aus Heft 16/2011 Schule 17 Kommentare
"Das Meer ist eine einfache Methode zur Abfallentsorgung"
Im Abitur 2010 sollten bayerische Schülerinnen und Schüler die Standortvorteile japanischer Kernkraftwerke erörtern. Wir haben aus einige Antworten der Schüler angesehen - und die Musterlösung des Kultusministeriums.
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So lautete eine der Aufgaben der Abiturprüfung 2010, die bayerischen Schülern im Grundkursfach Geografie gestellt wurden:Aufgabe 2.2
Im Rahmen des Ausbaus der Energieerzeugung aus Kernkraft wurde beschlossen, die japanischen Kernkraftwerke an den Küsten, jedoch in Entfernung zu den großen Verdichtungsräumen zu errichten. Begründen Sie diese Entscheidung und stellen Sie positive Effekte für die Entwicklung der räumlichen Strukturen an diesen Standorten dar!
Hier lesen Sie eine Auswahl von Antworten, mit denen Abiturienten damals noch punkten konnten:
»Die Kernkraftwerke brauchen eine Kühlung, um die Reaktion steuern zu können und die Überhitzung zu vermindern. Wenn diese Kraftwerke an den Küsten gebaut werden, so kann das Meerwasser als Rückkühlung verwendet werden, und die Kosten für einen komplizierten Rücklauf ins Hinterland können gespart werden.«
»An der Küste musste zwangsweise gebaut werden, da nur dort genügend ebener Platz vorhanden war.«
»Da Japan durch Naturkatastrophen sehr gefährdet ist, ist der Bau von Kernkraftwerken in Entfernung zu Verdichtungsräumen sinnvoll. Des Weiteren ist die Küstenlage gut geeignet, da Kernkraftwerke viel Wasser zur Kühlung benötigen. Auch hier ist die Distanz von Vorteil, da sich das Wasser nicht nur erwärmt, sondern auch leicht radioaktiv sein kann.«
»Die Entscheidung, die Kernkraftwerke in Japan an den Küsten und nicht in den Städten zu errichten, wurde deshalb getroffen, weil ein Kernkraftwerk das Stadtbild stören würde. Außerdem sehen viele Menschen nach der Tschernobyl-Katastrophe ein solches Kernkraftwerk als gefährlich an; wenn wirklich einmal eine Katastrophe passieren sollte, liegt dieses Kernkraftwerk nicht mitten in einem Ballungsraum mit sehr vielen Menschen.«
»Der Bau von Kernkraftwerken schafft viele Arbeitsplätze, und durch die Ansiedlung, entfernt von Ballungsräumen, entlasten die Kernkraftwerke die überfüllten Städte.«
»Zum einen ist in den Ballungsräumen für riesige Anlagen wie ein Kernkraftwerk wenig Platz vorhanden, sodass eine Ansiedlung an anderen Orten unvermeidbar ist. Zum anderen dient die Ansiedlung an anderen Orten auch in gewisser Weise dem Schutz der Anwohner und den Strukturen der Städte, welche durch eine Explosion völlig zerstört wären.«
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»Kernkraftwerke sind nicht groß, das heißt, eine geringe Fläche reicht aus.«
»Dadurch, dass Kernkraftwerke aufs Land gebaut werden und nicht in die Stadt, verbessert sich die Infrastruktur der ländlichen Gegend. Auch die Landflucht wird eingedämmt, da sich nun auch Arbeitsplätze im ländlichen Teil einrichten lassen.«
»Mit dem Bau der Kernkraftwerke in solche Regionen verbindet sich die Hoffnung auf eine positive Ausstrahlung auf andere Industrien. Und damit eine vermehrte Industrialisierung und evtl. Investitionen bzw. Ansiedeln ausländischer Betriebe.«
»Da Kernkraftwerke durch eine Explosion die Bevölkerung gefährden können, baut man sie in wenig erschlossene Küstenregionen. Da man diesen radioaktiven Abfall wieder beseitigen muss, ist es von Vorteil, die Kernkraftwerke in der Nähe der Küste zu bauen. Damit kann man den Abfall leichter außer Landes bringen.«
