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aus Heft 17/2011 Gesellschaft/Leben

Ein Job zum Davonlaufen

Christoph Cadenbach und Max Fellmann  Fotos: Gerrit Hahn, Christoph Binder, Julian Röder, dpa, ddp

Früher waren die Fronten klar: links die Demonstranten, rechts Staatsgewalt und Bürgertum. Aber seit auch CDU-Wähler gegen Bahnhöfe und Atomkraft protestieren, haben die Polizisten nur noch Gegner. Und in zwei Tagen ist der 1. Mai. 

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Manchmal wirft sogar jemand Urinbeutel nach ihnen. Sie werden bespuckt. Geschubst. Getreten. Geschlagen. Beschimpft sowieso, als »Schwein« oder mit: »Hopp, hopp, hopp – Schweinchen im Galopp«. Olaf Heinze und Sven Kaiser kennen das alles, es gehört zu ihrem täglichen Geschäft. Sie sind Beamte der Berliner Bereitschaftspolizei.

Ihr Job ist es dazwischenzugehen, wenn sich Hooligans prügeln oder Hells Angels oder arabische Großfamilien. Sie selbst sagen, sie seien so etwas wie die Feuerwehr der Polizei, sie rücken an, wenn es den Streifenbeamten zu heiß wird. Ihre echten Namen möchten sie nicht in der Zeitung lesen, aus Angst um ihre Familien und sich selbst. Bei Demonstrationen stehen sie in der ersten Reihe, mit Schutzhelm und 18 Kilo Brust-, Schienbein- und Ellenbogenpanzer am Körper. Sie sehen dann ziemlich martialisch aus, eher wie Soldaten als wie Wachtmeister. Aber Olaf Heinze und Sven Kaiser sagen, es muss sein, schließlich würden sie reichlich mit »Steinen und Flaschen eingedeckt«.
 
Olaf Heinze hat es vergangenes Jahr im Juni so schwer erwischt, dass er sich in den Innendienst versetzen ließ: Auf einer Demonstration gegen die Sozialpolitik der Bundesregierung hatte es Rangeleien mit dem »relevanten Block« gegeben, wie Polizisten die Autonomen nennen. Sie waren gerade in die Torstraße eingebogen, irgendjemand hatte dort eine schwarz-rot-goldene Fahne an seinen Balkon gehängt. Die Demonstranten riefen: »Nie wieder Deutschland«. Dann explodierte ein Böller, und Olaf Heinze bekam den Auftrag, den relevanten Block nun »eng zu begleiten«. Die Autonomen schubsten und drängten, die Polizisten schubsten und drängten. So, wie es immer ist. Dann landete plötzlich ein rauchender, tennisballgroßer Gegenstand zwischen Olaf Heinzes Beinen. Piff, paff – und zwei Sekunden später machte es: buumm! Die Zeitungen schrieben damals tagelang von einem »Bombenanschlag« und einem »Comeback des linken Terrors«, aber es war wohl ein aufgemotzter Böller, der da explodierte.
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Die Wunden an seinen Beinen hat Olaf Heinze mit der Handykamera dokumentiert: Risse, Verbrennungen und Splitter, die ins Fleisch geschossen sind. »Der eine saß acht Zentimeter tief«, sagt er und zeigt auf sein Handy. In dem American-Football-Trikot, das er trägt, wirkt der 48-jährige, drahtige Mann noch etwas fremd in seinem neuen Büro.

Sein Kollege Sven Kaiser, 42 und einen Kopf größer als Heinze, war beim letzten Castor-Einsatz dabei, als 50 000 Menschen im November im Wendland tagelang die Züge mit den Atommüllbehältern aufhielten. Kaisers erste Schicht dauerte 24 Stunden, die meiste Zeit in der Kälte am Gleis. Dann sollten sie schlafen, in einer Turnhalle mit hundert anderen. Vor der Tür landete alle paar Minuten ein Hubschrauber. Dann wieder raus in den Wald, 15 Stunden, ohne Toiletten. »Die Demonstranten haben uns beim Pullern gefilmt«, erzählt er.

Wer Sven Kaiser und Olaf Heinze eine Weile zuhört, möchte vor allem eins: kein Polizist sein. Und der Job wird immer gefährlicher, sagen Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Sie haben vor Kurzem eine Studie veröffentlicht, Ergebnis: 90 Prozent der bundesweit rund 21 000 befragten Polizisten wurden im Laufe eines Jahres mehrmals beleidigt oder bedroht, jeder zweite wurde gestoßen oder geschubst, jeder vierte geschlagen oder getreten. Besonders stark zugenommen haben die schweren Verletzungen, nach denen Polizeibeamte mindestens sieben Tage dienstunfähig waren – im Vergleich von 2005 bis 2009 um gut 60 Prozent. Viele Polizisten fühlen sich als »Prügelknaben der Nation«, so das Fazit der Forscher, und besonders bei Demonstrationen haben Polizeibeamte das Gefühl, ausbaden zu müssen, was die Politik versäumt hat.

