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aus Heft 20/2011 Natur

Ruf der Wildnis

Thomas Bärnthaler  Fotos: Peter Langenhahn

Nach 130 Jahren wollte erstmals wieder ein Wolf in Bayern heimisch werden. Mehr als ein Jahr lang schlug er sich durch. Aber jetzt ist er verschwunden – und lässt uns mit einer Frage zurück: Wie viel Natur erlauben wir eigentlich noch?  

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Es war Heiligabend 2009, in den Stuben von Bayrischzell leuchteten die Christbäume, da nahm der Wolf sich seine erste Hirschkuh im Wald. Er musste sich nicht anstrengen. Sie fraß an einem Futterplatz und stand da wie bestellt. Der Jäger, der sie fand in ihrem Blut, hat es sofort erkannt. Den Kehlbiss. Die Spuren, groß wie Handteller.

Von Italien über Graubünden war er gekommen, sagen die Biologen, ein einsamer Wanderer, Rüde, etwa drei Jahre alt. Mehr als tausend Kilometer kann so ein Wolf zurücklegen, bis er ein Revier findet, wo es ihm gefällt. Die Gegend zwischen Rotwand und Wendelstein, nicht weit von der österreichischen Grenze, gefiel ihm. Er kam in ein Land, in dem seine Artgenossen seit etwa 130 Jahren als ausgerottet gelten und nur noch Orte wie Wolfsegg oder Wolfshausen von einer Zeit erzählen, als sie hier noch herrschten. Die Menschen waren seitdem ganz gut ohne den Wolf ausgekommen. Berg für Berg, Tal für Tal haben sie die Alpen in eine aufgeräumte Freizeitkulisse verwandelt – mit Schafen auf den Almen, Hirschen in den Wäldern und Touristen in den Fremdenzimmern. Sie alle leben hier von der Natur. Und dann kam sie plötzlich ungefragt herein, die Natur, in diese Welt. Und jetzt bekommt die Welt Risse.

Dutzende Schafe, Hirsche und Rehe hat der Wolf seitdem gerissen und einen ganzen Landstrich in Aufruhr versetzt. Dabei war er nicht mal der Erste. Mindestens einer war schon vor ihm hier, doch er blieb nicht lange. Auf einer Landstraße nahe Starnberg erfasste ihn ein Auto. Auch er kam vom Süden, aus Italien, wo der Wolf nie weg war, das ergaben die DNA-Tests. 2006 war das und war nicht weiter aufgefallen. Bayern, ja ganz Deutschland, war beschäftigt mit Bruno, dem Bären, der nur ein paar Kilometer von Bayrischzell die Almen aufmischte, bis eine Kugel ihn stoppte und wieder Ruhe einkehrte. Und jetzt streiten sie wieder, wie sie damals gestritten haben. Über die Natur und wie sie zu sein hat. Die Almbauern und die Naturschützer, die Förster und die Jäger, die Biologen und die Einwohner. Und wieder einmal die da unten gegen die da oben in München und Brüssel, die ihn unbedingt hier haben wollen, den verdammten Wolf. Dabei ist nicht mal sicher, ob er noch lebt. Nur, dass er nicht hierher gehört. Oder eben gerade doch. Je nachdem, wen man fragt.
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Der Hof von Isidor Scharmann liegt am Ortsrand von Bayrischzell, direkt am Bergfuß, wo die flachen Weidewiesen an den Wald grenzen. »Einer ist tot, das steht fest«, sagt er grinsend, »aber es sind eh mehr. Und er ist auch nicht hierher gewandert. Ausgesetzt ist er worden.« Das Thema schürt die Emotionen und bei manchem auch Misstrauen. Ein Dutzend Schafe hat Isidor Scharmann, auch Pferde und Kühe. Hühner trippeln über das Pflaster, die Schäferhündin Bella döst in der Maisonne, und aus dem Kuhstall hört man die Kuhfladen auf den Boden klatschen. Glaubt man Scharmann, der fünfzig ist, aber viel jünger aussieht und einen Schnauzer trägt, dann ist der Wolf regelmäßig um seinen Hof geschlichen. Einmal hat er einen Hirsch gerissen, keinen Steinwurf weg, das ist belegt. Deshalb sperrt Scharmann jetzt seine Tiere jede Nacht in den Stall und zählt jeden Morgen, ob noch alle da sind. Immer wieder ist er den Spuren nachgelaufen. Und dann letzten Winter: »Es war in der Früh. Der Bruder und die Mutter haben ihn zuerst gesehen. Ich wollte sofort raus, aber bis ich die Kamera gefunden habe, war er schon wieder im Wald, der Krüppel!«

Scharmanns Hof, der seit hundert Jahren in Familienbesitz ist, wirft nicht mehr viel ab, den macht er »als Hobby«. Im Winter spurt er die Langlaufloipen in der Region. Und auch dort waren Spuren: der geschnürte Trab, bei dem die Hinterpfoten exakt in den Abdruck der Vorderpfoten gesetzt werden. Typisch Wolf. Scharmann zeigt auf seinem Handy Fotos von Pfotenabdrücken im Schnee, 14 Zentimeter lang. »Der hat die Loipen wie eine Straße benutzt, der ist ja nicht blöd.«

Jetzt ist Mai, auf den Bergen schmelzen die letzten Schneezungen weg, und vom Wolf hat man seit Monaten nichts gehört. Offiziell. Die Gerüchteküche brodelt. Ein Jäger soll das Problem gelöst haben. Ob Scharmann seine Schafe heuer auf die Alm treibt, wie jeden Juli, weiß er trotzdem noch nicht. Sieben Schafe hat seine Tante gehabt, nur eins hat der Wolf letztes Jahr übrig gelassen. Da muss er abwägen. Langsam wird klar, dass für Bauern wie Scharmann der Wolf keine Vorteile bringt, aber viele Nachteile. Zwar werden vom Wolf nachweislich gerissene Schafe mittlerweile vom Staat ersetzt und das sogar mit dem doppelten Marktwert.