»Auch ist durch eine Lage an der Küste für Unternehmen, die weniger Wert auf die Umwelt legen, das Meer eine schnelle und einfache Methode zur Abfallentsorgung.«
»Des Weiteren ist es von Vorteil, wenn man die radioaktiven Stoffe und den radioaktiven Müll per Schiff entsorgen kann.«
»Zudem ist das Problem der Endlagerung auch nicht mehr so groß,
da der radioaktive Müll in Meerestiefen versenkt werden kann und kein langer Castortransport über Land nötig ist.«
»Außerdem verwendet Japan zur Aufschüttung auch den radioaktiven Müll. Somit ist das Problem der Entsorgung auch geregelt. Dies schadet aber der Umwelt und den Tieren im Wasser und ist noch nicht verbessert. Hierfür werden Lösungen gesucht.«
»Kernkraftwerke häufen sich besonders an Küsten, jedoch in weiterer Entfernung zu großen Verdichtungsräumen. Zunächst ein negativer Effekt, die Gefahr der zunehmenden Abfallprodukte der Kernkraftwerke kann das Leben im Wasser bedrohen, z. B. durch radioaktive Strahlen. Besonders Fische, die dann zum Verzehr gedacht sind, sind betroffen.«
»Durch das Kernkraftwerk wird diese Region mit Strom versorgt.«
»Jedoch: Falls es zu einem GAU kommen würde, so ist die Bevölkerung nicht geschützt, wenn sie 20 Kilometer entfernt lebt. Doch für die Bevölkerung ist es ein Gefühl der Sicherheit, wenn das Kraftwerk nicht neben ihnen steht.«
»Allerdings sind Kernkraftwerke v. a. an der Ostküste der Insel mit erheblichen Risiken verbunden, da hier die pazifische auf die chinesische Platte trifft und deswegen die Gefahr von Erdbeben bzw. Vulkanismus sehr groß ist; außerdem ist die Gefahr von Tsunamis an der Küste natürlich nicht zu unterschätzen. Deswegen müssen sich diese Kernkraftwerke in einiger Entfernung zu den Küstenstädten befinden, da die Gefahr eines Unfalls hoch ist.«
Die Musterlösung des Bayerischen Kultusministeriums lautet übrigens so:
Begründung der Entscheidung, v.a.
- Küstennähe: günstige bauliche Voraussetzungen aufgrund des flachen Reliefs und Zugang zu Kühlwasser;
- Lage außerhalb städtischer Verdichtungsräume: Vermeidung von Raumnutzungskonflikten bzw. Verringerung des Gefährdungspotenzials bei Unfällen.
Darstellen positiver Effekte, z.B.
- Verminderung räumlicher Disparitäten durch langfristig angelegte Investitionsprojekte abseits großer Verdichtungsräume;
- Verbesserung der regionalen Energieversorgung;
- Schaffung sicherer Arbeitsplätze in strukturschwächeren Räumen, verminderte Abwanderung;
- durch infrastrukturelle Erschließung Verbesserung der Voraussetzung zur Ansiedlung von Betrieben auch aus anderen Branchen sowie Ansiedlung von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen aufgrund von Fühlungsvorteilen;
- verbesserte Investitionsmöglichkeiten der Kommungen durch bessere finanzielle Ausstattung infolge steigender Gewerbesteuereinnahmen und staatlicher Subventionen.
In Bayern gibt es, wie mittlerweile in fast allen Bundesländern, das Zentralabitur. In jedem Jahr bittet das Kultusministerium einige Schulen, Vorschläge für Abituraufgaben zu machen. Diese dienen als Arbeitsgrundlage für eine Aufgabenkommission am Bayerischen Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung. Für jedes Fach existieren eigene Kommissionen mit vier bis zwölf Lehrern verschiedener Gymnasien. Sie entwickeln über einen Zeitraum von mehreren Monaten die endgültigen Aufgaben, die vom Kultusministerium abschließend genehmigt werden müssen.
