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aus Heft 20/2011 Internet

Anonymous

Till Krause  Fotos: Thomas Rabsch, Rick Friedman

Unter diesem Namen macht eine lose Gruppe von Computerfreaks seit Jahren das Internet unsicher: Mail-Angriffe, gehackte Seiten, lustiger Unfug. Doch irgendwann wurde das Netzwerk zu mächtig, heute greift es in Gesellschaft und Politik ein - und keiner weiß, wohin das alles führen soll. Die Geschichte einer Organisation, die nie eine Organisation sein wollte.



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Montag, der 27. Dezember, kurz nach 18 Uhr, in einem Internetchat namens Operation_BOA. Die Abkürzung steht für Bank of America; die Aktivisten des Onlinekollektivs Anonymous wollen die Webseite der Bank heute zum Absturz bringen. Ein Koordinator heißt »Tony the Tiger«, er gibt im Chat das Kommando: »FIRE FIRE FIRE Target URL: 171.159.192.15 PORT 443«. Die Webseite soll mit einer Software namens Low Orbit Ion Cannon angegriffen werden, deren eigentlicher Zweck darin besteht, die Leistungsfähigkeit von Servern zu testen. Aber wenn sich genügend Mitstreiter finden, die mit dieser Software eine bestimmte Webseite immer wieder aufrufen, bricht sie unter dem unerwarteten Ansturm irgendwann zusammen und ist vorübergehend nicht mehr erreichbar.

Die Aktion hat ein Nutzer mit dem Pseudonym »Zarly« am 18. Dezember in einem Anonymous-Forum angeregt. Ein paar Tage zuvor hatten die Aktivisten die Seiten von Mastercard und Visa »abgeschossen«, Zeitungen in aller Welt berichteten darüber. Den Angriffen lag dasselbe Motiv zugrunde wie der Operation_BOA: Die attackierten Firmen hatten sich geweigert, Geldspenden an das Enthüllungsportal Wikileaks weiterzuleiten. Um 19.11 Uhr, eine Stunde, nachdem der Angriff begonnen hat, meldet Tony the Tiger: »Bank of America ist abgeschossen! Feuert weiter!« Ein paar Sekunden später schreibt »MrFungi«: »Anonymous hat gewonnen.«

Wer steckt hinter Anonymus? Teenager in New York, Studentinnen aus München oder Hacker aus Shanghai? Alles möglich. »Nenn dich Anonymous, und du bist Anonymous, so einfach ist das«, sagt ein 17-jähriger Schüler aus Niedersachsen, der beim Angriff auf die Bank of America dabei war, »ich war noch nie bei einer Demonstration, bin in keiner Partei, aber kann mich hier engagieren, ohne irgendwo beitreten zu müssen.«
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Anonymous hat den Protest im Internet so einfach gemacht wie das Herunterladen von Songs. Man muss kein Hacker sein, um bei den Cyberattacken mitzumachen. Auch deshalb ist das Kollektiv binnen eines halben Jahres von einer kaum beachteten Computer-Subkultur zu einem weltweiten Phänomen angewachsen, alle paar Tage gibt es neue Ziele: Im Dezember waren es die Wikileaks-Gegner, im Februar die Regierungen in Tunesien und Ägypten, weil dort Blogger verfolgt wurden. Anfang Mai riefen ein paar deutsche Anonymous-Aktivisten dazu auf, die Server von Neonazis anzugreifen. Zuweilen verlegen Anonymus-Mitglieder ihren Protest sogar auf die Straße, wenn es etwa gegen die Scientologysekte geht. Aber auch in der realen Welt bleiben die Demonstranten anonym, sie verbergen ihre Gesichter hinter Masken aus dem Film V for Vendetta.