Doch wenn man gesehen hat, wie zärtlich einer wie Scharmann seinen Lämmern über den Kopf streichelt, wird klar, dass es hier nicht nur um Geld geht. Es geht auch um Gefühle. Vor allem aber geht es ums große Ganze: »Unsere Schafe erhalten die Almlandschaft und die Artenvielfalt«, sagt er, »und davon hängt der ganze Ort ab.« Jetzt soll er Zäune oben auf den Almen errichten oder Hirten anstellen oder gar einen Hütehund anschaffen, das sieht der »Wolfsmanagementplan« vor, auf den sich Betroffene, Behörden und Tierschützer schon lange hätten einigen sollen. Doch noch ist nicht wirklich viel passiert. Noch wird gefeilscht und gestritten. Dabei steht der Almsommer vor der Tür. Scharmann schüttelt den Kopf. »Wenn er wiederkommt, hoffe ich nur, dass einer von den Jägern durchgeladen hat.«

Ulrich Wotschikowsky ist Jäger und Experte für Beutegreifer wie Wolf, Bär und Luchs. Diverse Geweihe hängen in seiner Wohnung in Oberammergau, in eins hat er eine Büchse gelegt. Unter seinen Kollegen in der Gegend, von denen die meisten gerade keine Journalisten sehen und sprechen wollen, hat er einen schlechten Ruf. Was nicht nur daran liegen könnte, dass er gern und viel spricht, sondern dass er den Wolf mag und unbequeme Fragen stellt wie: Ist der Wolf wirklich das Problem oder doch eher unser befremdliches Naturverständnis? Zwar glaubt auch er, dass der Wolf tot ist, aber das tut nichts zur Sache: »Der nächste kommt bestimmt.« Tatsächlich ist Bayern von Wolfsländern umzingelt. In Italien, in der Schweiz, in Osteuropa, ja sogar in Sachsen und Brandenburg ist er längst wieder heimisch geworden. Insgesamt leben in Deutschland etwa sechzig Wölfe, die meisten davon in der Lausitz.

Wotschikowsky trägt eine Survivalhose von Jack Wolfskin, ein kariertes Hemd und einen grauen Zweiwochenbart; er ist 71, das Gesicht wettergegerbt, die Augen Schlitze – was ihm etwas Clint-Eastwood-Haftes verleiht. Um ihn herum streicht Joschka, sein braunzotteliger Deutscher Wachtelhund, und verströmt einen strengen Duft; Jäger schätzen diese Rasse, weil sie exzellente Jagdhunde sind; gegen einen Wolf aber hätten sie keine Chance. Vor Kurzem traf in Schweden eine Mutter mit Kinderwagen und Wachtelhund auf einen Wolf. Mutter und Kind kamen mit dem Schrecken davon, den Wachtelhund nahm sich der Wolf wie ein Spielzeug mit in den Wald. »Der Wolf ist ein problematisches Tier, aber wer Wildnis wieder zulassen will, darf sich nicht beschweren, wenn es wild zugeht«, sagt Wotschikowsky. »Ich wünsche mir den Wolf herbei, nicht nur weil er ein faszinierendes Tier ist, sondern weil er uns mit der Nase auf die Probleme unserer Weide- und Jagdwirtschaft stößt. Warum haben wir so viel Wild im Wald, dass wir es im Winter sogar füttern müssen? Und brauchen wir wirklich so viele Schafe auf den Almen?«

Was er sagt, birgt Zündstoff, denn es rüttelt an einem empfindlichen Gleichgewicht der Interessen. Ein hoher Wildbestand ist den Jägern sehr recht, weil es ihre Jagdquote erhöht und somit die Pacht finanziert, die sie an die Grundbesitzer abtreten müssen. Die Grundbesitzer, das sind zum großen Teil die Bauern. Die Bauern wiederum profitieren auch von den Schafen, die der Staat subventioniert, weil sie die Almen oben so schön freifressen, was wiederum die Touristen gern sehen, denn genau wegen dieser schönen Almteppiche kommt man ja schließlich hierher. Jetzt ist der Wolf da, und alles gerät aus den Fugen.
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Thomas Bärnthaler

, 42, weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, in Bayern einem Wolf im Wald zu begegnen, gleich null ist. Andererseits: Man weiß ja nie. Experten raten bei einer Wolfsbegegnung zu folgenden Verhaltensregeln: 1. Nicht wegrennen. 2. Langsam rückwärts gehen. 3. Laut sprechen. 4. Falls der Wolf folgt, was sehr unwahrscheinlich ist: Wolf anschreien, sich aufplustern. 5. Falls der Wolf immer noch folgt, was sehr, sehr unwahrscheinlich ist: mit einem Gegenstand nach ihm werfen.

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