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18 Uhr 32
1. Wäre die Frage nach den Nachteilen der Kernkraft im Sinne Ihrer Argumentation dann nicht auch tendenziös?
2. Haben Kernkraftwerke wirklich keinerlei Vorteile für die Regionen, in denen sie gebaut werden? Und falls "nein" - warum werden sie dann überall gebaut? Derzeit mehr als 60 weltweit? Und warum argumentiert dann die SZ am 20.04. Seite R17, die Region um Landshut profitiere seit vielen Jahren von den Kernkraftwerken u. a. wegen Gewerbesteuern, Kindergärtenbau und 700 Arbeitsplätzen in den KKWs? Potemkin'sche Vorteile gar, erfunden von der Glühbirnenfraktion der SZ?
Es ist unbestritten, dass die Kernkraft Vor- wie auch Nachteile hat und nur ein Narr würde sich nach Fukushima für einen fortgeführten Ausbau der Atomenergie einsetzen. Aber um das geht es m. E. ja garnicht in dieser Abituraufgabe. Es geht einfach nur darum, die weltweit fast 500 mal getroffene Standortentscheidung eines KKWs im Falle Japans nachzuvollziehen. Die Vor- wie auch Nachteile behandelnde Sensibilisierung für die Thematik im Rahmen des Unterrichts ist durch den für alle Schulen zwingend vorgegebenen Lehrplan sichergestellt: "Die Schüler erfahren im Rahmen der Behandlung Japans, dass forcierte Industrialisierung mit ökologischen Risiken verbunden ist."
Und schließlich mal im Ernst - unterschätzen wir die bayerischen Abiturienten nicht etwas, wenn wir glauben, eine Prüfungsfrage nach den regionalökonomischen Vorteilen eines Kernkraftwerksbaus würde sie zu Befürwortern der Kernkraft machen? Das wäre geradezu lächerlich. ...und würde mich ernsthaft zittern lassen, welchen Effekt dann erst die Lektüre des oben zitierten Artikels einer der renommiertesten Tagseszeitungen Deutschlands auf die jungen, durch das Informationsdargebot im Internet wohl hoffnungslos korrumpierten Köpfe haben könnte...
16 Uhr 06
Man kann immer durch eine tendenziöse Fragestellung auch Meinungen beeinflussen. Die Art, wie die Frage gestellt wird, und auch die Richtlinie, nach der bewertet werden sollte (die übrigends sicher nicht alle Lehrer einfach ignorieren) stellt, auch wenn sie es raffinierterweise nicht selbst zum Inhalt macht, Kernenergie dank der positiven Effekte in einem positivem Licht dar. Man kann sie also hier auch so lesen: Es gibt gute Gründe Kernkraftwerke in Küstenregionen zu bauen, und wenn man sie dort baut, hat es viele positive Effekte auf die Region. Wer hier keine Tendenz sieht, dem ist auch nicht zu helfen.
10 Uhr 26
Auf Grund der hier abgegebenen Kommentare wundert mich das wesentliche PISA-ergebnis (Verbesserung des Leseverständnisses) nicht mehr.
09 Uhr 28
Die japanischen Atomkraftwerke wurden mit Bedacht an den Küsten errichtet.
Es wäre jedoch noch vorteilhafter, die Atomkraftwerke auf große schwimmende Pontons zu errichten, wobei die Pontons mit großen Stöpseln versehen sind. Im Fall eines Gaus könnten die Stöpsel schnell entfernt werden und das Atomkraftwerk zügig absaufen. Kühlung und Entsorgung sind damit garantiert. Die Kraftwerksruine müßte nicht mehr kostenintensiv abgebaut werden, da sie schon aus dem menschlichen Blickfeld verschwunden wäre. Schwimmende Pontons weit vor der Küste würden durch einen Tsunami nicht in Mitleidenschaft gezogen, sie würden nur sanft auf der Welle angehoben und wieder niederkommen. Die Atomenergie Menschen und Fische in eine strahlende Zukunft.
