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aus Heft 18/2011 Gesellschaft/Leben

Mr. und Mrs. Botox

Bernadette Calonego 

Vor zwanzig Jahren entdeckte der Hautarzt Alastair Carruthers zusammen mit seiner Frau die faltenglättende Wirkung von Botox. Die Entdeckung änderte die Welt. Das spätere Milliardengeschäft der Kosmetikindustrie ging an dem Paar spurlos vorüber. Doch darüber können die beiden nur milde lächeln.

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SZ-Magazin: Sie haben mindestens eine herbe Enttäuschung im Leben weggesteckt. Aber man sieht Ihnen nichts an. Weil Sie sich beide mit Botox behandelt haben?
Jean Carruthers:
Ich habe mein Gesicht vor elf Jahren liften lassen und ich glätte meine Falten mit Botox, ich bin da sehr offen. Als kosmetische Ärzte müssen wir gut aussehen, weil wir das Produkt anwenden, das wir verkaufen. Aber ich finde, uns sind die Freuden und Sorgen anzusehen, die uns das Leben beschert hat. Botox sollte die Fähigkeit des Individuums, sich auszudrücken, nicht einschränken.
Alastair Carruthers: Welche Enttäuschung meinen Sie überhaupt?

Sie beide haben 1991 als Erste die faltenglättende Wirkung des Nervengifts Botox wissenschaftlich beschrieben. Aber Sie haben sich die Behandlung nicht patentieren lassen.
Alastair Carruthers:
Ja, wahrscheinlich würden wir es heute ein bisschen anders machen.

Ein bisschen anders? Sie haben Milliarden verschenkt!
Jean Carruthers:
Ein Patentanwalt in Toronto sagte mir damals, dass die kosmetische Behandlung mit Botox kein Patent rechtfertige. Heute würde ich einen zweiten und dritten Anwalt konsultieren.

Eine krasse Fehleinschätzung des Anwalts. Tragen Sie ihm das nach?
Jean Carruthers:
Nein, wir haben so viel Spaß an unserer Arbeit, mit oder ohne Patent.

Hätten Sie sich irgendwie an der Botox-Produktion der Firma Allergan beteiligen können?
Jean Carruthers:
Nicht ohne unsere akademische Unabhängigkeit aufzugeben, und das möchten wir keinesfalls.
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Kaum zu glauben, dass Sie das so gelassen wegstecken.
Jean Carruthers:
Warum sollen wir in der Vergangenheit stecken bleiben? Wir haben in den zurückliegenden Jahren viele andere Dinge gemacht. Wir haben eine gut laufende Praxis in Vancouver und publizieren Forschungsberichte. Und wir wollen auch ein ganz normales Leben führen.

Frau Carruthers, Sie wirken für eine 62-jährige gebotoxte Frau erstaunlich natürlich.
Jean Carruthers:
Danke für das Kompliment.Die Schauspielerin Katharine Hepburn hat Sie, Herr Carruthers, »sehr gutaussehend« genannt.

Wozu brauchen Sie Botox?
Alastair Carruthers:
Ich habe nur meine senkrechten Stirnfalten verschwinden lassen, sie können beim Mann bedrohlich wirken. Die waagrechten Linien dagegen signalisieren Neugier und Anteilnahme. Ich habe mir auch Botox in die Achselhöhlen spritzen lassen, um die Schweißbildung zu verhindern, weil wir viele Vorträge halten. Das war zwar unangenehm, aber die Mühe wert!

Botox ist das tödlichste Gift, das der Welt bekannt ist, richtig?
Alastair Carruthers:
Richtig, aber Botox ist ein Fragment eines Proteins, und bei einer kosmetischen Behandlung bekommt man ein bis drei Milliardstel eines Gramms verabreicht. Kein Problem für den Körper.

Manche Leute werden Botoxsüchtig.
Alastair Carruthers:
Botox macht süchtig, wie man süchtig nach Zähneputzen werden kann, weil es das gewünschte Resultat liefert. Es macht nicht süchtig im chemischen Sinn.

Und die Nebenwirkungen? Manche Mediziner sagen, Botox schade dem Gedächtnis.
Jean Carruthers:
Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Informationen dafür. Aber es gibt solide Forschungsresultate, die Botox mit Stimmungsaufhellung in Verbindung bringen, vor allem für Leute, die unter Depressionen leiden.

Wie haben Sie die faltenglättende Wirkung von Botox überhaupt entdeckt?
Jean Carruthers:
Es war eine eher zufällige Beobachtung: Ich habe damals, wie viele andere Augenärzte auch, Botox als Neuromodulator gegen Probleme wie unkontrolliertes Zucken der Augenlider oder zwanghaftes Blinzeln eingesetzt.

Was ist ein Neuromodulator?
Jean Carruthers:
Eine chemische Substanz, die die Arbeitsweise des Nervensystems beeinflusst. Eine Patientin sagte, wenn ich ihr Botox in die Stirn injizierte, würden die Falten verschwinden.
Alastair Carruthers: Am nächsten Tag war es sehr hektisch in der Praxis und nachmittags sah die Empfangsdame ziemlich gestresst aus. Jean sprach mit ihr, und, zack, zack, sah die Empfangsdame ganz entspannt aus!

Wie: zack, zack?
Jean Carruthers:
Oh, ich habe ihr Botox gespritzt.

Sie hat sich mal eben, wie ein Versuchskaninchen, Botox spritzen lassen?
Jean Carruthers:
Ja, aber in einer extremen Verdünnung, das dürfen Sie nicht vergessen. Meine Angestellte war kein bisschen besorgt – ich behandelte unkontrolliertes Augenzucken schon seit Jahren mit Botox.

Haben Sie Botox gleich an Ihren eigenen Falten ausprobiert?
Jean Carruthers:
Aber ja doch. Ich kann von mir sagen, ich habe die Stirn seit 1987 nicht mehr gerunzelt!

Haben Sie sich damals vorstellen können, wie Botox einschlagen würde?
Alastair Carruthers:
Man weiß es nicht wirklich, bis es eintrifft. Wir konnten die fantastische Wirkung von Botox an Patienten beobachten. Aber wir haben nicht geahnt, dass einst Krankheiten wie Depression, Migräne und andere Schmerzsyndrome damit behandelt würden.
Jean Carruthers: Es ist eine Revolution. Botox ist wirklich genial. Nicht nur, weil es keines chirurgischen Eingriffs bedarf. Man muss auch niemandem verraten, dass man etwas hat machen lassen. Es ist absolut diskret.

Was ist das für ein Gefühl, die Welt verändert zu haben?
Jean Carruthers:
Wir sind stolz, dass es so vielen Menschen hilft. Und es ist schön, dass sich etwas Positives mit unserem Namen verbindet.
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Bernadette Calonego

findet, dass es Frauen gibt, denen Falten wirklich stehen: Vanessa Redgrave zum Beispiel oder Annette Bening. Und es gibt Falten, die den meisten Leuten nicht so gut stehen, die aber erst durch Botox möglich werden. Relativ bekannt ist das sogenannte »frozen face«, dem jede Mimik fehlt. Nicht ganz so bekannt ist das »fat face«: Vor lauter Botox sieht man ganz verquollen aus.

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