Passend dazu hat im April der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eine Untersuchung zur Entwicklung politisch motivierter Kriminalität vorgelegt. Auch darin wird die Gewalt gegen Polizisten thematisiert: wurden 2009 rund 2200 Straftaten gezählt, bei denen Polizisten verletzt oder deren Autos oder Reviere demoliert worden sind, waren es 2010 fast 2900 – also ein Drittel mehr, was vor allem daran liegt, dass es vergangenes Jahr so viele große Demonstrationen gegeben hat.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, wollte nach dem Castor-Einsatz sogar einen Bundesligaspieltag absagen, weil seine Kollegen ausgezehrt und überlastet seien. Im Kopf sind noch die Bilder von der Love Parade, als eine Handvoll Beamte Zehntausende Menschen davon abhalten sollten, in den Tunnel zu gehen. 21 Menschen starben, und bis heute wird gestritten, wie viel Schuld die Polizei daran trägt.

Dann war da natürlich noch Stuttgart: monatelang Demonstrationen, Wutbürger, Wasserwerfer, Verletzte. Für Andreas Feß hat sich der Job in einen Albtraum verwandelt. Er ist der Leiter des Stuttgarter Polizeireviers 2, in seinem Gebiet liegt der Bahnhof, über den so erbittert gestritten wird. Feß, 38, sitzt in seinem Büro mit Blick über die Stadt, Uniform, zwei Sterne auf der Schulter, er seufzt. »2010 war das schlimmste Jahr meines Berufslebens. Die Grenze des Erträglichen ist überschritten.«

Das größte Problem war für ihn und seine Leute, dass sie bei den Demonstrationen auf einmal die Menschen vor sich hatten, von denen sie eigentlich immer glaubten, sie seien auf Seiten der Polizei. Da stand kein autonomer Block, keine alternative Welt – da standen Akademiker, Lehrer, Ärzte, CDU-Wähler. »Man hatte plötzlich gut situiertes Bürgertum vor sich, von denen manche leider nicht wussten, wo die Grenzen des Protests verlaufen«, sagt Feß. »Und dann muss man so einen festnehmen, weil er nun mal gegen geltendes Recht verstößt.«

Das ist eine neue Dimension: Was tun, wenn gerade die, für die man die Drecksarbeit zu machen glaubt, konservative Bürger, sich gegen einen wenden? Nichts ist mehr, wie es war. Vergangenes Jahr setzte sich Wolfgang Thierse, immerhin der Vizepräsident des Bundestags, medienwirksam auf die Straße, um eine Nazi-Demo in Berlin zu verhindern. Der Mann hatte in der Sache natürlich völlig recht, aber die Polizisten brachte er in eine Zwickmühle: Die hatten den Auftrag, das verfassungsgemäße Recht zu demonstrieren durchzusetzen, auch wenn die Demonstranten von der NPD sind. Dazu gehörte es, dass die Polizisten einen der höchsten Repräsentanten des Systems, das sie schützen sollen, aus dem Weg schaffen mussten. Thierses Verhalten empört viele Beamte bis heute, denn er ließ die Polizei schlecht aussehen.

Feß sagt, er sei »frustriert, ganz klar«. Und dann schiebt er noch ein Beispiel aus dem Alltag hinterher: »Der Mangel an Respekt macht uns zu schaffen. Ich stehe in Uniform an der Fußgängerampel – und da gibt es Menschen, die bei Rot direkt an mir vorbei über die Straße laufen. Da fällt mir nichts mehr ein. Das wäre doch vor zehn, 15 Jahren undenkbar gewesen! Das kränkt mich.«

Respekt, bei dem Stichwort geht es im Grunde um zweierlei: Das eine ist der schwindende Respekt vor der Amtsperson. Das andere ist der schwindende Respekt vor dem Menschen, der da in der Uniform steckt. Die Frage ist: Wie fühlt sich einer, der in seinem Job von immer mehr Menschen mit nichts als Misstrauen und Arroganz behandelt wird?

Das kann einem Rafael Behr erklären. Behr war selbst Polizist, 15 Jahre lang, studierte dann Soziologie und promovierte über Männlichkeit und Handlungsmuster in der Polizeikultur. Heute lehrt er an der Polizeiakademie Niedersachsen und bildet Führungskräfte aus. Behr, 53, ein kräftiger Mann mit dröhnendem Bariton, sagt: »Gerade jüngere Polizisten sehen sich inzwischen immer mehr in der Defensive. Nur unter ihresgleichen fühlen sie sich wirklich sicher.« In Verbindung mit Wutbürgern eine ungute Mischung, da schaukelt sich was hoch: Die Beamten werden misstrauischer, die Bürger auch, beide Seiten stehen sich von Tag zu Tag abweisender gegenüber. Eine Spannung, die in manchen Großstadtvierteln schon Normalität ist. Da sehen Polizisten in jedem türkischen oder arabischen Jugendlichen einen potenziellen Drogendealer, und jeder Polizist wird nur noch als »Scheißbulle« beschimpft. »Besonders in sozialen Brennpunkten fühlen sich viele Beamte wie Underdogs«, sagt Behr. »Es ist kein Wunder, dass von jungen Polizisten oft Figuren wie Rambo als Vorbild genannt werden, einsame Kämpfer. Diese Sicht erleichtert das Selbstverständnis. Viele denken: Wir sind die Grenzhüter der Nation, wir bewachen die Grenze zwischen Arm und Reich. Das muss man erst mal aushalten.«
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Christoph Cadenbach und Max Fellmann

lasen neulich im »Berliner Tagesspiegel«, dass am Rande einer Kundgebung der NPD ein Bereitschaftspolizist einen Kollegen in Zivil mit Pfefferspray attackierte, weil er ihn für einen Autonomen hielt. Demonstranten sind also nicht immer schuld, wenn sich Polizisten auf Demonstrationen verletzen.