoffnung ist, dass die Teilnehmer durch unsere Untersuchung etwas über sich selbst herausfinden«, sagt Killingsworth. »Nämlich welche Alltagsfaktoren unmittelbar für ihre Glücks- oder Unglücksgefühle zuständig sind.« Mit der Konsequenz, sich von den Glücksauslösern öfter mal eine Dosis zu gönnen.
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Meike Winnemuth

s Laune könnte nicht besser sein, wie sie auf ihrem Weltreise-Blog www.vormirdiewelt.de beweist. Laut Moodscope allerdings ist durchaus noch Luft nach oben: Ihr dort erreichter Bestwert lag bei 79 Prozent.

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