Das Anonymous-Logo, ein Mann im Anzug, der statt eines Kopfs nur ein Fragezeichen trägt, ist längst eine Ikone der Popkultur. Gerade deshalb stellt sich nun die Frage: Etabliert sich Anonymous als ernsthaftes Aktivistennetzwerk oder implodiert die lose Gemeinschaft genauso schnell, wie sie entstand? Es gibt niemanden, der die Frage verbindlich beantworten könnte. Denn Anonymous ist, wie der Name schon andeutet: anonym. Und sehr verstreut. Es gibt viele kleine Gruppen, die unter dem Markennamen Anonymous ihre eigenen Aktionen starten, manche sind politisch motiviert, andere handeln aus reiner Lust am Chaos. Bisher wird auch niemand von den Aktivisten als Anführer anerkannt, es gibt kein klares Ziel, nichts. Das macht das Netzwerk so faszinierend, aber auch so schwer greifbar: Wer Anonymous verstehen will, das Kollektiv ohne Gesicht, muss sich auf Mitglieder des Netzwerks verlassen, die bereit sind, über ihre Erfahrung mit jenem Kollektiv zu sprechen.

Gregg Housh ist einer der wenigen Insider, die ihren Namen nennen. Warum? »Ich beobachte Anonymous nur noch.«

Gregg Housh, ein 34-jähriger Programmierer aus Boston, zählt zu den prominentesten Köpfen von Anonymous. Er ist seit den Anfangstagen dabei und gut vernetzt im Kollektiv. Die Ziele von Anonymous beschreibt er so: »Sie sind eine Armee, die gegen Zensur im Internet kämpft – und sich mit jedem anlegt, der sich ihnen in den Weg stellt.« Er betont immer wieder, dass er nicht als ihr Sprecher gelten will, weil das gegen die Regeln des Netzwerks verstoße. »Anonymous funktioniert nur, wenn niemand weiß, wer dahintersteckt«, sagt er. Sonst verliert das Kollektiv seine schärfste Waffe: die Anonymität, die Unberechenbarkeit. Denn die Aktionen selbst sind weniger bedrohlich, als sie auf den ersten Blick wirken: Die Angriffe auf Webseiten sind eher symbolisch, nach ein paar Stunden ist die lahmgelegte Seite meist wieder erreichbar. Aiko Pras, Informatikprofessor an der Universität Twente in Enschede, hat die Aktionen von Anonymous untersucht und sagt: »Es ist wie ein virtueller Sitzstreik: Man blockiert den Eingang, bis keiner mehr durchkommt. Teilweise waren bis zu 2000 Leute an den Angriffen beteiligt«. Die Kulturwissenschaftlerin Gabriella Coleman von der New York University sieht in Anonymous eine der interessantesten Widerstandsbewegungen der vergangenen Jahre. »Hier arbeiten Leute zusammen, die fast nichts voneinander wissen – über Länder- und Glaubensgrenzen hinweg«, sagte sie im April bei der Bloggerkonferenz re:publica in Berlin.

So unterschiedlich die Teilnehmer der Anonymous-Aktionen auch sein mögen – sie haben eine gemeinsame Bildsprache entwickelt, die sich hinter den Werbebotschaften großer Konzerne nicht verstecken muss: die Masken. Das Logo. Und der Slogan, den sie nach jeder Aktion auf einem Bekennerschreiben hinterlassen: »Wir sind Legion. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Rechnet mit uns.« Viele Zeitungen schreiben wegen dieser recht martialischen Rhetorik vom Cyberkrieg. Eine maßlose Übertreibung, die völlig übersieht, dass Anonymus auch viele Anhänger hat, die keineswegs nur Krawall suchen, sondern sich mit ernsthaften Fragen unserer Zeit beschäftigen: etwa der Zukunft der Privatsphäre im Netz oder der Freiheit von Informationen generell. Immerhin machte die einseitige Berichterstattung das Kollektiv weltweit bekannt und förderte auch sein Image: politisch aktiv, etwas seltsam, aber irgendwie auf Seiten der Unterdrückten.
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Till Krause

, 30, hat einem Aktivisten aus Griechenland Stillschweigen versprochen. Dieser hatte nämlich vergessen, seinen Namen aus einer Anonymous-Presseerklärung zu löschen, die er ins Internet gestellt hatte. Blogger haben seine Identität trotzdem herausgefunden - und nennen ihn »den dümmsten Anon aller Zeiten«.

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