18 Uhr 29
18 Uhr 27
15 Uhr 05
Hier zeigt sich das pleite gegangene Schulsystem: Dass bloß keiner abschreibt und sich Vorteile erschleicht, alles unter Kontrolle durch die Kontrolleure! Zentrale Aufgabenstellung und Korrektur = alles im Griff. Danach werfen wir die so Geprüften, mit denen aus anderen Bundesländern (in denen die Lehrer ihre Abiturprüfungen selbst stellen und korrigieren), zusammen in einen Topf. Es lebe der Numerus Clausus in 16 Kultusministerien. Das ist schlechter Führungsstil, mit enormen Kosten für alle.
Jeder Schüler will lernen, wenn die Erwachsenen dafür das entsprechende Umfeld bereit stellen. Die Alternative wäre eine Prüfungssituation bei der kein Schüler abschreiben will und braucht, weil er selbst sein Wissen demonstrieren will, zeigen will was er kann! Um das zu schaffen, sollten wir von Grund auf (Familie ? Kindergarten) neu nachdenken. Wer will das schon.
12 Uhr 02
Nach dieser Denke wäre übrigens der Standort auf einer kleinen Insel oder einer Halbinsel ideal...
Die große Entfernung zu den Verdichtungsräumen hat auch einen Nachteil: der erzeugte Strom muss dorthin transportiert werden wo er verbraucht wird (richtig: in der großen Stadt) und dabei entstehen Leitungsverluste. Alternativ kann man direkt neben das AKW einen Betrieb bauen der viel Strom verbraucht (Aluminumschmelzwerk oder so was) was wiederum Arbeitsplätze in die strukturschwache Region bringt...
11 Uhr 39
Soweit ich es verstanden habe, ging es bei der Aufgabe um die Anwendung geographischen Wissens zur Begründung einer politischen Entscheidung, nicht um das Überprüfen hellseherischer Fähigkeiten. Hätte ein Abiturient - wie Sie schreiben - die Frage damit beantwortet, dass er aus der Tsunami/Erdbeben-Gefahr die Schlussfolgerung ableitet, es existierten keine positiven Effekte der Errichtung an den Küsten, hätte er dabei - um nur ein Beispiel zu nennen - übersehen, dass in einem naturkatastrophengefährdeten Land die Entfernung von risikobehafteter Technologie zu den Verdichtunsräumen im Katastrophenfall für Millionen von Menschen Schutz bietet. Die Bewertung der Sicherheit von Kernkraft konnte von den Abiturienten bei der Beantwortung dieser Frage nicht verlangt werden, da sie wohl eher nicht Teil des Geographie(!)-Lehrplans ist. Differenziertes Denken ist meiner Meinung nach gerade, Entscheidungen anderer nachvollziehen zu können, auch wenn sie einem selbst unsinning erscheinen, z.B. weil man Kernkraft ablehnt.
Zitat Carmen Kästner: "Der Unterricht in Physik hat da ja wohl auch nicht die Füchte getragen, die man bei Pisa gerne ernten würde."
Bayerische Schüler erzielten in der PISA-Studie im Jahr 2006, in der schwerpunktmäßig naturwissenschaftliche Kompetenzen geprüft wurden, einen Gesamtscoremittelwert von 533 und waren damit punktgleich mit Kanada, dem drittplatzierten Land im Gesamtranking der OECD-.Staaten. Dies könnte man durchaus als "Früchte" des Unterrichts sehen. Wenn man die PISA-Studien schon ständig bemüht, sollte man sie auch verstanden, mindestens aber gelesen haben.
10 Uhr 13
Dann hätte er angesichts der traurigen Realität zu 100% richtig geantwortet. Wäre aber möglicherweise mit einem "ungenügend" im Sinne der Aufgabenstellung bewertet worden. Sollte uns das zu Denken geben und Anlass zur Veränderung sein, oder machen wir einfach 'fröhlich' so weiter indem wir uns in Kultusministerien neue Zentral-Musterlösungen ausdenken und Abiturienten zumuten so einen Quatsch zu beantworten? Es gibt doch sicher bessere Ideen um differenziertem Denken Ausdruck zu verleihen Herr Spaenle!